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Veröffentlicht: 24.04.2017, 19:39 Uhr

Astrobiologie extrem Die Monster im Kraken Mare

Leben, wie wir es kennen, kann es auf dem Titan nicht geben. Aber warum nicht welches, das wir uns nicht einmal vorstellen können?

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© Nasa/JPL-Caltech/ASI/Esa Dicke Luft: Die Titanatmosphäre ist voller organischer Moleküle. Leider reicht das nicht.

Im Scheinwerfer sah er es kommen. Schlangengleich bewegte sich der lange Hals auf und ab, während der Kopf fast vollkommen ruhig durch das Methan pflügte. Dann folgte ein Walkörper, Robbenflossen und Höcker entlang des Rückens. Die Kreatur entfernte sich vom Schiff und dem Licht, aber das Echolot piepte weiter. Da war noch eins ...“

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So beschreibt der amerikanische Grafiker und Science-Fiction-Autor Michael Carroll die Erlebnisse einer Romanfigur, die in einem U-Boot im Kraken Mare auf dem Titan unterwegs ist. Wer das Ende der Geschichte nicht kennt, den muss diese Szene erstaunen, zumal Carroll sich sehr um wissenschaftliche Plausibilität seiner Erzählung bemüht. Aber dass das -180°C kalte Kohlenwasserstoffmeer auf dem Saturnmond von Wesen mit allen Attributen des Ungeheuers von Loch Ness bewohnt sein könnte, würde auch Christopher McKay für Blödsinn halten. Dabei ist der Planetologe am Nasa Ames Research Center bei San Francisco sonst sehr offen für Gedanken über die Möglichkeit biologischer Aktivität an Orten, an denen selbst irdische Extrembazillen keine Chance hätten.

„Weird Life“

„Das ist dann kein Leben, wie wir es kennen“, sagt McKay. Also keines, dessen Biomoleküle in wässrigem Zellsaft agieren und das seine Erbinformation in DNA-Molekülen speichert. Zwar wurde noch nirgends auch nur eine Mikrobe gefunden, die es anders macht, aber die Abwesenheit von Beweisen ist bekanntlich noch kein Beweis für Abwesenheit. Und schon ein Hinweis auf „Leben, wie wir es nicht kennen“, wäre von gewissem philosophischem Interesse. Denn sollte man eines Tages irgendwo im Sonnensystem, beispielsweise auf dem Mars, auf Mikroben aus Wasser, Proteinen und DNA treffen, könnte man sich nie wirklich sicher sein, dass es völlig unabhängig von dem Leben auf der Erde entstanden ist. Stieße man dagegen auf selektions- und adaptionsfähige Systeme auf der Basis einer völlig anderen Biochemie, dann wäre solches „weird life“ ein starkes Argument dafür, dass Leben immer und überall entsteht, sobald gewisse physikalische Voraussetzungen gegeben sind.

Dann ließe sich auch endlich eine Wahrscheinlichkeit dafür angeben, dass zumindest unsere einzelligen Mitgeschöpfe nicht allein im Universum sind. Hochrechnungen aus den astronomischen Mengen habitabler Planeten in der Galaxis taugen dazu allein – entgegen einer weitverbreiteten Meinung – nämlich keineswegs. Das macht den Titan und andere Eismonde des äußeren Sonnensystems hier besonders interessant. Sie kreisen weit außerhalb der sogenannten habitablen Zone der Sonne, deren Definition an der Möglichkeit flüssigen Oberflächenwassers hängt. Gäbe es dort irgendeine Form biologischer Aktivität, würde das den Begriff des Habitablen enorm ausweiten.

Leckeres Acetylen und Wasserstoff zum Atmen

Aber ist Leben auf dem klirrkalten, spärlich beleuchteten und von giftigen Chemikalien bedeckten Titan denkbar? Die Antwort gaben Christopher McKay und ein Kollege in einer Studie, die sie 2005 – kaum zufällig am Tage der Landung der europäischen Sonde „Huygens“ auf der Titanoberfläche – bei dem angesehenen Planetologenjournal Icarus“ zur Veröffentlichung einreichten. Ihre Antwort klingt ein wenig nach Radio Eriwan: „Im Prinzip ja“. Das Methan in der Titanatmosphäre ist zwar ohne Sauerstoff energetisch nutzlos, doch Sonnenlicht macht daraus Substanzen wie Acetylen oder Ethan, deren Energiegehalt durchaus dem von Stoffen entspricht, mit denen sich manche irdischen Bazillen über Wasser halten. Dazu müsste die hypothetische Titanfauna nur den Wasserstoff verstoffwechseln, der ebenfalls bei den photochemischen Reaktionen in der Atmosphäre des Mondes frei wird. Der Charme dieser Hypothese ist, dass sie sich testen lässt. Denn wenn auf Titan etwas in signifikantem Ausmaß Wasserstoff atmet, dann müsste dessen Konzentration zur Oberfläche hin abnehmen.

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