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Glosse Entdeckerkunst

 ·  Eine neue Form von Leben wollten Forscher der Nasa vor zwei Jahren entdeckt haben: Bakterien, die Arsen in ihr Erbgut einbauen können. Doch nun entlarven zwei Studien die vermeintlichen Sensation.

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Die Nasa steht offenbar kurz davor, unbekanntes Leben zu entdecken. Das kündigte sie knapp einen Monat vor der Landung des „Curiosity“-Rovers auf dem Mars an. Zum ersten Mal sei es mit dem autogroßen Erkundungsfahrzeug möglich, tiefer als zehn Zentimeter im roten Sand zu graben und damit Schichten zu erreichen, die von der lebensfeindlichen Strahlung an der Oberfläche nicht mehr so stark beeinträchtigt werde.

Vorsichtshalber kündigt man die Sensation diesmal rechtzeitig an, damit sich die ganze Welt darauf einstellen kann. Offenbar hat man von den frischgebackenen Higgs-Entdeckern am Cern gelernt. Zudem will man denselben Fehler wie im Jahr 2010 nicht noch einmal machen. Damals trat ein Team von Astrobiologen der Nasa mit einem „Science“-Paper in der Tasche vor die unvorbereitete Weltpresse und erklärte das, was die Menschheit über irdisches Leben weiß, für grundsätzlich überholt. Eine „neue Lebensform“ habe man entdeckt, „die unsere Biologie-Lehrbücher verändern und die Suche nach Leben jenseits der Erde bereichern wird“.

Aleins vom Titan

Der Nasa-Chef hatte damals allerdings versäumt, die Sprachregelung festzulegen. Ein entschlossener Satz zum Vollzug der historischen Entdeckung, wie ihn der Cern-Chef nach der Präsentation der Daten formulierte, war nicht gefallen. Stattdessen fabulierte man unnötig kompliziert und aufgeblasen über eine Neudefinition von Leben und tat so, als sei die ominöse Mikrobe GFAJ-1, um die es dabei ging, direkt vom Saturnmond Titan in den amerikanischen Mono Lake gefallen.

Alles nur Hokuspokus

Dort nämlich, in den Tiefen des Salzsees, hatten die Astrobiologen die Bakterien eingesammelt, die anschließend in den Nasa-Labors angeblich das Kunststück fertigbrachten, anstelle des Lebensbausteins Phosphat das vermeintlich hochgiftige Arsen in die Erbsubstanz einzubauen. Biochemisch und publizistisch war das Ganze ein Riesenhokuspokus, was eine Handvoll bloggender Wissenschaftler wie Rosemary Redfield aus British Columbia schnell aufdecken konnten. Der ganze Spuk ist seit dieser Woche nun erstmal vorbei, nachdem auch die „Science“-Redaktion ihre Gutachter von damals bloßstellen und zwei neue Paper veröffentlichen musste, in denen klipp und klar steht, dass ein phosphatloses, auf Arsenbasis aufgebautes Leben zumindest im Falle von GFAJ-1 auszuschließen ist. Die Salzbakterien aus dem Mono Lake gedeihen schlichtweg mit weniger Phosphat als üblich und das giftige Arsen bringt sie eben nicht um.

Auf zu neuen Entdeckungen

Der Nasa war das selbstverständlich bekannt. Ihr gelang es damals einfach nur nicht, sich gegen den medialen Urknall der Alien-Berichterstattung durchzusetzen. Was fehlte in der Pressekonferenz, waren jene zwei inzwischen berühmten Cern-Sätze: „Als Laie, würde ich sagen: Ja wir haben es. Als Wissenschaftler sage ich Ihnen: Wir wissen noch nicht, was genau wir gefunden haben.“ Mit dieser goldenen Formel in der Tasche startet die Nasa jetzt selbstbewusst durch auf ihre extraterrestrischen Entdeckerreisen. Ziemlich sicher, dass demnächst neue unscharfe Bilder von Mars-Würmchen um die Welt gehen.
 

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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