Warum Jesus fastete, wissen wir. Die Bibel berichtet, dass er, vom Geist in die Wüste geführt, vierzig Tage und vierzig Nächte lang nichts zu sich nahm und anschließend der Versuchung widerstand, Steine in Brot zu verwandeln. Es war eine Probe, die ihm der Herr auferlegt hatte. Warum jeder zweite Bundesbürger mit dem Gedanken spielt, seine Nahrungsaufnahme in den kommenden Wochen einzuschränken, ist schon weniger eindeutig. Für die einen ist es Glaubenssache, andere wollen abspecken oder endlich mal „den Organismus richtig durchputzen“. Fort mit den Schlacken. Es kann nichts schaden, oder?
An der Costa del Sol herrschen im Februar angenehme Temperaturen, die „Clínica Buchinger Wilhelmi“ liegt oberhalb von Marbella im schönsten Sonnenschein. Das Direktorenpaar Jutta und Claus Rohrer heißt von Herzen willkommen. Hier haben schon Curd Jürgens, Josef Ackermann und Roberto Blanco Erleichterung gesucht. Die Methode Buchinger gilt als Maßstab allen Heilfastens. Ersonnen hat sie der Marinearzt Otto Buchinger, der gegen Ende des Ersten Weltkrieges an schwerem Rheuma erkrankte und sich einem dreiwöchigen Radikalfasten inklusive Ohnmacht und Erbrechen unterwarf, wonach er vollständig kuriert war.
Fünfundzwanzigtausend Euro für drei Wochen
Ganz so heftig geht es in Marbella nicht zur Sache. Aber Disziplin sollte man schon mitbringen. Sowie einen gewissen finanziellen Spielraum: Drei Wochen kosten je nach Zimmerkategorie zwischen fünf- und fünfundzwanzigtausend Euro. Dafür wird auf manches verzichtet. Fernseher auf dem Zimmer sind nicht erwünscht, Mobiltelefone aus dem Klinikgelände verbannt, Alkohol und Nikotin komplett verboten. Zusammen mit der bürgerlichen Küche seien Letztere „immerfort das Mistebeet, auf dem die ärztlichen Sprechstundenfrüchte reifen“, war Otto Buchinger überzeugt.
Fastenzeit: Worauf wollen Sie verzichten?
Am ersten Tag darf sich der Patient noch achthundert Kilokalorien gönnen, in Form von Reis, Obst, Kartoffeln oder Gemüse, bei schwachem Magen besser Haferbrei. Am zweiten Tag wird es ernst, dann wird „geglaubert“. Zwanzig bis vierzig Gramm Natriumsulfat, aufgelöst in einem halben bis drei viertel Liter Wasser, entfalten ihre osmotische Wirkung. Der Darm leert sich mehr oder weniger plötzlich. Eine Stunde später ein wenig Tee, mittags ein viertel Liter Fruchtsaft, abends dieselbe Menge Gemüsebrühe - das ist fast alles, was der Magen in nächster Zeit vorgesetzt bekommt.
Höhepunkt des Tages: Honig mit Joghurt
Kalorischer Höhepunkt des Tages sind ein bis zwei Teelöffel Honig, die zusammen mit fettfreiem Yoghurt nach dem obligaten Leberwickel während der Mittagspause verabreicht werden. Alle zwei Tage soll man außerdem eine Darmspülung vornehmen, in hartnäckigeren Fällen eine „Colon-Hydrotherapie“, bei der noch die letzten Darmzotten poliert werden. Mineralwasser, immerhin, darf man so viel trinken, wie man will; edle Flaschen mit „Solán de Cabras“ (vierhundert Jahre lang unterirdisch gereift in der Nähe eines kleinen Dorfes in Nordkastilien) stehen an jeder Ecke bereit.
Fünf bis maximal vierzig Tage soll der Patient so weitermachen. Kann das überhaupt gesund sein? Außer Frage steht, dass eine solche Hungerkur ein schwerer physiologischer Eingriff ist. „Fasten ist kein Spaziergang, sondern eine Hochgebirgstour“, schreibt der Schweizer Jesuit und Zenmeister Niklaus Brantschen. Bei komplettem Nahrungsentzug reicht der in Form von Glykogen gespeicherte Zuckervorrat des Körpers gerade noch einen Tag, dann beginnt die Leber damit, andere Quellen anzuzapfen. Schnell verfügbare Eiweißstoffe aus der Muskulatur und aus dem Verdauungstrakt werden in Glukose umgewandelt. Das Gehirn, in Alarmbereitschaft versetzt, schüttet Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus. Der Blutdruck sinkt, bleierne Müdigkeit, unruhiger Schlaf, Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Sodbrennen, Blähungen, Übelkeit, Wadenkrämpfe und Gichtanfälle können die Folge sein. Nicht ohne Grund firmieren die Buchinger-Dependancen in Marbella und in Überlingen am Bodensee unter dem Begriff „Klinik“. Ärztliche Überwachung ist bei konsequentem Fasten dringend angeraten.
Ab dem dritten Tag ein Glücksgefühl
Die frohe Botschaft für den Darbenden lautet: Es geht vorüber. Denn vom dritten Tag an stellt sich meistens ein gewisses Glücksgefühl ein, hervorgerufen durch eine längere Verweildauer des Botenstoffes Serotonin im Gehirn. Die Leber geht dazu über, Fettsäuren abzubauen. Der veränderte Stoffwechsel äußert sich durch Mund- und Körpergeruch. Die Körpertemperatur sinkt, viele Fastende wollen dann einfach nur noch in Ruhe gelassen werden, weshalb die Buchinger-Leute dazu raten, besser allein zur Kur zu reisen als mit Partnern oder Freunden. Und sich nicht neben der Arbeit zu kasteien: „Da wird man bloß grantig“, sagt Andrea Steiger, eine der Ärztinnen in Marbella. Ganz anders bei einer bewussten Auszeit: „Schon nach wenigen Buchinger-Tagen kann ich wirklich nicht mehr klagen“, schrieb ein Stammgast ins Gästebuch. Viele Teilnehmer berichten von einer regelrechten Euphorie, man fühle sich am Ende wie neu geboren.
Wie dem auch sei: Es gibt etliche Kontraindikationen gegen das Fasten. Dazu gehören starkes Untergewicht, Magersucht, Schilddrüsenüberfunktion, Störungen der Hirnduchblutung, fortgeschrittene Leber- oder Nierenschwäche, Magen- und Darmgeschwüre, Diabetes vom Typ eins, Suchterkrankungen und Psychosen. Françoise Wilhelmi de Toledo, medizinische Leiterin der Bodensee-Klinik und verheiratet mit Raimund Wilhelmi, einem Enkel Otto Buchingers, zählt sie ehrlicherweise alle auf. Daneben freilich, und nicht unerwartet, eine noch längere Liste von Leiden, bei denen eine Fastenkur helfen könne. Das fängt mit Übergewicht, Bluthochdruck und Arthrose an und hört mit Akne, chronischer Verstopfung, entzündlichen Darmerkrankungen, Allergien und Fruchtbarkeitsstörungen nicht auf.
Fastenziel: Ausräumung der Darmflora
Wie stets, wenn es sich nicht um Pillen handelt, ist das alles nicht besonders gut belegt. Placebokontrollierte Doppelblindstudien findet man wenige, wenn es um das Fasten geht. Das ist das Schicksal aller ganzheitlichen Therapien. Wobei ganzheitlich, wertfrei betrachtet, nur heißt, dass hier nicht einzelne Parameter in Angriff genommen werden, sondern gleich ein ganzer Schrotschuss auf das Befinden des Patienten abgefeuert wird. Beim Ausräumen der gesamten Darmflora, erklärtes Ziel allen Heilfastens, handelt es sich um eine ziemlich drastische Intervention. Das Mikrobiom eines Menschen, also die Gesamtheit aller ihn besiedelnden Mikroorganismen vor allem des Verdauungstraktes, besteht normalerweise aus mehr als tausend verschiedenen Arten Bakterienarten. Ein einziges Gramm Dickdarminhalt enthält mehr als eine Billion Mikroben. Der Zustand des menschlichen Darms beeinflusst, wie man heute weiß, nachhaltig das Immunsystem, die Gesundheit und die Psyche. Der Prozess des Fastens greift da erheblich ein. Nur wie genau? Veränderungen der Darmflora treten zum Beispiel auch bei einer Behandlung mit Antibiotika auf. In ungünstigen Fällen können sich Besiedler wie das Bakterium Clostridium difficile durchsetzen und lebensgefährlichen Durchfall auslösen, der mit einem weiteren Antibiotikum bekämpft werden muss. Das allerdings schädigt den Darm erneut und führt nur in sechzig Prozent der Fälle zum Erfolg.
Vor zwei Wochen erschien im New England Journal of Medicine eine Studie, die einen anderen Therapieansatz verfolgte, nämlich den Versuch, dem Patienten eine vitale Darmflora zu übertragen. Gastroenterologen des Academic Medical Centre in Amsterdam konnten zeigen, dass die Verabreichung von Stuhlproben gesunder Spender über eine Nasen-Darm-Sonde geradezu verblüffende Ergebnisse hervorbrachte. Dreizehn von sechzehn Patienten waren auf der Stelle geheilt, als Nebenwirkungen traten eine milde Diarrhoe und Krämpfe auf. Untersuchungen zeigten, dass die Fäkaltransplantation die bakterielle Vielfalt im Darm wiederhergestellt hatte.
Durch Fasten langsamer altern - bei Mäusen klappt es
Die Kotspende kann man ebenfalls zu den unorthodoxen Methoden zählen. Normalerweise würde kein Arzt zur Kurierung eines Leidens einen schlecht definierten Cocktail von Keimen verabreichen. Glaubersalz und Gemüsebrühe würde man im Zweifelsfall auch nicht unbedingt zur Therapie von Krebskranken verordnen. Doch genau da scheint sich zur Zeit ein neuer Zweig des Heilfastens aufzutun. Im Tierversuch und an einzelnen menschlichen Patienten will der Gerontologe Valter Longo von der University of California in Los Angeles gezeigt haben, dass kurzfristiges Fasten die üblen Nebenwirkungen einer Chemotherapie lindern und ihren Erfolg steigern kann. Auf molekularer Ebene ließe sich das mit dem Glukosemangel erklären, der die Krebszellen unter selektiven Stress setzen würde. Longo vermutet außerdem, dass Nahrungsmangel dazu beitragen könnte, die Synthese bestimmter Wachstumsfaktoren zu hemmen. Wie valide seine Studien sind, muss sich noch zeigen. Die „Maria Buchinger Foundation“ jedenfalls wird Valter Longo im kommenden Juni einen Preis verleihen.
Es ist Nachmittag geworden in Marbella. In weiße Bademäntel gehüllt ruhen sich die Gäste von Klistier und Leberwickel aus. Nur gedämpft dringt das Rauschen der Küstenautobahn herauf. Der Rest des Tages ist eventuell noch der Schönheitspflege, leichter Gymnastik, Massage, Entspannung und Introspektion gewidmet. Auch Sean Connery und der saudische Prinz Faisal haben sich dem schon hingegeben. Fasten soll angeblich selbst den Alterungsprozess verlangsamen. An Würmern, Hefezellen, Mäusen und Rhesusaffen wurde das bereits demonstriert. Kontrollierte Versuche am Menschen gestalten sich aus verständlichen Gründen schwierig.
So bleibt nur eine Dimension des Fastens, die sich ganz und gar nicht für Laborexperimente eignet. Otto Buchinger schrieb in diesem Zusammenhang von der „Metanoia“, der Buße und Reue, die beim aufrichtig Fastenden eine heilende innere Wendung einleiten könne. Treue Buchinger-Freunde wissen, wovon die Rede ist: „Wir waren zwanzig Mal hier und kommen immer wieder.“ Kann eine Klinik noch mehr erreichen?
Unter dem Begriff „Heilfasten“ fasst man eine Reihe von Methoden zusammen, die nicht religiös motiviert sind, sondern in erster Linie der „Entschlackung“ des Körpers dienen sollen. Dieser Begriff wurde durch den Fastenmediziner Otto Buchinger (1878-1966) eingeführt und gilt heute weitgehend als obsolet. „In einem gesunden menschlichen Körper gibt es keine Ansammlung von Schlacken“, schreibt dazu kurz und bündig die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), „nicht verwertbare Stoffe werden bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr über den Darm und die Nieren ausgeschieden.“ Gleichwohl halten Anhänger des Heilfastens daran fest, dass eine körperliche und seelische Reinigung stattfindet. Beim Buchinger-Fasten wird nicht vollständig auf Nahrung verzichtet, neben Vitaminen und Mineralien wird eine kleine Menge Kalorien zugeführt. Eine Buchinger-Kur dauert traditionell drei Wochen. Am Beginn steht ein „Entlastungstag“, am Ende sollten mehrere Aufbautage absolviert werden. Buchinger-Kliniken, die inzwischen in der dritten Generation im Familienbesitz sind, existieren in Bad Pyrmont, Überlingen am Bodensee und im spanischen Küstenort Marbella. Bei der F.-X.-Mayr-Kur, die auf den östereichischen Kurarzt Franz Xaver Mayr (1875-1965) zurückgeht, steht eine Diät aus Milch und altbackenen Semmeln im Mittelpunkt. Der Fastende soll dadurch an neue Ernährungsgewohnheiten herangeführt werden, nach dem Prinzip „Schonung, Säuberung, Schulung und Substitution“. Die Mayr-Diät wird gern mit Wanderungen kombiniert, um dem Verlust an Muskelmasse vorzubeugen. Ein prominenter Anhänger war während seiner Amtszeit Altbundeskanzler Helmut Kohl. Zentren der Mayr-Bewegung finden sich im österreichischen Lands, am Tegernsee und in Hamburg. Die Schrothkur ist nach dem österreichischen Naturheiler Johann Schroth (1798 - 1856) benannt, der die Methode im Selbstversuch entwickelte, nachdem ihm ein Pferdehuf schwer am Knie verletzt hatte. Die Schrothkur besteht im Wesentlichen aus einer Abfolge von sogenannten Trink- und Trockentagen und der Verabreichung von feuchten Wickeln. An Trockentagen nimmt der Patient eine salz- und fettlose Kost sowie trockene Brötchen zu sich, an Trinktagen bis zu zwei Liter Flüssigkeit, früher in Form von Weißwein, heute meist als Säfte. Der Markt Oberstaufen im Allgäu trägt als einziger den offiziellen Titel Schroth-Heilbad. Über den medizinischen Wert des Heilfastens gehen die Meinungen auseinander. Viele positive Wirkungen seien wissenschaftlich kaum oder nur ungenügend belegt, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Auch als Maßnahme zur Gewichtsreduktion werde es nicht empfohlen. Das deckt sich mit der Beobachtung, dass viele Patienten nach dem Ende des Fastens schnell wieder an Gewicht zulegen - der berüchtigte „Jojo-Effekt“. Eine Langzeitstudie an zweihundert Patienten mit krankhaftem Übergewicht kam zu ähnlichen Ergebnissen. Zwar büßten die Teilnehmer nach zweimonatigem Fasten im Durchschnitt knapp dreißig und nach vier Monaten sogar mehr als vierzig Kilogramm ein. Doch dieser Gewichtsverlust hielt in den meisten Fällen kaum länger als ein Jahr an. Lediglich sieben Patienten konnten ihre Fettpolster dauerhaft reduzieren, wer schon in der Kindheit Übergewicht hatte, tendierte dazu, nach einer Fastenkur noch dicker zu werden. Heilfasten, räumt die DGE ein, könne aber sehr wohl ein Impuls für eine Änderung des Lebensstils sein. Die positiven Erfahrungen einer Fastenkur könnten ganz allgemein zu einer gesundheitsbewussteren Lebensweise führen. Auch die Stimmung kann durch eine Fastenkur beeinflusst werden; eine im Januar veröffentlichte Metaanalyse aller verfügbaren Studien ergab, dass sich die Symptome einer leichten Depression schon nach zwei bis sieben Tagen Fasten bessern können. echt
Fasten ist eine ganz natürlicher Bestandteil des Lebens
Andreas Sommers (golden_duck)
- 13.02.2013, 08:52 Uhr
Wir waren zwanzig Mal hier und kommen immer wieder. Kann eine Klinik
noch mehr erreichen?
klaus keller (klkeller)
- 12.02.2013, 18:48 Uhr