14.06.2004 · Die Erwartungen, die die Raumfahrer an die Mission der Saturnsonde Cassini-Huygens knüpfen, können gar nicht überschätzt werden. Die spektakulären Fotos des Mondes Phoebe sind ein kleiner Vorgeschmack.
Von Günter PaulUnter heftigem Beschuß stand einst der Saturnmond Phoebe, wie jetzt die phantastischen Fotos belegen, die die Raumsonde Cassini aus nur einigen tausend Kilometern Distanz aufgenommen hat. Der irdische Späher ist dem rund zweihundertzwanzig Kilometer großen Himmelskörper auf dem Weg zum Saturn am Freitag abend bis auf knapp 2070 Kilometer nahe gekommen, bewegte sich in der allerletzten Phase aber über die dunkle Seite des Objekts hinweg. Die vorher einzige Begegnung hatte am 4. September 1981 stattgefunden, als die Raumsonde Voyager 2 in einer Entfernung von ungefähr 2,2 Millionen Kilometern an Phoebe vorbeizog. Auf den damals zur Erde übertragenen Bildern waren schon dunkle und helle Zonen zu erkennen, Details dagegen wie große Einschlagkrater konnte man nur erahnen. Jetzt sind sie dramatisch ins Blickfeld gerückt.
Der Mond Phoebe, der den Saturn in einem mittleren Abstand von rund dreizehn Millionen Kilometern umrundet, ist der größte unter den vierzehn "äußeren" Trabanten des Planeten, die alle mindestens zehn Millionen Kilometer Abstand vom Saturn haben. In diese äußeren Gebiete des Planetensystems wird die Sonde, die den Plänen zufolge am 1. Juli in eine Umlaufbahn um den Saturn einschwenkt, nicht mehr vorstoßen. Cassini wird sich dann nur noch einigen der siebzehn "inneren" Trabanten nähern. Deshalb hat sich die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa frühzeitig dazu entschlossen, Phoebe während des Anflugs auf den Saturn zu erkunden.
Splitter des Bruders
Unter den größeren Trabanten des Planeten fällt Phoebe durch seine ungewöhnliche Bahn auf. Sie ist merklich elliptisch, verhältnismäßig stark - um etwa dreißig Grad - gegenüber dem Äquator des Saturns geneigt und außerdem retrograd. Das bedeutet: Der Mond umläuft den Saturn entgegen dem Umlauf der meisten anderen Trabanten und der Rotationsrichtung des Planeten. Diese Merkmale deuten darauf hin, daß Phoebe nicht von Anfang an zum Saturnsystem gehört hat, sondern irgendwann einmal von dem Planeten eingefangen wurde. Vermutlich stammt der Mond ursprünglich aus dem Kuipergürtel jenseits der Bahn des Neptuns.
Auch die Bahnen einiger der kleineren Monde des Planeten haben Merkmale, wie sie die Bahn des Phoebe auszeichnen. Das hat zu der Spekulation Anlaß gegeben, es könnte sich um "Splitter" handeln, die beim früheren Bombardement ihres größeren Bruders aus diesem herausgeschleudert worden sind. Tatsächlich sind auf den Fotos von Phoebe Krater mit Durchmessern von bis zu fünfzig Kilometern zu erkennen, die der These Auftrieb geben könnten - ohne allerdings ein Beweis zu sein.
Fast schwarze "Haut"
Phoebe scheint in einer früheren Phase seines Daseins immer wieder von kosmischen Objekten getroffen worden zu sein, besonders von solchen, die kleiner als hundert Meter waren und bei den Kollisionen Krater von bis zu einem Kilometer Durchmesser erzeugten. Nicht klar ist, ob die Brocken aus dem Saturnsystem selbst oder aus dem interplanetaren Raum stammten. Von Einschlägen zeugen offenbar auch die Felsbrocken auf der Oberfläche von Phoebe, die fünfzig bis dreihundert Meter Durchmesser haben. Insgesamt werden die Kraterlandschaften auf Phoebe von den Forschern als "alt" eingestuft. Für die Wissenschaftler besonders interessant sind die helleren Partien des Mondes.
Auf den Fotos sind helle Punkte zutage getreten, die darauf hindeuten, daß an diesen Stellen bei Einschlägen helleres "Tiefenmaterial" auf die eigentlich dunkle Oberfläche des Mondes befördert wurde. An einigen Kraterrändern findet man auch hellere Säume, die wahrscheinlich durch das Abrutschen dunkleren Oberflächenmaterials entstanden. Bei diesen Prozessen wurde der Untergrund freigelegt. Alles spricht dafür, daß Phoebe die typischen Merkmale jener Objekte hat, welche die Sonne im Kuipergürtel umkreisen. Sie bestehen hauptsächlich aus Eis, sind aber von einer fast schwarzen "Haut" überzogen. Näheren Aufschluß versprechen sich die Forscher von den während des Vorbeiflugs an Phoebe gewonnenen Daten, aus denen sie unter anderem die Masse und die Dichte dieses Objekts herleiten wollen.