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Vierzig Jahre Mondlandung Siebzehn Kameras machten auch die Trägerrakete zum Star

20.07.2009 ·  Die lange Mondnacht auf Arte bietet am Montag Affirmation und Dekonstruktion. Es gibt Legenden zu bestaunen, aber auch Mogelpackungen sind im Angebot. Eine Gelegenheit, sich seine Erinnerung an damals noch einmal umschmelzen zu lassen.

Von Ulf von Rauchhaupt
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Für viele Europäer der Geburtsjahrgänge um 1965 herum war es die erste Medienerfahrung. Gegen halb vier Uhr mitteleuropäischer Zeit weckten die Eltern nächtens das Kind und setzten es im Bademantel vor einen Schwarzweißfernseher, auf dem von kurz vor vier Uhr an erst eine, dann zwei weiß vermummte Gestalten herumturnten. Es wurde eine Fahne aufgestellt, die seltsamerweise einer Querstange bedurfte. Dann wurde irgendwann links ein Herr mit dem lustigen Namen Nixon eingeblendet, der in einem Büro saß und telefonierte. Richtig zu begreifen war das alles nicht, aber die Eltern sollten mit der Begründung für die Störung der kindlichen Nachtruhe recht behalten: Ihr Nachwuchs würde diese Bilder nie mehr vergessen.

Die Landung von Apollo 11 am 20. Juli 1969 im Meer der Stille war in vielerlei Hinsicht ein historischer Augenblick. Doch verweilen durfte auch er nicht. Im Gegenteil. Vier Jahrzehnte medialer Nachbereitung haben das Apollo-Erlebnis vielfach überprägt - auch bei denen, die damals nicht erst eigens aus dem Bett geholt werden mussten. Am Montagabend hat man in der langen Mond-nacht, mit der Arte den vierzigsten Jahrestag der ersten Mondlandung begeht, Gelegenheit, sich seine Erinnerung an damals noch einmal umschmelzen zu lassen. Immerhin gibt es für jeden Geschmack etwas: Allein die drei Beiträge zwischen 21 und 24 Uhr bieten sowohl Affirmation als auch Dekonstruktion.

Der preisgekrönte Dokumentarfilm „Im Schatten des Mondes“

Einmal mehr ist es die Affirmation, die bei diesem Thema mit Abstand am besten gelingt. In dem preisgekrönten Dokumentarfilm „Im Schatten des Mondes“ zeichnet der britische Fernsehjournalist David Sington ein eindrucksvolles Bild der Mondfahrer. Dazu verknüpft er meisterhaft das Filmmaterial der Nasa mit Ausschnitten von Interviews, die er mit zehn der vierundzwanzig Männer führen konnte, die zwischen 1968 und 1972 zum Mond flogen und von denen achtzehn noch am Leben sind. Neil Armstrong, der als extrem öffentlichkeitsscheu gilt, hat Sington nicht vor die Kamera bekommen, was aber eher ein Vorteil ist. Denn erstens wird damit etwas mehr als sonst üblich der Blick auf die anderen fünf gelungenen Mondlandungen gelenkt, die, wissenschaftlich gesehen, bedeutender waren als Apollo 11. Zweitens dürfte Armstrongs legendäre Selbstbeherrschung ihn zu einem eher mäßig interessanten Zeitzeugen machen.

Auch unter den zehn ehemaligen Astronauten, die bei Sington auftreten, ist das Temperament sehr ungleich verteilt. So sind etwa der trockene John Young (Apollo 10 und 16) oder Harrison Schmitt (Apollo 17), der einzige professionelle Wissenschaftler unter den Mondfahrern, weit weniger oft im Bild als etwa Michael Collins. Bei Apollo 11 war Collins in der Kapsel im Mondorbit geblieben, dennoch macht gerade dieser alte Herr besonders begreiflich, warum der Mensch so gerne selbst ins All möchte, anstatt es nur von ferngesteuerten Robotern erkunden zu lassen.

Bekanntes wie auch weniger bekanntes Filmmaterial der Apollo-Zeit

Aber natürlich war kosmische Reiselust nur ein notwendiger Grund dafür, warum das nach heutiger Kaufkraft 120 Milliarden Dollar teure Apollo-Programm unternommen wurde. Als hinreichender Grund mussten der Kalte Krieg und der Wettlauf der Systeme hinzutreten. Das reizt dazu, in den Mondlandungen primär die Medieninszenierungen zu sehen, die sie selbstverständlich auch waren. Mit dem halbstündigen Beitrag aus seiner Reihe „Verschollene Filmschätze“ zeigt Arte einen Versuch, bekanntes wie auch weniger bekanntes Filmmaterial der Apollo-Zeit unter diesem Aspekt zu kommentieren.

Da erfährt man beispielsweise, dass für die berühmten Sequenzen der startenden Saturn-V-Rakete mindestens siebzehn Fernsehkameras an der Startrampe montiert waren oder dass Houston den Astronauten exakte Vorgaben machte, wie die Kamera auf dem Mond aufzustellen sei, damit später der telefonierende Präsident Nixon so eingeblendet werden konnte, dass beide, die Landefähre wie die Flagge, im Bild sichtbar blieben.

Serge Viallets „1969. Live vom Mond“

Tatsächlich hätte das Apollo-Programm ohne die Bilder, insbesondere ohne die riskanten Direktübertragungen, weder seine damalige politische Funktion erfüllt, noch würden heute Fernseh-Themenabende dazu veranstaltet. Doch in dem Bemühen, der Nasa nachzuweisen, die ganze Mondlandung vor allem unter Propagandagesichtspunkten inszeniert zu haben, strapaziert der Film „1969. Live vom Mond“ des französischen Regisseurs Serge Viallet zuweilen die Fakten.

So wird suggeriert, Armstrong und Aldrin hätten nach der Landung von Apollo 11 ohne Ruhepause gleich ihr Raumschiff verlassen müssen, damit die ersten Schritte auf dem Mond an der amerikanischen Ostküste noch in der Prime Time erfolgen - dabei lagen zwischen Landung und Ausstieg sechseinhalb Stunden. Auch wird der Mythos perpetuiert, Armstrong habe deswegen als Erster aussteigen dürfen, weil er, im Gegensatz zu Aldrin, zum Zeitpunkt der Landung kein Militärangehöriger mehr war. Tatsächlich spielte dieser Punkt in den internen Entscheidungen der Nasa aber keine Rolle, sondern wurde erst später von den Medien herausgehoben.

Für die Kritiker gibt es „2019 - Auf zu Mond und Mars!“

Der Beitrag, bei dem die Kritiker der bemannten Raumfahrt eher auf ihre Kosten kommen, ist die Dokumentation „2019 - Auf zu Mond und Mars!“, die Arte direkt im Anschluss an „Im Schatten des Mondes“ bringt. Der Film ist eine Mogelpackung, denn trotz des Titels geht es hier nur ganz am Rande um die Pläne der Nasa, zum Mond zurückzukehren oder zum Mars zu fliegen.

Vielmehr berichtet der französische Dokumentarfilmer Laurent Lichtenstein von Leuten, die auf Devon Island in der kanadischen Hocharktis eine Art Sommerlager veranstalten, um mit Raumanzügen, bei denen es sich hauptsächlich um Attrappen handelt, Erfahrungen zu sammeln, die man angeblich für Mond- oder Marsflüge braucht.

Die Nasa verfolgt das Treiben mit Interesse

Solche an Pfandfinderlager erinnernden Unternehmen werden seit Jahren von nichtstaalichen Organisationen wie der Mars Society oder dem Seti-Institut veranstaltet, zum guten Teil sind es private Raumfahrtenthusiasten, die sich dort tummeln. Die Nasa verfolgt das Treiben mit Interesse, entsendet auch schon mal Mitarbeiter, aber von dieser ausgesprochen peripheren Anbindung solcher Aktionen an das wirkliche Raumfahrtgeschäft erfährt der Zuschauer nichts. Stattdessen wird er die Gestalten, die da kurz vor dem Nordpol kampieren und mit vierrädrigen Motorrädern über die Tundra heizen, unwillkürlich mit den zuvor vorgestellten echten Astronauten vergleichen und das Weltall sogleich für die Menschheit verloren glauben.

Allein wegen des bloßen Spektakels irgendwelcher nie gesehenen Bilder sollte sich jedoch niemand den Menschen zurück auf den Mond oder endlich auf den Mars wünschen. Die erste Live-Sendung von einem anderen Himmelskörper gab ja es schon.

Im Schatten des Mondes, die Dokumentation von David Sington, eröffnet am Montag um 21 Uhr die lange Mondnacht auf Arte. Um 22.40 Uhr folgt 2019 - Auf zu Mond und Mars und um 23.25 Uhr beginnt in der Reihe „Verlorene Filmschätze“ die Dokumentation 1969. Live vom Mond von Serge Viallet. Nicht verpassen sollte man zudem um 23.55 Uhr den französischen Stummfilm Die Reise zum Mond von 1902, der in einer restaurierten Fassung ausgestrahlt wird.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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