Home
http://www.faz.net/-gwz-76foz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Wasser und Joghurt Unter Fastenfreunden

Nach Aschermittwoch heißt es den Gürtel enger schnallen. Es wird gefastet, „der Organismus richtig durchgeputzt“. Und wo ginge das leichter als in einer luxuriösen Fastenklinik?

© picture alliance / dpa Vergrößern Jeder zweite Bundesbürger spielt mit dem Gedanken zu fasten

Warum Jesus fastete, wissen wir. Die Bibel berichtet, dass er, vom Geist in die Wüste geführt, vierzig Tage und vierzig Nächte lang nichts zu sich nahm und anschließend der Versuchung widerstand, Steine in Brot zu verwandeln. Es war eine Probe, die ihm der Herr auferlegt hatte. Warum jeder zweite Bundesbürger mit dem Gedanken spielt, seine Nahrungsaufnahme in den kommenden Wochen einzuschränken, ist schon weniger eindeutig. Für die einen ist es Glaubenssache, andere wollen abspecken oder endlich mal „den Organismus richtig durchputzen“. Fort mit den Schlacken. Es kann nichts schaden, oder?

Jörg Albrecht Folgen:  

An der Costa del Sol herrschen im Februar angenehme Temperaturen, die „Clínica Buchinger Wilhelmi“ liegt oberhalb von Marbella im schönsten Sonnenschein. Das Direktorenpaar Jutta und Claus Rohrer heißt von Herzen willkommen. Hier haben schon Curd Jürgens, Josef Ackermann und Roberto Blanco Erleichterung gesucht. Die Methode Buchinger gilt als Maßstab allen Heilfastens. Ersonnen hat sie der Marinearzt Otto Buchinger, der gegen Ende des Ersten Weltkrieges an schwerem Rheuma erkrankte und sich einem dreiwöchigen Radikalfasten inklusive Ohnmacht und Erbrechen unterwarf, wonach er vollständig kuriert war.

Fünfundzwanzigtausend Euro für drei Wochen

Ganz so heftig geht es in Marbella nicht zur Sache. Aber Disziplin sollte man schon mitbringen. Sowie einen gewissen finanziellen Spielraum: Drei Wochen kosten je nach Zimmerkategorie zwischen fünf- und fünfundzwanzigtausend Euro. Dafür wird auf manches verzichtet. Fernseher auf dem Zimmer sind nicht erwünscht, Mobiltelefone aus dem Klinikgelände verbannt, Alkohol und Nikotin komplett verboten. Zusammen mit der bürgerlichen Küche seien Letztere „immerfort das Mistebeet, auf dem die ärztlichen Sprechstundenfrüchte reifen“, war Otto Buchinger überzeugt.

San Francisco sagt «Happy Meals» den Kampf an © picture alliance / dpa Vergrößern Ein saftiger Burger hat auf dem Speiseplan von Fastenden nichts verloren. Stattdessen gibt es Joghurt mit ein wenig Honig

Am ersten Tag darf sich der Patient noch achthundert Kilokalorien gönnen, in Form von Reis, Obst, Kartoffeln oder Gemüse, bei schwachem Magen besser Haferbrei. Am zweiten Tag wird es ernst, dann wird „geglaubert“. Zwanzig bis vierzig Gramm Natriumsulfat, aufgelöst in einem halben bis drei viertel Liter Wasser, entfalten ihre osmotische Wirkung. Der Darm leert sich mehr oder weniger plötzlich. Eine Stunde später ein wenig Tee, mittags ein viertel Liter Fruchtsaft, abends dieselbe Menge Gemüsebrühe - das ist fast alles, was der Magen in nächster Zeit vorgesetzt bekommt.

Höhepunkt des Tages: Honig mit Joghurt

Kalorischer Höhepunkt des Tages sind ein bis zwei Teelöffel Honig, die zusammen mit fettfreiem Yoghurt nach dem obligaten Leberwickel während der Mittagspause verabreicht werden. Alle zwei Tage soll man außerdem eine Darmspülung vornehmen, in hartnäckigeren Fällen eine „Colon-Hydrotherapie“, bei der noch die letzten Darmzotten poliert werden. Mineralwasser, immerhin, darf man so viel trinken, wie man will; edle Flaschen mit „Solán de Cabras“ (vierhundert Jahre lang unterirdisch gereift in der Nähe eines kleinen Dorfes in Nordkastilien) stehen an jeder Ecke bereit.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Abgebrochene Psychotherapien Wenn die Patienten aussteigen

Viele Menschen beginnen eine psychotherapeutische Behandlung, halten sie aber nicht bis zum Ende durch. Die Gründe, die hinter Abbrüchen stehen, werden nun von einigen deutschen Forschungsgruppen beleuchtet. Mehr Von Christina Hucklenbroich

15.04.2015, 12:20 Uhr | Wissen
Tötungen durch Pflegepersonal Kliniken äußern sich zu angeklagtem Pfleger

Im Fall eines Krankenpflegers, der in Niedersachsen Patienten getötet haben soll, haben sich Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg geäußert. Mehr

20.12.2014, 11:56 Uhr | Gesellschaft
Mehr Fälle beim Rettungsdienst Hartmannbund fordert Notdienst-Gebühr

Zu oft gingen Menschen zum Notarzt - obwohl es sich nur um Lappalien handele, sagt die Ärzte-Vereinigung Hartmannbund. Die Patienten zur Kasse zu bitten soll helfen. Mehr

24.04.2015, 17:20 Uhr | Rhein-Main
Amerika Antibiotika-resistenter Keim Superkeim CRE aufgetaucht

In einer Klinik in Los Angeles ist der sogenannte Superkeim CRE aufgetaucht. Rund 180 Patienten sollen sich möglicherweise schon infiziert haben. Mehr

20.02.2015, 10:12 Uhr | Wissen
Schmerztherapie Cannabis für Kinder

Wenn Cannabis Medikament sein soll, wird die Diskussion emotional und unsachlich. Das Nachsehen haben dabei kranke Kinder – denn auch sie können von der Wirkung der Pflanze profitieren. Mehr Von Lucia Schmidt

22.04.2015, 10:13 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.02.2013, 17:37 Uhr