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Glosse Nervenprobe im All

Der Weg des Menschen ins Universum - ein Spaziergang? Die Medizin sagt uns etwas anderes: Weltraumflüge bringen flachgedrückte Augäpfel und Schädelhochdruck.

© reuters Vergrößern Spaziergänger im Weltraum

Im Weltraum soll es ja bitterkalt und sterbenslangweilig sein. Ob er allerdings wirklich ein so dunkler, leerer und lebensfeindlicher Ort ist, wie man sich das als vergnügungshungriger Erdling vorstellt, oder ob es sich bei näherem Hinsehen nicht vielleicht doch eher so verhält wie in unseren schönsten Raumfahrerserien, in denen der Weltraum als blühender Ort des Werdens und abenteuerlichen Treibens gezeigt wird. Das können wir Heutigen eigentlich noch gar nicht beurteilen. Angeblich um genau das zu klären, schickt die Nasa seit Jahrzehnten Astronauten ins All. Die unternehmen dann zum Beispiel Spaziergänge. Das ist natürlich eine Verniedlichung dessen, was da von den Männern und Frauen in ihren steifen luftdichten Raumanzügen an Wartungsarbeiten abverlangt wird. Wie überhaupt alles getan wird, um der Helden zu huldigen und das Leben da draußen zu vergolden. „Das ist der traurigste Tag meines Lebens“, soll Nasa-Astronaut Ed White vor bald fünfzig Jahren dem Bodenpersonal zugerufen haben, als er nach dem ersten Weltraumspaziergang eines Menschen von der Mission Control in sein Fahrzeug zurückbeordert wurde. Wer aber sagt uns, dass der Mann in diesem Moment nicht halluziniert hat oder mangels Gravitation einem extraterrestrischen Borderline-Syndrom akut erlegen war? Nur allmählich war ja auch herausgekommen, dass Astronauten bei längeren Weltraumflügen Knochen- und Muskelmasse verlieren, wenn sie nicht, was die Nasa dann verpflichtend eingeführt hat, täglich in ihren Kapseln trainieren. Das alles erscheint wie reparables Lifestyle-Leid gegen das, was jetzt in der Zeitschrift „Radiology“ berichtet wird. Texanische Mediziner haben 27 Astronauten in den Hirnscanner gesteckt, die im Schnitt 108 Tage, also mindestens ein Vierteljahr, ununterbrochen im All verbracht hatten. Ergebnis: Neurologische Kollateralschäden übelster Sorte, insbesondere Symptome eines erhöhten Schädelinnendrucks. Bei einem Drittel vergrößerte sich durch Einlagerung von Hirnflüssigkeit der Druck auf den Sehnerv, bei einem Viertel flachte sich der Augapfel ab, bei vier Raumfahrern schwellte der Sehnerv an sowie die Hypophyse - eine zentrale Hormonquelle im Hirn -, bei drei Astronauten wurden „veränderte Nervenverbindungen des Sehnervs zum Gehirn“ beschrieben. Wir wissen nicht, ob die Schwerelosigkeit bei Ed White ähnliches bewirkt hat. Was aber die Seele der Raumfahrer-Nation Amerika angeht, darf überhaupt kein Zweifel aufkommen.

Die Veränderungen in den Gehirnen der Astronauten, so kommentierte einer der texanischen Radiologen die Befunde, „könnten helfen, die Mechanismen zu verstehen, die zu erhöhtem Schädeldruck bei Nichtraumfahrern führen“. Und was schließen wir daraus? Astronauten sind nicht bloß die Vorhut unserer Suche nach der verborgenen Behaglichkeit des Universums, sondern vielmehr noch die Versuchskaninchen zur Optimierung unseres irdischen Lebensraums. Dafür lohnt sich doch jeder Spaziergang da draußen.

Quelle: F.A.Z.

 
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