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Mars-Mission Das außerirdische Panorama hat uns überwältigt

09.01.2004 ·  Der Mars scheint doch nur ein entfernter Verwandter der Erde zu sein: Die Bilder von "Spirit" setzen die Spekulationen der letzten hundert Jahre fort.

Von Günter Paul
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"Sicher deutet das, was wir sehen, auf die Existenz von Lebewesen hin, die auf der Stufenleiter des Lebens über und nicht unter uns stehen." Verblüffend war diese Deutung markanter Strukturen auf dem roten Planeten schon im Jahr 1895, als der amerikanische Astronom Percival Lowell sie einem breiten Publikum in seinem Buch "Mars" darlegte. Achtzehn Jahre zuvor hatte der Mailänder Astronom Giovanni Schiaparelli auf der Oberfläche des Planeten ein Netzwerk schnurgerader dunkler Linien entdeckt, die er "canali" (Rillen, aber auch Kanäle) nannte. Sie waren auch mit den weißen Polkappen des Mars verbunden. Für Lowell stand deshalb fest, daß ein Klimawechsel den Planeten hatte weitgehend austrocknen lassen und daß daraufhin intelligente Marsbewohner ein planetenweites, von den eisbedeckten Polen aus gespeistes Bewässerungssystem angelegt hatten, um ihre Ernährung sicherzustellen. Und der Umfang des Systems konnte nur bedeuten, daß es auf dem Planeten keine politischen Grenzen mehr gab. Die friedfertigen Marswesen hatten sie abschaffen können - und waren den Menschen damit moralisch haushoch überlegen.

Die Spekulationen von Schiaparelli und Lowell sind in der utopischen Literatur auf fruchtbaren Boden gestoßen - und auf skeptischere Autoren. H. G. Wells beispielsweise veröffentlichte (nur drei Jahre nach Erscheinen von Lowells "Mars", nämlich im Jahr 1898) mit dem "Krieg der Welten", in dem keineswegs angenehme Bewohner des Mars die Erde überfielen, den ersten Roman einer interplanetarischen Invasion.

Ödnis weit und breit

Naturgemäß waren es aber die positiven Visionen in Verbindung mit dem Mars, die von den Technikern der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa im Jahr 1997 noch einmal heraufbeschworen wurden, als die Raumsonde "Pathfinder" und der Rover "Sojourner" einen kleinen Flecken im Ares Vallis, einem weiten Tal auf dem roten Planeten, in Augenschein nahmen. Jedesmal, wenn im Ares Vallis die Sonne am Horizont erschien und ein neuer Tag anbrach, ertönte im Kontrollzentrum des Jet Propulsion Laboratory in Pasadena (Kalifornien) ein anderes Wecklied für den "Sojourner". Mal war es "Obscured by Clouds" von Pink Floyd, mal "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauss oder "Where the Streets Have No Name" von U 2.

Wären die Lieder auf dem Mars selbst erklungen, hätte das selbst wieder das Thema eines neuen Romans sein können. Aber vielleicht hätte man dann lieber "Spiel mir das Lied vom Tod" anklingen lassen. Denn die Fotos vom Landeplatz des "Pathfinder" zeigten, wie trostlos es auf dem roten Planeten tatsächlich aussieht. Die jüngsten Bilder des Rover namens "Spirit" vom Boden des hessengroßen Gusev-Kraters verstärken diesen Eindruck noch: nichts als Ödnis weit und breit.

Städte auf dem Mars

Das Bild, das sich die Menschen vom Mars gemacht haben, hat sich mehrfach dramatisch geändert, und letztlich haben auch die Raumsonden keine endgültige Klarheit geschaffen. Denn was besagt es, daß es auf dem Planeten Polarkappen, riesige Vulkane und öde Wüsten wie auf der Erde gibt? Eine ganz andere Frage hat sich über die Jahrhunderte - fast seit Erfindung des Fernrohrs - gestellt: Gibt oder gab es auf dem Mars Leben, und sei es nur in primitiver Form? Den Beweisen pro oder kontra gegenüber ist Vorsicht geboten. Berücksichtigt man das Umfeld, war Lowells Argumentation für die Existenz uns überlegener Marsbewohner gar nicht so absurd. Auch wenn sie zu wilden Spekulationen Anlaß gab. Der Astronom Samuel Phelps Leland äußerte damals sogar, es werde möglich sein, Städte auf dem Mars zu sehen, Schiffe in seinen Häfen zu entdecken, den Rauch großer Industriestädte auszumachen.

Daß der Mars nicht immer fast knochentrocken war, wie man bei der Nasa seit einiger Zeit gebetsmühlenartig herunterleiert, um der Marsforschung ein großes Ziel zu setzen - die Suche nach früherem Leben -, ist in moderner Zeit eine der am tiefsten verwurzelten Vorstellungen. Im Jahr 1636 entdeckte der italienische Astronom Franciscus Fontana auf der Oberfläche des Planeten dunkle Flecken wie auf dem Mond. Dort, so glaubte man, deuteten sie auf große Meere, riesige Wasserreservoirs hin. Folglich sollte das auch für den Mars gelten. Als man im neunzehnten Jahrhundert erkannte, daß diese Meere nicht existieren konnten, weil der Planet dafür eine dichtere Atmosphäre hätte haben müssen, deutete man die dunklen Regionen in ausgetrocknete Meeresböden um, die von niederer Vegetation überzogen seien.

Glaube an Pflanzenbewuchs

Das Argument der zu dünnen Atmosphäre wurde verdrängt, als Schiaparelli die "canali" entdeckte und Lowell sein Bild von den intelligenten Marswesen entwarf, für dessen Beweis er eigens 1894 in Flagstaff (Arizona) eine große Privatsternwarte baute. Mysteriös sind die angeblichen Kanäle bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts geblieben, als man herausfand, daß alles nur eine Illusion war. Die "canali" waren durch unzureichende Optiken der früheren Teleskope vorgetäuscht worden.

Der Glaube an einen Pflanzenbewuchs auf dem Planeten hielt sich bei einigen Astronomen weit hartnäckiger. Noch 1947 und 1948 ermittelte der amerikanische Astronom Gerard Kuiper an einigen Stellen auf dem Mars ein Reflexionsvermögen, das demjenigen irdischer Pflanzen glich. Er fand Ähnlichkeiten mit Flechten, Pilzen und Algen. Und änderte sich die Farbe dieser Regionen - die im Frühjahr grünlicher wurden - nicht mit den Jahreszeiten?

Spuren früheren Mikrolebens

Erst die Marssonden, allen voran "Mariner 4" im Jahr 1965, ließen auf dem Planeten Landschaften erkennen, die seit Jahrmilliarden tot gewesen sein müssen. Für Leben, und sei es für ausgestorbenes, schien kein Platz mehr zu sein. Entsprechend wurden 1976 auch die Ergebnisse der Spurensuche interpretiert, die die beiden Viking-Landegeräte unternahmen. Erst vor kurzem ist offenkundig geworden, daß die Viking-Biolabors auch in der - wenngleich schwach - belebten Atacama-Wüste in Chile kein Leben entdeckt hätten.

Den anderen Schluß, daß es einst wohl doch Leben auf dem Mars gegeben hat, darf man daraus allerdings nicht voreilig ziehen. Auch wenn einige Wissenschaftler eine solche These wieder verstärkt vertreten, seit eine Forschergruppe um David McKay im August 1996 lautstark verkündete, sie habe in einem vom Mars stammenden Meteoriten, ALH84001, Spuren früheren Mikrolebens entdeckt - die sich jede für sich aber auch anorganisch erklären lassen. Den endgültigen Beweis für ihre Behauptung wollte die Forschergruppe damals schon bald antreten. Sie hätte mittlerweile die Möglichkeit, bei den Fossilien die Zellwände sichtbar zu machen. Seitdem haben die beteiligten Forscher dazu geschwiegen. Von den Marsmissionen in diesem Jahr ist keine Klärung der Frage nach der einstigen Belebtheit des Planeten zu erwarten. Bleibt zu hoffen, daß der zweite amerikanische Marsrover ("Opportunity"), der am 25. Januar auf unserem kosmischen Nachbarn landen soll, zumindest Bilder einer aufregenderen Region auf dem Planeten vermittelt als der Rover "Spirit" - bei aller Liebe für Steinwüsten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.01.2004, Nr. 8 / Seite 33
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Jahrgang 1946, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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