12.12.2006 · Die Nasa hatte erst kürzlich den Einsatz des Hubble-Weltraumteleskops bis 2013 verlängert. Das war gut so. Dank des intergalaktischen Mega-Fernrohrs erleben wir Advent im Kosmos. Die Bilder zum Fest kommen aus weiter Ferne.
Von Günter PaulImmer wieder haben die Astronomen mit dem Hubble-Weltraumteleskop die Weiten des Universums ausgelotet und sind dabei häufig zu neuen Ufern vorgestoßen. Noch in Entfernungen von mehr als zwölf Milliarden Lichtjahren haben sie dabei Galaxien entdeckt. Sterneninseln, die sich allerdings in einem viel früheren Entwicklungsstadium befinden als ihre heutigen Enkel und Urenkel. Zwischendurch wurde das Teleskop, das zwar nicht das größte Fernrohr der Welt ist, aber von seiner Position jenseits der irdischen Atmosphäre die bei weitem besten und schärfsten Bilder von astronomischen Objekten liefert, aber auch auf benachbarte Lichtquellen gerichtet. Auf diese Weise entstand das hier wiedergegebene Bild, das im unteren Teil einen Teil des sogenannten Emissionsnebels mit der im New General Catalogue verzeichneten Katalognummer NGC 6357 und im oberen Teil den im Zentrum des Nebels befindlichen Offenen Sternhaufen Pismis 24 zeigt. Ein Kleinod am Himmel, wie man unschwer erkennen kann, das wie nur wenige Objekte die kosmische Erhabenheit offenbart.
Der Nebel im Sternbild Skorpion, der den populären Namen „Rosennebel“ trägt, ist Teil unseres eigenen Sternsystems, der Milchstraße, und nur 5.500 Lichtjahre von der Erde entfernt. Den Astronomen war er deshalb schon lange bekannt, er ist auch vielfach abgelichtet worden. Doch gilt er den Sternkundigen zurecht als „schwieriges“ Objekt. Denn er liegt ungünstig - nahe der galaktischen Scheibe, in der sich Unmengen von Staub angesammelt haben. Diesen Staub muß das Licht des Nebels auf dem Weg zur Erde durchqueren, und dabei werden der blaue und der grüne Anteil partiell verschluckt, so daß das Objekt auf Langzeitaufnahmen roter erscheint, als es in Wirklichkeit ist. Auch ein zweites Hindernis hätte sich durch die Filterung des Lichts auftürmen können: Emissionsnebel sind Wolken aus Gas und Staub, die selbst leuchten, und zwar dadurch, daß sie durch die intensive Strahlung junger, heißer Sterne zum Leuchten angeregt werden. Junge, heiße Sterne aber sind blau, und deshalb wird auch ihr Licht von dem Staub in der Milchstraße teilweise verschluckt. Jedoch nicht so stark, daß sie dem Blick entzogen würden. Die Quellen, die uns die Schönheit des Rosennebels bescheren, beherrschen die obere Hälfte dieses Bildes.
Offener Sternhaufen Pismis 24
Für die Astronomen wäre dieser Zusammenhang allein kein Grund gewesen, das Weltraumteleskop auf das Zentrum des Nebels zu richten. Sie haben sich vielmehr aus einem viel exotischeren Grund für den offenen Sternhaufen Pismis 24 interessiert, dessen Sterne auf diesem Bild - als Folge der Lichtbeugung an Strukturen innerhalb des Teleskops - wie Weihnachtssterne erscheinen: In Pismis 24 sind überproportional viele massereiche Sterne vereint - vor allem einige der massereichsten Vertreter in der Milchstraße. Statistisch wird in unserer Galaxis in derselben Zeit, in der ungefähr 18.000 Sterne mit der Masse der Sonne - also ziemlich „mittelmäßige“ Sterne entstehen, gerade einmal ein Stern erzeugt, der mindestens fünfundsechzigmal soviel Masse wie unser Zentralgestirn hat. Und der im übrigen so schnell altert, daß die Lebensspanne der Sonne rund dreitausendmal so lang ist wie seine. Im Pismis 24 nun haben die Astronomen gleich drei der massereichsten Sterne entdeckt. Einer sollte sogar hundertzwanzig bis dreihundert Sonnenmassen haben, was sich kaum erklären ließ.
Nach den Messungen mit dem Hubble-Weltraumteleskop können die Astronomen sich jetzt wieder eine Ruhepause gönnen: Die große Masse ist nur vorgetäuscht, in Wirklichkeit ist es ein Stern mit mindestens zwei Komponenten, auf die sich die Masse verteilt. Möglicherweise ist es sogar ein Dreifachsystem, dessen Komponenten dann noch „leichter“ wären, wodurch die Theorien gerettet wären. So können jetzt auch die Astronomen ein Foto genießen, das den unvoreingenommenen Betrachter durch seine majestätische Würde besticht.
Das Hubble-Teleskop gehört nicht nur wegen seiner großen Entdeckungen, sondern auch wegen seiner überwältigend schönen Bilder des Kosmos zu den herausragenden wissenschaftlichen Geräten unserer Zeit. 1990 in den Weltraum gebracht, war es von Anfang an so flexibel, daß es, mit modernen Meßgeräten neu ausgerüstet, den Erfordernissen angepaßt werden konnte. Das sollte sich rasch als weitsichtig erweisen; denn die erste Optik des Teleskops erreichte aufgrund eines Spiegelfehlers nicht die vorgesehene Schärfe. Die spektroskopischen Messungen blieben davon unberührt. Beim ersten Serviceflug im Jahr 1993 ist die Optik ergänzt worden, wodurch sie ihre heutige Qualität bekam. Insgesamt viermal ist das Teleskop mit dem Space shuttle angeflogen und von Astronauten gewartet und umgerüstet worden.
Kein Service für Hubble
Als im Jahr 2003 die Raumfähre Columbia bei der Rückkehr zur Erde in der Atmosphäre zerbrach, wollte man bei der amerikanischen Raumfähre Nasa zunächst einen weiteren geplanten Serviceflug, mit dem das Teleskop für weitere Forschungsjahre ertüchtigt werden sollte, einsparen. Das Argument dafür war, das Risiko einer solchen Mission sei für Astronauten zu groß und bis zur Einmottung der Raumfähren-Flotte dürften die Shuttles deshalb nur noch zum Ausbau der Internationalen Raumstation verwendet werden.
Seit diesem Herbst schauen die Astronomen wieder hoffnungsvoller in die Zukunft. Der Nasa-Administrator hat ihrem Drängen nachgegeben und für das Jahr 2008 einen weiteren Serviceflug mit einer Raumfähre angesetzt. Zwei Jahre lang soll die dafür vorgesehene Besatzung zusammen mit der Bodenmannschaft trainieren, so daß nach menschlichem Ermessen keine Panne zu erwarten sein wird. Die neuen Instrumente für das Teleskop - darunter ein moderner Spektrograph und eine leistungsfähige Weitwinkelkamera -, die sie dann montieren soll, sind zum Teil schon fertiggestellt. Gelingt die Mission, wird das Weltraumteleskop mindestens noch bis 2013 das All erkunden. Falls nicht ein Betriebsfehler die Arbeit vorzeitig beendet.