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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Himmelsscheibe von Nebra Eine komplexe astronomische Uhr

21.02.2006 ·  Die Himmelsscheibe von Nebra ist ein archäologischer Sensationsfund. Sie diente als astronomisches Memogramm, und sie macht deutlich, daß in der Bronzezeit viel komplexere Zusammenhänge der Himmelsmechanik bekannt waren als bislang angenommen.

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Die Himmelsscheibe von Nebra gilt als archäologischer Sensationsfund. Das 3600 Jahre alte Artefakt ist die älteste konkrete Himmelsdarstellung der Welt. Und was Astronomen wie Laien gleichsam fasziniert, ist der Umstand, daß jeder Betrachter umgehend zu verstehen glaubt, was auf ihr zu sehen ist: Sonne, Mond und Sterne. Aber welchem tieferen Sinn folgt deren Anordnung?

Bislang war bekannt, daß die Bögen am linken und rechten Rand der Scheibe offensichtlich zur Bestimmung der Sonnwendtage (21. Juni und 21. Dezember) dienten. Für den dritten Bogen liegt die Annahme nahe, es handele sich dabei um eine Sonnenbarke. Schon kurz nach der Sicherstellung der Himmelsscheibe wurde den Forschern deutlich, daß die drei Bögen erst später, von anderen Handwerkern und mit Gold anderer Provenienz, hergestellt worden waren. Auch deshalb lag es auf der Hand, das ursprüngliche Bildprogramm zu untersuchen, mit „Sonne“, Mondsichel und 32 goldenen Punkten, von denen sieben eine Rosette (Plejaden) bilden.

Ein schlüssige Interpretation

Tatsächlich ist es dem Astronomen Rahlf Hansen vom Planetarium Hamburg nun gelungen, eine schlüssige Interpretation der Scheibe in ihrer ursprünglichen Ausgestaltung zu erarbeiten, die auch erklärt, warum das Artefakt überhaupt angefertigt wurde. Hansen fand heraus, daß es sich bei der Himmelsscheibe um eine weitaus komplexere astronomische Uhr handeln muß als bislang angenommen. Ihr Bildprogramm entspricht exakt einer aus Babylon bekannten Schaltregel, die es möglich macht, das Sonnenjahr (365 Tage) und das Mondjahr (354 Tage) in Einklang zu bringen.

Die Babylonier hatten erkannt, daß die Stellung des Mondes zu den Plejaden wie der Zeiger einer kosmischen Uhr funktioniert. Sonnenlauf und Mondjahr sind synchron, wenn im Frühlingsmonat eine dünne Sichel bei den Plejaden erscheint. Wird sie zu dick, ist der Kalender außer Takt. Ein Schaltmonat muß eingefügt werden. Eine erste schriftliche Version dieser Regel findet sich in einem babylonischen Keilschrifttext, dem mul-apin (7./6. Jahrhundert vor Christus). Wenn aber die Sichelform auf der Scheibe so frappant jener am Himmel zu beobachtenden Sichel ähnelt, liegt die Annahme nahe, daß auch die Anzahl der Sterne auf der Scheibe kein Zufall sein kann.

Und tatsächlich dienten die 32 goldenen Punkte als Zählhilfe: Wenn der Mond erst nach 32 statt 30 Tagen nach dem Beginn des Vormonats bei den Plejaden erscheint, ist dies ein zusätzliches Schaltsignal. „Die Schaltregel ist also zweifach verschlüsselt auf der Scheibe: einerseits durch die Dicke der Mondsichel und andererseits durch die 32 Punkte“, sagt Hansen. Die Zahl 32 hat jedoch noch eine Bedeutung, die mit der Synchronisierung von Sonnen- und Mondkalender zu tun hat: In 32 Sonnenjahren vergehen 33 Mondjahre. Deutet man das große goldene Rund auf der Scheibe als Sonne, beziehen sich die 32 Goldpunkte auf die Sonne. Rechnet man aber die Sonne zu den Punkten, kommt man auf die Zahl 33, die sich nun auf die goldene Mondsichel bezieht. Hansens Erkenntnisse widersprechen nicht der bisherigen Deutung durch den Astronomen Wolfhard Schlosser von der Ruhr-Universität Bochum, dem das Goldrund als Vollmond gilt. Vielmehr konnte Hansen zeigen, daß vor 3600 Jahren Vollmond und Frühlingsanfang zusammenfielen. „Das heißt, die Goldscheibe stellt sowohl den Vollmond als auch die Sonne dar“, sagt Hansen.

Neue Fragen aufgeworfen

Die Himmelsscheibe von Nebra diente als astronomisches Memogramm, und sie macht deutlich, daß zumindest einer Elite in der Bronzezeit viel komplexere Zusammenhänge der Himmelsmechanik bekannt waren als bislang angenommen. Auch deshalb spricht der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, von einer „spektakulären Neuentdeckung“, die freilich zu neuen Fragen führt. Woher hatte der Schöpfer der Scheibe sein astronomisches Wissen, das sich in dieser Tiefe nur über Generationen erarbeiten läßt? Handelt es sich um Wissenstransfer aus dem Vorderen Orient? Und weshalb ging das Wissen von der Schaltregel wieder verloren? Daß dem so war, bezeugt die Scheibe anschaulich: Bei der Überarbeitung mit den beiden goldenen Balken zerstörte ein Handwerker das komplexe Bildprogramm, indem er zwei Sterne überdeckte. Und schließlich: Wozu diente das ursprünglich festgehaltene Wissen? Der Herr der Himmelsscheibe in ihrer ursprünglichen Gestalt konnte jeden Tag exakt bestimmen. Verabredete er sich mit anderen (womöglich Handelspartnern), die dies auch konnten? Gibt es einen kultischen, religiösen Hintergrund? „Klar ist jedenfalls: Wir unterschätzen den prähistorischen Menschen immer wieder dramatisch“, sagt Archäologe Meller.

Quelle: reb., F.A.Z., 22.02.2006, Nr. 45 / Seite 9
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