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Kommentar zur Kometenlandung : Europas Stolz

  • -Aktualisiert am

„Philae“ im Landeanflug auf den Kometen 67P am Mittwochmorgen - fotografiert von „Rosetta“ mit der Osiris-Kamera. Bild: Esa

Rosetta und Philae - das Duo eroberte nicht nur den Kometen Tschuri, sondern auch unsere Köpfe. Die Mühen haben sich offenkundig gelohnt.

          Es gibt Menschen, die in „Philaes“ holpriger Landung auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko einen Fehlschlag sehen: Nach zehnjähriger Reise an Bord der Muttersonde Rosetta war der kühlschrankgroße Landeroboter am  Mittwoch in der vergangen Woche von seinem vorgesehenen Landeplatz in eine schattige Felsspalte gehüpft. Eine Kaltgasdüse, die ihn auf die Oberfläche drücken sollte, versagte, seine Landeharpunen zündeten nicht. Ohne ausreichend Sonnenlicht für die Solarbatterien verstummte Philae schon zwei Tage später.

          Wer hier einen Misserfolg zu sehen glaubt, verkennt zwei Dinge. Erstens ist die Landung eines Roboters auf einem 510 Millionen Kilometer entfernten Kometen etwas schwieriger zu bewerkstelligen als rückwärts Einparken im Stadtverkehr. Da darf man schon mal anstoßen. Zweitens: Bevor die Energiereserven erloschen, lieferten noch fast alle wissenschaftlichen Instrumente an Bord von Philae ihre Daten an die Erde. .

          Für 30 Cent zum Kometen

          Philae hat zum ersten Mal in der Raumfahrtgeschichte einen Kometenkern angebohrt, dessen Inneres mit Radar vermessen, seine mechanischen und elektrischen Eigenschaften untersucht und Bilder von seiner Oberfläche zur Erde gefunkt. Eine längere Mission von Philae wäre zwar wünschenswert gewesen - aber eben auch ein Bonus. Die Hauptmission Rosetta indes läuft noch viele Monate. Und die Hoffnung, dass der kleine Lander Philae noch einmal geweckt werden kann, sobald Komet „Tschuri“ näher an der Sonne steht, ist auch noch nicht ganz verloren.

          Was bringt uns das? Wäre das ganze Geld nicht besser in die Bekämpfung von Hunger und Armut investiert? Abgesehen davon, dass der Nutzen von Entwicklungshilfeprogrammen nicht immer unumstritten ist – die Rosettamission kostete 1,4 Milliarden Euro – verteilt auf ihre Laufzeit von über zehn Jahren. Gleichzeitig brachte die EU rund 55 Milliarden für Entwicklungshilfen auf – alleine im Jahr 2012. Damit kostete Rosetta jeden EU-Bürger weniger als 30 Cent pro Jahr, während die Entwicklungshilfe mit 110 Euro zu Buche schlägt. Ein Verzicht auf Rosetta hätte den Hunger auf der Welt nicht beseitigt, der Menschheit aber eine Möglichkeit genommen, die Welt zu erforschen in der sie lebt. Und diese Welt endet nicht in 100 Kilometer Höhe, am Rand des Weltalls.

          Rosetta erobert die sozialen Netze

          Den Erfolg der Rosetta-Mission - von der Philae nur ein Teil ist - einzig an ihrem wissenschaftlichen „Output“ zu messen, griffe ohnehin zu kurz. Mit Rosetta hat die Europäische Raumfahrtagentur Esa ihre Öffentlichkeitsarbeit ins 21. Jahrhundert katapultiert - und die sonst oft im Schatten Amerikas stehende europäische Raumfahrt ins Zentrum des Medieninteresses gerückt. Konsequent nutzte die Esa Internet und soziale Medien, um die Faszination der Mission auf Laptops und Smartphones und somit in Köpfe und Herzen von möglichst vielen Menschen zu bringen. Da „unterhielten“ sich Raumsonden untereinander, übermittelten Statusmeldungen und Bilder, beantworteten Fragen - auf Twitter, einem Medium, dass beim Start der Mission noch gar nicht existierte. Direktübertragungen von den entscheidenden Pressekonferenzen befriedigten die Neugier nicht nur ausgewiesener Weltraumenthusiasten.

          Mit professionell produzierten Videos ging die Esa über die Vermittlung rein technischer Informationen hinaus und gab ihren Raumfahrzeugen Gesichter und Persönlichkeit. Man kann darin eine Verniedlichung von Wissenschaftskommunikation sehen. Doch die Esa schaffte es, aus seelenlosen Robotern sympathische Wesen zu machen, mit denen man mitfiebern konnte. Wie viele zukünftige Wissenschaftler und Ingenieure dadurch inspiriert wurden, lässt sich nur erahnen.

          Unverständliche Embargopolitik

          Freilich blieb nicht verborgen, dass nicht die Europäische Raumfahrtagentur, sondern die beteiligten Forschungsinstitute nach wie vor die Oberhoheit über die von den Instrumenten an Bord von Philae und Rosetta gelieferten Daten haben. Und diese nutzten die neuen Möglichkeiten höchst unterschiedlich. Das Arbeitsgruppe des vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) verantworteten Multi-Purpose-Sensors Mupus ließ einen der Ihren neueste Ergebnisse vom letztlich erfolglosen Anhämmern des Kometen auf einer Zugfahrt live ins Internet „zwitschern“ und damit zeigen, wie Wissenschaftskommunikation heute ablaufen kann.

          Die Osiris-Gruppe des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung in Göttingen - sie betreiben die beste Kamera in Rosettas Arsenal - beharrte dagegen auf ihrer strikten Embargopolitik, die schon seit Monaten für Kritik sorgt - und gab bis auf wenige Ausnahmen überhaupt keine Bilder an die Öffentlichkeit. Vorbildlich ist dagegen die Entscheidung der Esa, die Bilder der von Navigationskamera unter Creative-Commons-Lizenz herauszugeben und deren Verwendung damit weitgehend freizustellen

          Anders als Amerikaner begreifen Europäer eine Mission wie Rosetta weniger als Ausweis nationaler oder kontinentaler Überlegenheit. Philae hat auf „Tschuri“ keine Europafahne aufgepflanzt. Das ist erfrischend. Dennoch: Man darf als Europäer ruhig ein bisschen stolz sein auf „unsere“ Rosetta-Mission. Denn sie hat gezeigt, dass der Alte, immer noch nicht ganz vereinte Kontinent eben doch mehr ist als ein zerstrittener Haufen von Einzelstaaten mit ungeliebter Einheitswährung. Europäer können, wenn sie zusammenarbeiten und ihre Fähigkeiten und Leidenschaft zusammenbringen, Großartiges leisten.

          In einem Jahr, in dem einmal mehr Katastrophen die Nachrichten dominieren, ist die Landung eines kleinen Roboters auf einem Millionen Kilometer entfernten Felsbrocken bereits an sich ein Erfolg, der aller Mühen wert ist.

          Quelle: F.A.Z.

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