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Abschied von Titan : See-Idyll mit Leichtbenzin

Das Nordpolargebiet des Titan auf Radaraufnahmen, die während Vorbeiflügen der Sonde Cassini zwischen 2004 und 2013 entstanden. Gelb eingefärbt die Landflächen, blau die Kohlenwasserstoffseen. Die Auflösung schwankt zwischen 300 Metern und 200 Kilometern. Bild: Nasa/JPL-Caltech/ASI/Esa

Die Raumsonde „Cassini“ hat ein letztes Mal Saturns größten Mond Titan angeflogen. Zum Abschied das Wichtigste über den einzigen Ort im Sonnensystem außerhalb der Erde, auf dem man nass werden kann.

          Spiegelglatt dehnt sich der See unter einem schummrigen orangen Himmel. Die Uferhänge sind aus hellem Fels, doch das sieht nur, wer die bräunliche Schmiere abkratzt, die hier alles überzieht. Das teerige Zeug dümpelt auch an der Wasserlinie, wie man auf der Erde sagen würde. Hier ist das eine Fehlbezeichnung. Das erkennt man spätestens, wenn man ein Stück hinausrudern und eine Probe entnehmen würde. Klar und leichtbeweglich ist das vermeintliche Seewasser, wie Benzin.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist etwas Ähnliches: eine Mischung aus 71 Prozent Methan, 11 Prozent Ethan und gelöstem Stickstoff. Deswegen sollte man hier vorsichtig sein. Nicht mit Feuer – Sauerstoff gibt es hier nur im eigenen Atemgerät –, aber mit dem Rudern. Eine Störung tieferer Flüssigkeitsschichten könnte zu einer spontanen Entmischung des Stickstoffs führen, der dann alles aufschäumt wie frisch entkorkten Champagner und einen womöglich kentern lässt. Schwimmen wäre dann schwieriger als zu Hause, infolge der geringen Dichte der Flüssigkeit und der Körperwärme, die um einen herum alles zum Kochen brächte. Immerhin hätte man dichte Schutzkleidung an. Keinen Druckanzug, denn die Luft ist sogar dichter als auf der Erde, lastet aber nicht stärker auf dem Körper als Wasser am Grund eines tiefen Schwimmbeckens. Nein, den Anzug braucht man gegen die Kälte. Minus 180 Grad Celsius. Wärmer wird es nicht, schließlich ist man hier zehnmal so weit von der Sonne entfernt wie auf der Erde.

          Ein letzter Besuch vor dem Sturz in die Lücke

          Willkommen auf dem Titan, dem größten Mond des Saturn. Mit 40 Prozent des Erddurchmessers ist er größer als unser Mond und übertrifft sogar den Planeten Merkur. Natürlich hat ihn in Wahrheit noch kein Mensch betreten, das wäre auch ein ganzes Stück schwieriger zu bewerkstelligen als ein Flug zum Mars. Doch ist die Raumsonde „Cassini“ seit 2004 insgesamt 127 Mal am Titan vorbeigeflogen, zuletzt am vergangenen Samstag, den 22. April. Seine Schwerkraft lenkte die Sonde dabei auf einen Kurs, der sie am kommenden Donnerstag zwischen dem Saturn und seinen Ringen hindurch fliegen lassen wird. Dieses Manöver wird danach noch 21 Mal wiederholt, bevor Cassini am 15. September in der Atmosphäre des Saturns verglüht. „Die Mission wurde ja bereits zweimal verlängert“, tröstet sich Ralph Lorenz von der Johns Hopkins University, einer der Planetologen, die mit Cassini all die Jahre den Titan studiert haben. „Es war schon mutig, 2010 noch einmal sieben Jahre zu beantragen. Jetzt laufen wir auf dem letzten Tropfen Treibstoff.“

          Zum Abschied gibt es nun einen der engsten Titan-Flybys überhaupt. „Das Radar wird Bilder von einigen Regionen machen, die noch nie hochaufgelöst aufgenommen wurden“, freute sich zuvor Jason Hofgartner von der Cornell University. „Und es geht noch einmal über Ligeia Mare.“

          Eismond mit Regenwetter

          Das lateinische Wort für „Meer“ hat die für planetare Onomastik zuständige Arbeitsgruppe der Internationalen Astronomischen Union den drei größten Flüssigkeitsansammlungen auf dem Titan zuerkannt. Tatsächlich übertrifft Rekordhalter Kraken Mare die Ausdehnung des Kaspischen Meeres. Insgesamt 574 kleinere Körper wurden als „Lacus“ (See) eingestuft, wobei eine titanare Kohlenwasserstoffpfütze mindestens einen Quadratkilometer groß sein muss, damit Cassini sie registrieren kann. Im Vergleich zu den 180.000 irdischen Seen oberhalb dieser Größe nimmt sich das zwar bescheiden aus, doch immerhin sind damit 1,1 Prozent der Titanoberfläche von stehender Flüssigkeit bedeckt, was von den 2,7 Prozent auf den Landmassen der Erde (deren Ozeane also ausgenommen) nicht mehr so weit entfernt ist. Dabei sind die Titanseen keine statischen Gebilde. Verzweigte Flusstäler und Deltagebiete weisen sie als Teil eines Kreislaufs aus Verdampfung und Niederschlag aus. Auf dem Titan gibt es also etwas, das man sonst nur von der Erde kennt: Regen.

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