Herr Harris, Sie forschen über Asteroiden und Kometen am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin und leiten das EU-Projekt “NEOshield“, das die Möglichkeiten untersucht, Asteroiden abzuwehren, die sich auf Kollisionskurs mit der Erde befinden. Angesichts der Ereignisse vom vergangenen Freitag noch einmal die Frage: Wie groß ist die Gefahr, dass unser Planet von einem erdnahen Himmelskörper getroffen wird?
Das Risiko ist sehr gering. Die meisten Objekte sind klein und verglühen unbemerkt in der Atmosphäre. Aber wir haben gesehen, dass Asteroiden sehr nahe an der Erde vorbeifliegen können, aber auch, was passiert, wenn ein solches Objekt in die Atmosphäre eindringt und explodiert. Ein derartiges Ereignis wie über dem Ural kommt rein statistisch nur alle hundert Jahre vor. Und dass ein Asteroid mit der Größe von 2012 DA14 auf die Erde stürzt, kann alle tausend Jahre eintreten. Im Jahr 2029 wird Apophis, ein 300 Meter großer Brocken, friedlich an der Erde vorbeiziehen - in einer ähnlichen Entfernung wie 2012 DA14.
Weiß man inzwischen, wie groß das Objekt über dem Ural gewesen ist?
Ja, der Asteroid war entgegen ersten Schätzungen recht groß. Er hatte, wie neue Berechnungen zeigen, einen Durchmesser von 17 Metern und eine Masse von rund 10 000 Tonnen. Als er in einer Höhe von 20 bis 30 Kilometern explodierte, entwickelte er die Sprengkraft von 500 Kilotonnen TNT. Das erklärt die großen Schäden.
Hätte man bei dieser Größe, den Himmelskörper eigentlich nicht bereits vorher entdecken müssen?
Ich habe das im Nachhinein auch gedacht. Den Asteroiden 2008 TC3, der am 7. Oktober 2008 über Sudan explodierte, hatte man bereits einen Tag zuvor aufgespürt und so rechtzeitig eine Warnung ausgeben können. Dabei hat es sich mit nur vier Metern Durchmesser um einen vergleichsweise kleinen Brocken gehandelt. Dass man den etwas größeren Asteroiden vom vergangenen Freitag nicht vorher beobachtet hat, kann viele Gründe gehabt haben. Vielleicht hatten einige optische Teleskope, die den Himmel ständig nach anfliegenden Objekten absuchen, keine freie Sicht. Die Suchprogramme sind nicht für alle Richtungen gleich empfindlich, so dass kleine Asteroiden, insbesondere, die das Sonnenlicht nur schwach reflektieren, unbemerkt in die Atmosphäre eindringen können. Im Schnitt werden aber jeden Tag zwei neue erdnahe Asteroiden entdeckt.
Wann kann man sicher sein, dass man einen neuen erdnahen Asteroiden entdeckt hat?
Um sicher sein zu können, dass es sich um einen Asteroiden handelt, muss man Aufnahmen von mehreren zeitlich versetzten Beobachtungen der entsprechenden Himmelsregion in derselben Nacht vergleichen. Der Asteroid muss praktisch in allen diesen Aufnahmen vorhanden sein und seine Bewegung gegen die Fixsterne klar sein.
Wie viele solcher „Near Earth Objects“ (kurz NEO) kennt man inzwischen?
Das hängt von deren Größe ab. Von den erdnahen Asteroiden, die größer sind als einen Kilometer, sind mittlerweile 95 Prozent bekannt. Schwieriger wird es bei kleineren Objekten wie 2012 DA14, die einige Dutzend Meter messen. Wir schätzen, dass es weit mehr als eine Million davon gibt. Nur ein Prozent von ihnen kennt man bislang.
Wie viele könnte man durch ein verbessertes Überwachungssystem erfassen?
Die Nasa hat das Ziel bis 2020 möglichst alle erdnahen Asteroiden, die größer sind als 140 Meter, aufzuspüren. Das sind genau jene Objekte, deren Einschlag für die Erde eine große Gefahr darstellen. Man ist auf einem guten Weg. Das System, Pan-STARRS, das aus vier 1,8-m-Teleskopen besteht, wird derzeit auf Hawaii installiert. Es hat große Himmelsregionen im Blick. Was wir aber vor allem brauchen, sind Teleskope, die ausschließlich dazu dienen, den Himmel nach Asteroiden abzusuchen. Dann könnte man auch kleinere Objekte, wie jenes über Russland, ein paar Wochen vorher erfassen. Doch für solche Suchteleskope ist es schwierig Geldgeber zu finden.
Müsste nicht auch das Militär ein Interesse an einer lückenlosen Himmelsüberwachung haben, gerade im Hinblick auf ihre Satelliten?
Die amerikanische Air Force beteiligt sich auch am Bau und Betrieb einiger Teleskope. Nicht zuletzt aus Furcht vor Weltraumschrott, der die militärischen Sonden bedroht. Die Teleskope werden auch für die Suche nach erdnahen Himmelskörpern genutzt. Auch der TV-Sender „Discovery Channel“ ist ein Förderer von einem Teleskop geworden. Doch jedes Land backt seine eigenen Brötchen. Es gibt keine internationale Koordination. Hin und wieder trifft man sich ...
Wie in den vergangenen Tagen in Wien, wo Vertreter verschiedener Länder, der Nasa und der europäische Raumfahrtagentur Esa auf Einladung der Vereinten Nationen über die Asteroidenüberwachung diskutierten.
Wir waren nur 26 Teilnehmer in Wien. Die UN diskutiert über ein internationales Gremium, das die Verantwortung im Namen aller Nationen für die Problematik der erdnahen Objekte übernehmen könnte. Die Nasa finanziert das Zentrum „The Minor Planet Center“ am Smithsonian Astrophysical Observatory in Harvard (Massachusetts)http://www.cfa.harvard.edu/sao/, das Informationen über neue Entdeckungen erfasst, sammelt und an Institute weiterleitet, die die Daten auswerten und daraus nützliche Voraussagen entwickeln. Es fehlt aber nach wie vor an einem internationalen Programm für koordinierte Maßnahmen zur Abwehr und zum Schutz der Bevölkerung, falls ein Asteroid die Erde bedroht.
Heute haben Raumfahrtexperten der Vereinten Nationen in Wien eine bessere internationale Zusammenarbeit und ein koordinierte Vorbereitung auf dohende Asteroideneinschläge gefordert. Haben die beiden Ereignisse am Freitag jetzt das Bewusstsein für die Gefahr aus dem All geschärft?
Wir könnten jetzt tatsächlich einen Startschuss erleben und mehr Aufmerksamkeit erhalten. Wir haben mit dem EU-Projekt „NEOshield“ seit einem Jahr eine Institution, die auf internationaler Ebene Frühwarnsysteme und geeignete Abwehrmaßnahmen erforscht. Beteiligt sind auch Amerika und Russland. Und Experten der Vereinten Nationen
Angenommen, man hätte die Möglichkeit und die Mittel für ein Abwehrsystem, welche Möglichkeiten bestünden, einen Asteroiden aus der Bahn zu kicken?
Man könnte beispielsweise eine Raumsonde auf dem Asteroiden kollidieren lassen. Oder man könnte einen massenreichen Satelliten dicht an den Asteroiden steuern und diesen über die Gravitationswirkung ein klein wenig beschleunigen oder verlangsamen und so von der Umlaufbahn abbringen. In beiden Fällen bedarf es aber exakter und autonomer Steuerungssysteme, die absolut zuverlässig arbeiten müssen. Man benötigt vor allem Testmissionen. Denn es genügt nicht, die Szenarien am Computer zu simulieren. Doch dazu braucht man Geld und den politischen Willen.
Was halten Sie von dem Vorschlag, einen nuklearen Sprengsatz auf einem Asteroiden zu zünden?
Auch das wird von uns erörtert und am Computer simuliert. Doch die politischen Einwände würden die Zündung eines nuklearen Sprengsatzes auf einem Himmelskörper verhindern.
Wer trüge die Verantwortung wenn bei einer Mission etwas schiefläuft und ein Asteroid, statt abgewehrt zu werden, versehentlich in einem anderen Land auf der Erde einschlagen würde?
Ein solcher Fall ist im internationalen Recht nicht vorgesehen. Wir brauchen deshalb eine internationale Vereinbarung, wer bei einer künftigen Abwehrmission die politische Verantwortung tragen wird - im Grunde für die Welt.
Wann könnte ein Abwehrsystem frühestens zur Verfügung stehen?
Das liegt an den Finanzmitteln. Eine Testmission zu einem Asteroiden würde schätzungsweise mehrere hundert Millionen Euro kosten. „NEOshield“, das noch bis 2015 läuft, stehen rund sechs Millionen Euro zur Verfügung. Wir können kaum mehr als nur ein detailliertes Konzept erarbeiten. Es gibt auch das Problem, dass wir in keines der bestehenden Raumfahrtprogramme passen. Gefördert werden derzeit nur technische Unternehmungen oder Projekte der Grundlagenforschung. Die Entwicklung eines Frühwarnsystems und Abwehrsystems gegen Asteroiden ist kein festes Arbeitsgebiet der Raumfahrtorganisationen. Das müsste sich ändern.
Herr Harris, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Das Gespräch führte Manfred Lindinger.
Bitte um Nachhilfe !
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 22.02.2013, 00:57 Uhr
