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Veröffentlicht: 06.06.2014, 07:58 Uhr

Paralleluniversum Die dickste Kröte sitzt im dritten Level

Der Kosmologe Max Tegmark, Prophet der Parallelwelten, flirtet mit der Unendlichkeit. Multiversen lassen sich aber nicht wissenschaftlich nachweisen.

von
© Illustration Isabel Klett Nur ein einziges Universum ist ihm entschieden zu wenig. Der gebürtige Stockholmer Max Tegmark ist als Sohn des amerikanischen Mathematikers Harold Shapiro mit Abstraktionen vertraut.

Am 4. Dezember 1998 bekam Max Tegmark eine E-Mail, auf die er gerne verzichtet hätte. Der damals 31-jährige Physiker hatte es nach Promotion in Berkeley und einer Postdoc-Stelle am Max-Planck-Institut für Astrophysik ans Institute for Advanced Study in Princeton geschafft. Doch nun schrieb ihm ein Professor: „Lieber Max, deine Spinner-Aufsätze (,crackpot papers‘) sind nicht hilfreich für dich. Indem du sie bei renommierten Journalen einreichst und dann auch noch das Pech hast, dass sie publiziert werden, nimmst du ihnen, was daran ,witzig‘ ist. Sieh doch ein, dass du deine Zukunft gefährdest, wenn du diese Aktivitäten nicht völlig von deiner ernsthaften Forschung trennst. Am besten, du lässt sie ganz bleiben.“

Ulf von Rauchhaupt Folgen:

Es ist bezeichnend, dass die Mahnung nicht gefruchtet hat. Bezeichnend für Tegmark, der heute ordentlicher Professor am Massachusetts Institute of Technology ist und jene E-Mail in seinem Buch „Our Mathematical Universe“ zitiert, bezeichnend aber auch für die Karriere der Idee, um die sich seine damaligen „crackpot papers“ drehten und für die er nun in einem allgemeinverständlichen, ungemein lesbaren Buch wirbt: Die Idee, es gebe außer dem Universum, das wir bewohnen und erforschen können, noch andere Universen, und zwar unendlich viele.

Ein Urknall von unendlich vielen

Das Buch erschien kurz bevor Astrophysiker jetzt verkündeten, sie hätten in der kosmischen Mikrowellenstrahlung, dem Nachleuchten des Urknalls, Muster gefunden, welche die sogenannte Inflations-Hypothese über die ersten Momente nach dem Urknall stützen. Der Amerikaner Alan Guth und der Russe Alexei Starobinski hatten sie um 1980 herum formuliert. Starobinskis Landsmann Andrei Linde hat sie ausgebaut und gezeigt, wie bestimmte Varianten der kosmischen Inflation zu einem „Multiversum“ führen, in dem „unser“ Urknall nur einer von unendlich vielen ist. Dort knospen fortlaufend Universen, die untereinander meist keine Verbindung haben.

Auch wenn der Mikrowellen-Fund gerade wieder angezweifelt wird und die Inflationshypothese noch unentdeckte Physik voraussetzt, ist sie aufgrund ihrer Eleganz heute zum Standardmodell der ersten kosmischen Augenblicke geworden. Und vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Guth, Starobsinki und Linde den diesjährigen, eine Million Dollar schweren Kavli-Preis für Astrophysik erhalten werden.

Nun sind Beweise für die Inflation noch lange keine Indizien für die Existenz eines Multiversums, doch die Konjunktur des Inflationsmodells hat die Frage, ob denn etwas gänzlich Unbeobachtbares wie ein Paralleluniversum Gegenstand von Naturwissenschaft sein kann, leiser werden lassen. „Die Kritik hat sich verschoben“, schreibt Tegmark. „Von ,Das ist Unsinn!‘ zu ,Ich mag es nicht‘.“

Wie geht es hinter dem Teilchenhorizont weiter?

Aber auch wer das Multiversum mag, muss sich bei Tegmark auf einiges gefasst machen. Denn der glaubt nicht nur an ein Multiversum, sondern gleich an vier. Die Existenz des ersten - Tegmark nennt es „Level-I-Multiversum“ -, ist dabei kaum zu bezweifeln. Nach Einstein kann sich nichts schneller ausbreiten als das Licht. Also gibt es Raumbereiche, die weiter von uns entfernt sind als die Strecke, die das Licht seit dem Urknall zu uns zurücklegen konnte. Die Regionen hinter diesem sogenannten Teilchenhorizont sind somit tatsächlich so etwas wie Paralleluniversen, da aus ihnen noch keine Information zu uns dringen konnte. Von ihrer Existenz müssen wir gleichwohl ausgehen, wollen wir nicht behaupten, dass das All am Teilchenhorizont abrupt endet.

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