31.08.2004 · Der amerikanische Traum von bemannten Flügen zum Mond und zum Mars muß finanziert werden. Dafür will die Nasa das Hubble-Weltraumteleskop vorzeitig außer Betrieb zu nehmen.
Von Günter PaulDen Aufbruch zu neuen Ufern heraufzubeschwören kommt in Amerika immer gut an. Das mag sich auch Präsident Bush gedacht haben, als er im Januar seine Träume von bemannten Flügen zum Mond und zum Mars der Öffentlichkeit mitteilte. Die Vorstudien sollten seinen Vorstellungen zufolge fast ausschließlich durch Umverteilung von Mitteln der Raumfahrtbehörde Nasa finanziert werden.
Ob er gewußt hat, was er damit anrichtete? Der Administrator der Nasa, Sean O'Keefe, hatte jedenfalls nichts Eiligeres zu tun, als sogleich zu verkünden, einen weiteren bemannten Wartungs- und Reparaturflug zum Hubble-Weltraumteleskop mit dem Space-shuttle werde es nicht mehr geben - angeblich, weil nach dem Absturz der Raumfähre Columbia nicht noch einmal das Leben von Astronauten aufs Spiel gesetzt werden sollte. Die zeitliche Nähe dieser Bekanntgabe zur Mars-Rede Bushs deutet darauf hin, daß es ihm in Wirklichkeit darum ging, die neuen Pläne des Präsidenten finanziell abzusichern.
Alter des Kosmos
Ganz gleich, ob das Weltraumteleskop tatsächlich einem in seinen Konsequenzen undurchdachten Aufruf zu neuen Pioniertaten geopfert werden sollte oder nicht - die Astronomen waren entsetzt, und die meisten von ihnen sind es bis heute. Denn bei diesem Instrument handelt es sich nicht um irgendein Teleskop, sondern um das wohl erfolgreichste Observatorium unserer Zeit - nicht sosehr wegen der prachtvollen Fotos von Galaxien und kosmischen Nebeln, die in fast keinem Astronomiebuch mehr fehlen, wenngleich diese den Menschen das Universum näher gebracht haben als manch eine bedeutsame Erkenntnis über das All. Für die Wissenschaftler ist wichtiger, daß sie mit dem Hubble-Teleskop weiter in die kosmische Ferne und die Vergangenheit allen Seins schauen können als mit anderen Fernrohren, auch wenn das, was sie dort sehen, nicht so fotogen sein mag.
Dem Weltraumteleskop allein ist es zu verdanken, daß sich in der Wissenschaft nun eine einheitliche Vorstellung vom Alter des Kosmos durchgesetzt hat. Noch vor wenigen Jahren behaupteten die einen, das Universum sei vor achtzehn bis zwanzig Milliarden Jahren entstanden, während die andern nur zwölf Milliarden Jahre ansetzten. Jahrzehntelang hatten sich die beiden Gruppen nicht einigen können - bis sie gemeinsam das mit Hilfe des Hubble-Teleskops ermittelte Alter von knapp vierzehn Milliarden Jahren akzeptierten.
Heftiger Widerstand
Auch das Bild von der Entwicklung des Universums hat sich dank des Teleskops gewaltig gewandelt. Nach jüngeren Vorstellungen dehnt sich der Kosmos nicht nur aus, sondern die Expansion beschleunigt sich sogar noch. Noch grundstürzender ist die damit zusammenhängende Erkenntnis, daß die sichtbare Materie nur einen winzigen Bruchteil des Kosmos ausmacht, während der Rest dem Menschen bislang verborgen bleibt. Philosophen müssen nun neu darüber nachdenken, was das bedeutet.
Mit seinem Vorhaben, das Hubble-Weltraumteleskop zu opfern, hat sich der Nasa-Administrator nicht gerade als Visionär erwiesen. Der heftige Widerstand gegen diesen Plan dürfte ihn jedenfalls überrascht haben. Flugs konterte er mit dem Vorschlag, ein Roboter könne ja das Observatorium reparieren. Dann müsse man wenigstens nicht die Astronauten einem Risiko aussetzen. Wie er mit dieser Einstellung bemannte Flüge zum Mond und zum Mars realisieren will, die mit einem viel größeren Risiko für die Raumfahrer behaftet sind, bleibt sein Geheimnis.
Nasa optimistisch
Über die Möglichkeiten einer Robotermission gibt es unterschiedliche Meinungen. Die Mehrheit der Forscher glaubt, daß man vielleicht die verbrauchten Batterien des HubbleTeleskops austauschen und die Gyroskope zur Ausrichtung des Fernrohrs ersetzen kann. Die Montage neuer Meßgeräte dagegen wäre so kaum zu bewerkstelligen. Die Nasa gibt sich einstweilen optimistisch. Aber erst im kommenden Jahr soll entschieden werden, ob ein Reparaturroboter überhaupt schnell genug zur Verfügung stünde, um Hubble zu retten.
Ungeklärt ist vor allem auch das mit einer unbemannten Mission verbundene Risiko für das Teleskop. Sollte die Reparatur mißlingen, hätte das Fernrohr nur noch Schrottwert. Als die europäische Raumfahrtbehörde Esa die erste Rakete des Typs Ariane5 verlor, mußte sie gleichzeitig den Verlust von vier Forschungssatelliten beklagen, die sie leichtfertig einem im Flug noch nicht getesteten Träger anvertraut hatte. Wäre es nicht höchster Leichtsinn, eine komplizierte automatische Mission am Weltraumteleskop zu erproben?
Viel Propaganda
Für die Nasa stehen offenbar andere Prioritäten im Vordergrund. Wenn sie komplexe Infrastrukturen auf dem Mond und auf dem Mars aufbauen will, kommt sie - trotz der bemannten Flüge - an der Entwicklung neuer Weltraumroboter nicht vorbei. Für die Raumfahrtbehörde bietet sich nun die Chance, die Techniken, die sie bei den neuen Plänen sowieso erwerben muß, an einem für sie augenscheinlich nicht mehr so wichtigen Objekt zu erproben. Ohne diese Beweggründe offenzulegen, hat sie mit viel Propaganda auch unter den Astronomen schon Freunde für ihr Vorgehen gefunden - wenngleich nicht allzu viele.
Die Propaganda der Nasa schaut unvermutet hinter vielen Ecken hervor. Jüngst verbreitete die Raumfahrtbehörde in einem Statusbericht zur Internationalen Raumstation, die momentane Mannschaft - Expedition9 - sei mittlerweile siebzehn Wochen unterwegs, für sie sei es bereits der Tag 128 im All. Und fügte (mit Ausrufungszeichen) hinzu, das seien fast zwei Drittel der Reisezeit zum Mars. Mit der Zeit wird sie durch vielfaches Wiederholen manch einen so weit betäubt und von der Bedeutung eines bemannten Marsflugs "überzeugt" haben, daß die Erinnerung an das Hubble-Teleskop dagegen verblaßt.