http://www.faz.net/-gwz-7k88z

Auf Kometenjagd : Gleich links von der Nördlichen Krone

Auch in 12.000 Meter Höhe nicht leicht aufzuspüren: Der Schweifstern Lovejoy zieht seine Bahn im Sternbild Nördliche Krone Bild: Wilfried Bongartz/Volkssternwarte Bonn

Der Jahrhundertkomet Ison ist tot, es lebe der Schweifstern Lovejoy: ein nächtlicher Flug mit Kometenjägern an den Rand der Atmosphäre.

          Zweiter Advent, ein paar Meter unter dem atemberaubendsten Sternenhimmel, den man sich vorstellen kann. 41.000 Fuß über dem Ärmelkanal. Flug AB1000. Zwei Drittel der Atmosphäre liegen unter uns. Wir sind auf der Suche nach dem Weihnachtsstern. Und was fällt mir dazu ein: Big Data. So, denke ich mir, muss man sich wohl die digitale Revolution vorstellen, wie ein Steilflug von der beleuchteten belgischen Autobahn unter uns mitten hinein ins Universum, wo man von funkelnden Lichtern erschlagen wird und kein Mensch sich mehr auskennt. So verkorkst sind wir schon. „Suchen Sie die Nördliche Krone“, ruft Stefan Krause, der Hobbyastronom aus Bonn, Buchautor und neuerdings Sternenguide bei der Eclipse-Reiseagentur.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Suchen Sie nach einer nach links geöffneten Sternengruppe.“ Der Nacken wird langsam steif. Wir sind nur siebzig, vielleicht achtzig Passagiere an Bord der Boing 737-800, junge, alte und Kinder, und alle kleben wir an den frisch gewienerten Fenstern. Es fehlt nichts, die Ferngläser nicht, die Experten nicht, sogar der hochmoderne „Night Sky“-Dimmer des Bordlichts wird eingeschaltet, der eigentlich den Jetlag bei Langstreckenflügen verhindern soll und nun die Reflexionen im Ausguck ausschaltet. Aber wo ist der Schweifstern, wo ist „Lovejoy“?

          „Links von der Nördlichen Krone“, Krause lässt nicht locker. Er hat den Kometen mit seinem Feldstecher schon kurz nach dem Start in Köln über belgischem Gebiet gesichtet, „sein Schweif geht über das halbe Okular“. Mein Fernglas ist auch klasse, etwas lichtschwächer zwar, dafür aber mit Chromoptik von National Geographic Channel und durchaus brauchbar: 12 mal 32, zwölffache Vergrößerung bei einem Objektivdurchmesser von passablen 32 Millimetern. Peter Oden in der Reihe vor mir klickt im Smartphone nach der Sternenkarte, ein Atlas in allerschönster graphischer Aufarbeitung. Doch was der Sternenfotograf im Handy zeigt, verschwimmt beim Blick raus aus dem Fenster buchstäblich wie die Sardine im Schwarm. Claudius Ptolemäus hatte keine digitalen Hilfsmittel, und vermutlich hatte er die Nördliche Krone von der Bettkante aus beim Blick in den antiken Nachthimmel entdeckt. Er nannte sie deshalb auch sehr schön: Corona Borealis.

          Augenzeuge des Kometenfestivals

          Wir sind den Sternen heute zwölfeinhalb Kilometer näher und bestens ausgerüstet. Aber der gesuchte Komet versteckt sich hier am Rand der Atmosphäre ebenso wie die dazugehörigen Sternhaufen zwischen Bärenhüter und Herkules. Dabei ist Lovejoy heute wirklich dringend gesucht, kein beliebiger Komet. Er ist schon der vierte allein in diesem Jahr, der mit bloßem Auge - jedenfalls mit Fernglas - am Himmel zu sehen sein soll. Für die Astronomen war dieses Jahr schon deshalb das Jahr der Schweifsterne. Vom Kometenfestival war schon die Rede, von einer Show, wie man sie die letzten Jahrzehnte nicht erlebt hat. Zwei Namen tauchten immer wieder auf: Komet „Panstarrs“ im Frühjahr und „Ison“ im Winter. Panstarrs war eher mau, „Ison“ aber sollte der Weihnachtskomet werden. Groß am Nachthimmel wie ein Vollmond sollte er zu sehen sein. National Geographic Channel hat ihm eine einstündige Dokumentation mit dem Titel „Der Jahrhundertkomet“ gewidmet, die am 15. Dezember ausgestrahlt wird, zudem wird er in der Wiederaufnahme der Astrokultreihe „Unser Kosmos“ im Frühjahr nächsten Jahres eine prominente Rolle spielen. Auch die Flugreise in den belgisch-holländischen Nachthimmel war als Spektakel für Ison gedacht.

          Weitere Themen

          Bildgewaltig am Hang des Himalajas

          Outdoor-Bücher : Bildgewaltig am Hang des Himalajas

          Von Himalaja-Bergsteigern über leise Bilder und spektakulären Fotos auf dem Instagram-Kanal von „National Geographic“: Die Outdoor-Bücher für diesen Sommer sind abwechslungsreich und bildgewaltig.

          Fotogene Zeitmesser

          Leica und Lehmann : Fotogene Zeitmesser

          Für die Leica-Zeitmesser hat die Schwarzwälder Uhrenmanufaktur Lehmann ein Handaufzugskaliber entwickelt und konstruiert. Beide bauen eine eigene Uhrenlinie auf.

          Massenhaft Flüge gestrichen Video-Seite öffnen

          Streik am Freitag : Massenhaft Flüge gestrichen

          Die Pilotengewerkschaft „Cockpit“ sagte, bei Ryanair sei kein konstruktiver Wille zur Einigung zu erkennen. Die Airline wiederum nannte den Streik "unnötig und unangemessen". Die Leidtragenden sind die Passagiere.

          Topmeldungen

          Zum Tod von Aretha Franklin : Königin der Macht

          Der Respekt, den sie 1967 einforderte, ist ihr sicher wie keiner Zweiten. Der Unterhaltungsmusik erschloss sie neue Dimensionen, mit ihr begann der moderne Soul: Zum Tod der amerikanischen Sängerin Aretha Franklin.
          Vertrackter Fall Sami A.: Tunesier demonstrieren Ende 2016 in Tunis gegen die Rückkehr von Dschihadisten ins Land.

          Fall Sami A. : Der Kampf um den Rechtsstaat

          Wer gedacht hat, dass die Düsseldorfer Landesregierung nach der Entscheidung des OVG Münster im Fall Sami A. klein beigibt, wurde am Donnerstag eines Besseren belehrt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.