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Veröffentlicht: 01.07.2007, 19:28 Uhr

Meteoriten Doch ein Krater in der Taiga?

Im Jahr 1908 ereignete sich in Sibirien eine riesige Explosion. Experten sind sich einig, dass nur ein Meteorit dafür verantwortlich gewesen sein kann. Gefunden hat man diesen jedoch nie. Jetzt glauben italienische Wissenschaftler, das Rätsel gelöst zu haben.

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© Universität Bologna Seine konusartige Form macht den Tscheko-See verdächtig (Computer-Modell)

Eine heftige Explosion schreckte am Morgen des 30. Juni 1908 die Menschen in Sibirien auf. Zeugen berichteten später von einem Feuerball, der über den Himmel zog. Über Hunderte von Kilometern war das Ereignis zu hören gewesen. Selbst in Amerika hatte man es bemerkt. Druck- und Bebenwellen waren weltweit registriert und in Europa und in Zentralasien war der Himmel aufgehellt worden.

Die Explosion, da sind sich die Fachleute sicher, hatte ein Komet oder ein großer Steinmeteorit erzeugt, der in die Erdatmosphäre eingedrungen war. Reste von diesem Objekt hat man allerdings bis heute nicht aufgespürt, und auch einen Einschlagkrater fand man nicht. Jetzt glaubt eine Gruppe von Forschern des Istituto Szienze Marine und der Universität in Bologna, der Universität in Triest sowie des Unternehmens Communication Technology in Cesena, ein See namens Tscheko verberge möglicherweise den Einschlagkrater.

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Einige hundert Hiroshima-Bomben

Die ersten konkreten Hinweise auf eine kosmische Ursache der Explosion hatte der russische Forscher Leonid Kulik in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts geliefert. An der Steinigen Tunguska, einem Fluss in der fraglichen Region, hatte er das Epizentrum entdeckt. Von dort aus waren radial in alle Richtungen unzählige Bäume umgeknickt. Insgesamt wurden bei der Explosion den neuesten Schätzungen zufolge rund 80 Millionen Bäume in einem mehr als 2000 Quadratkilometer großen Areal flachgelegt. Offenbar ist in fünf bis zehn Kilometer Höhe so viel Energie freigesetzt worden, wie einige hundert Hiroshima-Bomben lieferten.

tscheko-see © Universität Bologna Vergrößern Nach ihren Messungen, vermuten die Forscher den Krater im See

Im Jahr 1999 haben die italienischen Forscher auf ihrer ersten großen Expedition in dem Gebiet nach Meteorstaub gesucht. Dabei untersuchten sie auch den Boden des nur acht Kilometer vom Epizentrum der Explosion entfernten Tscheko-Sees, der 1928 erstmals auf einer Landkarte der abgelegenen Region erschien. Ob es ihn vor 1908 schon gab, ist unbekannt. Sie führten dabei Sonar- und Bebenmessungen aus und drangen mit einer Bohranlage 1,8 Meter tief in die Sedimente vor.

Trotz allem ein Rätsel

Die seismischen Messungen ließen zehn Meter unter dem Boden des Sees eine „Reflektionsanomalie“ erkennen. Entweder war dort der Untergrund verdichtet, oder es lag dort ein Meteorit. Die Sonarmessungen enthüllten, dass das Seebecken ähnlich einem Einschlagkrater konusartig geformt ist. Insgesamt ist der See aber flach und in einer Richtung - von einer Kreisform abweichend - länglich ausgebuchtet, als sei ein verhältnismäßig langsam und flach niedergegangenes Objekt eingeschlagen.

Die italienischen Forscher, die ihre nicht jedermann überzeugenden Expeditionsergebnisse in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Terra Nova“ veröffentlicht haben, schreiben selbst, das „Tunguska-Ereignis“ bleibe trotz allem ein Rätsel. Man benötige auf jeden Fall noch eine Bohrprobe aus zehn Meter tiefem Sediment. Im kommenden Jahr wollen sie eine weitere Expedition zu dem See unternehmen.

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