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Veröffentlicht: 29.04.2015, 12:59 Uhr

Kontakt verloren Russischer Raumfrachter außer Kontrolle

Der unbemannte „Progress“-Frachter stürzt unkontrolliert auf die Erde. Der Kontakt zu dem Transporter war am Vortag kurz nach dem Start vom Weltraumbahnhof Baikonur verloren gegangen.

von , Moskau
© dpa, reuters Raumtransporter stürzt auf die Erde

Der russische Raumtransporter Progress M-27M ist außer Kontrolle geraten. Nach amerikanischen Angaben dreht sich das unbemannte Raumschiff, das insgesamt 2,4 Tonnen Treib- und Sauerstoff, Geräte für wissenschaftliche Experimente, Nahrungsmittel, Briefe und Geschenke für die Besatzung zur Internationalen Raumstation bringen sollte, alle fünf Sekunden um die eigene Achse. Die Trümmer könnten im Mai auf die Erde stürzen.

Friedrich Schmidt Folgen:

Aus der russischen Flugleitzentrale hieß es, man habe zwei Versuche unternommen, das Raumschiff zu stabilisieren, doch ohne Erfolg. Das Raumschiff war am Dienstag um 10.10 Uhr Ortszeit im kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur mit einer Sojus-Trägerrakete gestartet und sollte sechs Stunden später an die Raumstation andocken. Doch hieß es aus der Flugleitzentrale, die Rakete habe das Raumschiff auf eine zu hohe Umlaufbahn gebracht, zudem habe man keine Messdaten mehr erhalten. „Nur ein Wunder kann noch helfen“, zitierte die Nachrichtenagentur Ria Nowosti einen Mitarbeiter der Flugleitzentrale. Hauptgrund soll ein Defekt an der dritten Stufe der Trägerrakete sein. Aus der Raumfahrtbehörde Roskosmos hieß es, Progress sei im unkontrollierten Sinkflug. Trümmer, die nicht in der Atmosphäre verglühten, würden zwischen dem 7. und dem 11. Mai auf die Erde fallen. Die Spezialisten könnten einige Stunden vor dem Aufprall Zeit und Ort angeben.

Nach Angaben von Roskosmos und der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa hat die Raumstation vorerst genug Lebensmittel und technisches Material an Bord. Auf der Station rund 400 Kilometer über der Erde arbeiten sechs Besatzungsmitglieder, zur Zeit drei Russen, zwei Amerikaner und eine Italienerin. Der nächste Start eines russischen Transporttraumschiffs war für den 8. August vorgesehen, er könnte nun vorgezogen werden. Am 19. Juni soll eine amerikanische Transportraumkapsel vom Typ „Dragon“ des Unternehmens SpaceX an die ISS andocken.

Ein namentlich nicht genannter Fachmann der russischen Flugleitzentrale nannte die Panne „beunruhigend“, da sie bei einer Sojus-Rakete aufgetreten sei, die auch für bemannte Flüge genutzt werde. Möglicherweise werde der für den 26. Mai geplante Start dreier Raumfahrer zur Raumstation verschoben.

Am Dienstag hieß es, an Bord des Transportraumschiffes befinde sich auch eine Nachbildung der sowjetischen Fahne, die Soldaten der Roten Armee nach der Eroberung Berlins 1945 auf dem Reichstag gehisst hatten. Vor dem Hintergrund der Fahne sollten die russischen Besatzungsmitglieder der Raumstation ihren Landsleuten zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai gratulieren. Nach dem Verlust des Raumschiffes teilte Roskosmos mit, die Flagge sei schon Ende März auf die Raumstation gebracht worden. In den vergangenen Jahren hatte Roskosmos mehrere Satelliten verloren. Im Jahr 2011 war schon ein Progress-Transporter auf dem Weg zur Raumstation verunglückt. Russland schickt jedes Jahr drei bis vier Progress-Versorgungsflüge.

Der Vorrat genügt

Der missglückte Flug der Progress 59 dürfte Raumfahrtexperten irritieren. Denn die russischen Progress-Raumfrachter versorgen – wie die japanischen und privaten amerikanischen Raumtransporter – seit Jahren routinemäßig die Astronauten der Raumstation mit Lebensmitteln, Wasser, Sauerstoff und Treibstoff. Bisher gab es nur zwei größere Zwischenfälle. Im August 2011 stürzte eine Sojus mit einer Progress ab, Ende Oktober 2014 explodierte eine amerikanischen Antares-Rakete mit dem Raumfrachter Cygnus kurz nach dem Start. Sollte die Progress 59 tatsächlich verloren gehen, besteht aber kein Versorgungsengpass für die sechs Besatzungsmitglieder der Raumstation, teilte Roskosmos weiter mit. Sie verfügten über einen großen Vorrat an Lebensmitteln und technischem Material. Auf der ISS arbeiten derzeit die russischen Kosmonauten Gennadi Padalka, Michail Kornijenko und Anton Schkaplerow sowie die amerikanischen Astronauten Scott Kelly und Terry Virts und die Italienerin Samantha Cristoforetti von der Europäischen Raumfahrtagentur. (mli.)

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