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Tiere und Emotionen: Was mag ein Tier schon fühlen?

Die muss noch viel lernen: Mit sechs Monaten hat das weibliche Baby eines Westlichen Gorillas (Gorilla gorilla) im Zoo von Cincinnati allen Grund zum Staunen. Foto: Joel Sartore, National Geographic

Was mag ein Tier schon fühlen?

Von CORD RIECHELMANN
Die muss noch viel lernen: Mit sechs Monaten hat das weibliche Baby eines Westlichen Gorillas (Gorilla gorilla) im Zoo von Cincinnati allen Grund zum Staunen. Foto: Joel Sartore, National Geographic

04.01.2018 · Unter Verhaltensforschern war es lange Zeit verpönt, Tieren Emotionen zuzuschreiben. Allmählich ändert sich das.

E in Hund, der gerade ein Stück Fleisch vom Küchentisch gestohlen und im Blumentopf versteckt hat, kommt einem mit eingezogenem Schwanz entgegen und schleicht sich mit verstohlenem Seitenblick an einem vorbei. Unwillkürlich neigt man dazu, dem Hund ein Bewusstsein seiner Tat zu unterstellen. Charles Darwin ging, nachdem er einmal eine ähnliche Szene erlebt hatte, noch einen Schritt weiter. Es war für ihn klar, dass sein Hund sich schämte.

Foto: Wikimedia

Für den Begründer der Evolutionslehre bestand überhaupt nicht der geringste Zweifel, dass Tiere Gefühle entwickeln und sie auch zeigen. In seinem 1872 erschienenen Werk „The Expression of the Emotions in Man and Animals“ ging es ihm vor allem darum, mit welchen Verhaltensmustern Tiere ihre Gemütszustände ausdrücken.

Darwin hat in diesem Buch, das als einer der Ausgangspunkte der modernen Verhaltensforschung gelten kann, Beispiele dafür geliefert, warum es für Menschen von großer Bedeutung ist, Gefühlsäußerungen von Tieren erkennen und richtig interpretieren zu können.

„Man hat beschrieben, wie ein Elk (Anm.: ein Wapitihirsch), welcher in den Vereinigten Staaten einen Mann todt bohrte, zuerst sein Geweih schwang, vor Wut schrie und auf den Boden stampfte; endlich sah man, wie sich sein Haar sträubte und aufrecht stellte, und dann sprang er vorwärts zum Angriff“, heißt es an einer Stelle.

Charles Darwin Foto: dpa

Bei einer solchen Konfrontation ist es lebenswichtig, die sich steigernde Wut bereits im Ansatz zu erkennen, um sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Menschen, die von Berufs wegen mit wehrhaften Tieren zu tun hatten, wie Dompteure, Rinderhirten oder Jäger, haben das zu allen Zeiten auch immer gewusst. Nur war dieses Wissen esoterisch. Es blieb Eingeweihten und Erfahrenen vorbehalten.

Für die Wissenschaft, der es ja um eine rationale und allgemein zugängliche Beschreibung ihrer Objekte geht, war dieser Erfahrungsschatz zunächst unbrauchbar. Für die exakte Verhaltensforschung, die erst im 19. Jahrhundert verhältnismäßig langsam und spät begann, fügte sich das überlieferte Wissen nur in eine Reihe von anthropomorphiesierenden Betrachtungen, die, unter anderem in Form von Fabeln, auf eine lange Tradition zurückblicken konnten. Das Tier als Projektionsfläche für menschliche Vorstellungen, Wünsche und Meinungen stand noch in Alfred Brehms berühmtem „Tierleben“ so weit im Vordergrund, dass man einen Großteil der Brehmschen Beschreibungen als blanken Quatsch bezeichnen muss.

Es ging also erst einmal darum, die allzu menschlichen Komponenten und Erzählstränge aus dem vorhandenen Kontext zu entfernen. Dazu bot sich im 19. Jahrhundert, das von Mechanik geradezu besessen war, ein damals schon älteres, aber trotzdem am Beginn der neuzeitlichen Wissenschaft stehendes Bild an. Der französische Philosoph René Descartes hatte zweihundert Jahre zuvor die Körper von Tieren wie Menschen in Abgrenzung zum Geist als Automaten beschrieben. Diese mechanistische Auffassung bot nun die Möglichkeit, den Tieren alles ausschließlich Menschliche – oder genauer gesagt: scheinbar ausschließlich Menschliche – wie Gefühle, Gedanken und Absichten kurzerhand abzusprechen.

Bevor man nun aber Descartes retrospektiv zum Bösewicht erklärt, der seinen Hund, wenn es um Gefühle geht, heute auf die Ebene seines Computers stellen würde, sollte man einen Blick auf die Geschichte und Vorgeschichte werfen. Denn wenn es richtig ist, dass, wie der britische Kunstkritiker John Berger behauptet hat, die erste Farbe der Menschheit Tierblut war, die ersten Bilder Tiere dargestellt haben und auch die erste sprachliche Metapher ein Tier war, dann ist die gesamte Entwicklung der menschlichen Kultur und des menschlichen Denkens so eng mit den Tieren verbunden, dass es tatsächlich sehr schwerfällt, eine andere als anthropomorphe Vorstellung von ihnen zu entwickeln. Descartes’ Vorstellung vom Automaten bot die Möglichkeit eines Übungsfeldes in Vorurteilslosigkeit. So ließ sich der mitgeschleppte Bodensatz aus mehr als zehntausend Jahren Domestikationsgeschichte tilgen. Der Vergleich mit dem Automaten war der Nullpunkt, von dem aus man beginnen konnte, ein nicht anthropomorphisierendes Bild des Tieres zu entwickeln.

Wer nachts durch Madagaskars Regenwälder streift, muss immer auf der Hut sein. Dieser Braune Mausmaki (Microcebus rufus) lebt allerdings relativ ungefährdet im Tsimbazaza Zoo von Antananarivo. Foto: Joel Sartore, National Geographic

Die Vorstellung vom Automatenkörper hat dazu verführt, das Bild für bare Münze zu nehmen. Das hatte insofern Folgen für die Tiere, als man ihnen die schrecklichsten Torturen zumuten konnte, ohne auch nur eine Sekunde an ihre Leiden zu denken. Ein Frosch, der unter elektrischen Reizen zuckte, war eben genau das: Ein automatisch reagierendes Muskelpaket. Für alle Tiere unterhalb der Säugetierebene standen Gefühle oder Leidensfähigkeit generell nicht zur Debatte. Diese Auffassung hat sich lange gehalten. So wurde mir selbst noch in den 1980er Jahren während eines Physiologiepraktikums, in dem es darum ging, mit den Muskeln von Kröten zu experimentieren, erklärt, das Dekapitieren, also das Enthaupten der Tiere, sei keine große Sache, weil sie es nicht bemerken würden. Ein Fortschritt bestand zu dieser Zeit allenfalls darin, nur noch Freiwillige zu dieser Aufgabe heranzuziehen und Studenten, die es nicht wollten oder konnten, mit dem Dekapitieren zu verschonen.

Charles Darwin dagegen hat Tiere nie als Maschinenkörper gesehen. Man kann seine Texte auch als Abwehrreaktion auf die beginnende Industrialisierung des Wissenschaftsbetriebs selbst lesen. Er schrieb nicht nur von der Scham seines Hundes, sondern auch von der Intelligenz der Regenwürmer. Er hat sogar das Verhalten der Schlingpflanze in seinem Arbeitszimmer beobachtet und langjährige Untersuchungen über die Beziehungen zwischen fleischfressenden Pflanzen und Insekten angestellt.

Als mit einem beträchtlichen Vermögen versehener Privatgelehrter war Darwin eine Übergangsfigur an der Schwelle zum professionalisierten Wissenschafts- und Forschungsbetrieb, wie wir ihn heute kennen. Das macht sein Buch über die Emotionen von Tieren und Menschen noch immer aktuell. Darwin ging es darin zwar um evolutionär entstandene Zusammenhänge zwischen den Ausdrucksbewegungen und um die dahintersteckenden allgemeinen Prinzipien. Zuallererst aber war er von der überbordenden Vielfalt des Beobachteten „frappiert“, um es mit einem seiner Lieblingsworte zu sagen. Und die Entstehung dieser Vielfalt wollte er erklären, ohne ausdrücklich so etwas wie Naturgesetze zu formulieren. Es ging ihm um die Mechanismen, die diese Vielfalt unter den Bedingungen der Veränderbarkeit der Individuen und ihrer Umgangsformen hervorbrachten. Die beginnenden Laborwissenschaften aber waren auf der Suche nach einem allgemeinen, auch für den Menschen gültigen Modell. So kam man im Experiment auf den angeblich gefühllosen Froschschenkel.

Dahinter steckt immer ein heller Kopf. Doch dem Grauschenkligen Kleideraffen (Pygathrix cinerea) wird in seiner Heimat Vietnam aus den verschiedensten Gründen nachgestellt. Ein Zuchtprogramm soll die vom Aussterben bedrohte Art retten. Foto: Joel Sartore, National Geographic

Es dauerte denn auch bis in ins zwanzigste Jahrhundert hinein, ehe mit Jakob Johann von Uexküll ein Forscher auftauchte, der versuchte, Tiere so unanthropomorph wie möglich zu denken. Uexküll kam in seinen Forschungen zu dem Schluss, dass verschiedene Tiere ihre verschiedenen Umwelten auf je eigene Art und Weise wahrnehmen und nutzen. Folgt man dieser Sichtweise, ist es unmöglich, nur noch von Umwelt im Singular zu sprechen. Um nur zwei Tiere zu nennen, mit denen von Uexküll sich näher beschäftigte: Der Unterschied zwischen den extrem reduzierten Ansprüchen und Reaktionen einer Zecke und den Reaktionen eines Blindenhundes war einfach zu groß, um sie noch unter einen Hut zu bringen. Vom Tier im Kollektivsingular als Gegensatz zum Menschen konnte nach Uexküll eigentlich nicht mehr die Rede sein.

Doch auch Uexküll stand vor dem großen Problem, dass er Tiere wie Pflanzen nicht beobachten konnte, ohne ihnen Absichten zu unterstellen. Ohne also irgendwie davon auszugehen, dass Tiere nicht nur etwas müssen, sondern auch etwas wollen. Da man sie bis heute nur sehr begrenzt befragen kann, hat sich daran nichts geändert. Wir können Tiere gar nicht anders beobachten, als ihnen ein Wollen zu unterstellen.

Das war für Uexküll natürlich ein Bruch mit seiner ursprünglichen Intention, eine möglichst nichtanthropomorphe Sicht auf die Tiere zu entwickeln. Mit den Blindenhunden hatte er allerdings Studienobjekte gewählt, die diesen Bruch sozusagen aufhoben. Blindenhunde wie auch Helferhunde in Haushalten von Menschen mit Behinderungen müssen Fähigkeiten mitbringen, die selbst unter Hunden nur äußerst selten zu finden sind. Sie müssen nicht nur einen Stadtplan im Kopf haben, sondern auch mit der Geschwindigkeit der Fortbewegung ihrer menschlichen Freunde rechnen und in der Lage sein, deren emotionale Zustände in ihr eigenes Verhalten zu integrieren.

Seine Angriffslust hat der Kanadische Luchs (Lynx canadensis) auch im Point Defiance Zoo in Tacoma nicht verloren. In seiner Heimat würde er wohl Schneeschuhhasen jagen. Foto: Joel Sartore/National Geographic

Solche Fähigkeiten kann ein Tier logischerweise nur dann entwickeln, wenn es etwas mehr als nur rudimentäre Anlagen zu einer emotionalen Existenz besitzt. Dass Blindenhunde nicht nur Emotionen zeigen, sondern auch in der Lage sind, sie bei einer anderen Spezies wahrzunehmen, korrekt zu interpretieren und ihr eigenes Verhalten danach auszurichten, ist eine bis heute von den dafür zuständigen Naturwissenschaften kaum eingeholte Erkenntnis.

Wenn man sich ältere Lehrbücher zur Verhaltensbiologie anschaut, findet man den Begriff der Emotion in der Regel nur in einem Zusammenhang: mit der Angst. Das ist kein Wunder und hat direkt mit der Laborsituation zu tun. Die Angst, die Labortiere in der Regel befällt, wenn sie in die für sie ungewohnte und womöglich feindliche Umgebung gesetzt werden, ist wahrhaftig nicht zu übersehen.

Der neugierige Karakal (Caracal caracal) lebt im Columbus Zoo in Powell, Ohio, seine Stammgebiete liegen in Afrika, Asien und auf der arabischen Halbinsel. In Indien richtete man ihn einst für die Jagd ab. Foto: Joel Sartore/National Geographic

Das immerhin hat sich in der Literatur niedergeschlagen. In einer fremden Umgebung würden Ratten mehr oder weniger deutliche Zeichen von Furcht zeigen, die man durchaus als Emotionalität bezeichnen könne, schrieb etwa der Verhaltensbiologe Dierk Frank in seiner 1979 erschienenen „Einführung in die Ethologie“. „Als emotionale Reaktionen“, fährt Frank fort, „werden Kot- und Harnabgabe sowie Verharren am Ort gewertet, als nichtemotionale Reaktionen dagegen Umherbewegen und Erkunden.“ Emotionale Ratten, heißt es dann noch, würden langsamer lernen, einen elektrischen Schlag zu vermeiden – und in Labyrinthversuchen sind sie auch nicht die schnellsten, könnte man noch hinzufügen.

Den Laborwissenschaftlern gelang es, dieses Problem zu umschiffen, indem sie mit der Zeit nahezu angstfreie Rattenstämme züchteten. Das war der Stand der Wissenschaft, als ich Ende der achtziger Jahre begann, mich auf Verhaltensbiologie zu spezialisieren. Die Angst war die einzige Emotion, die nicht täuschte, die eindeutig zu erkennen war, wenn man das Tier sah. Ich erinnere mich an unzählige Themenbesprechungen im Institut, in denen es darum ging, Methoden zu finden, auch andere Gefühle bei Tieren zweifelsfrei nachzuweisen.

Es reichte offensichtlich nicht, davon auszugehen, das junge Makaken sich freuen, wenn sie sich spielend jagen und dabei immer wieder auf einen Baum klettern, um aus zwei Meter Höhe in einen Teich zu springen, schnell an Land zu schwimmen, um das Ganze in jenen Verhaltensschleifen zu wiederholen, die das Spielen bei vielen Säugetierkindern ausmachen. Ebenso war es bloß Erfahrungswissen, wenn man umgekehrt auf das gesträubte Fell und das Fauchen älterer Affen achtete, womit sie ihre Wut zum Ausdruck brachten, wenn man ihrem Nachwuchs zu nahe gekommen war. Als wissenschaftlich gültigen Satz konnte man gerade noch postulieren, dass die Ausdruckserscheinungen bei emotionalen Reaktionen unübersehbar und oft auch unüberhörbar sind.

Der Hörnchenbeutler (Gymnobelideus leadbeateri) ist in den australischen "Zoos Victoria" zu Hause, wo man versucht, die im Flachland sehr seltenen Tiere zu züchten. Ihrer nächtlichen Lebensweise verdanken sie den Namen Waldfee. Foto: Joel Sartore/National Geographic

Da hat sich inzwischen etwas verändert in der Forschungslandschaft. Auch wenn der Nachweis von Emotionen noch nicht für alle Tiere anerkannt ist, kann man kaum noch einen Wissenschaftler finden, der nicht wenigstens den Säugetieren die großen Emotionen wie Freude, Angst und Wut zugesteht. Schwieriger sieht es allerdings mit einer für Menschen als konstitutiv angesehenen Emotion wie der Trauer aus. Wer beispielsweise behauptet, Elefanten oder Dohlen würden um den Tod eines ihnen nahestehenden Artgenossen trauern, wird meist nicht mehr als ein desinteressiertes Achsel- oder nachsichtiges Mundwinkelzucken ernten.

Noch für Darwin war es überhaupt keine Frage, dass Elefanten zu Trauer fähig sind. „Man weiss, dass der indische Elephant zuweilen weint“, schrieb er und schilderte auch die Situationen sehr genau, in denen Elefanten die Tränen kommen. Die auf Ceylon gefangenen und angebundenen Tiere „lagen bewegungslos auf der Erde, mit keinem anderen Zeichen von Leiden als den Thränen, welche ihre Augen füllten und beständig herabflossen.“

Darwin wären wohl auch die Tränen nicht entgangen, die Rindern auf ihren Transporten zum Schlachthof manchmal in den Augen stehen. Man kann sie sehen, wenn man sich dem aussetzt und sich die Mühe macht, lange genug hinzuschauen oder auch nur aufmerksam einem Dokumentarfilm zum Thema Tiertransporte folgt.

Immerhin bejaht die aktuelle Wissenschaft zumindest die Frage, ob Tiere etwa „ärgerlich“ oder „freudig“ gestimmt sein können. Säugetieren und Vögeln wird das zugeschrieben. Ob aber Tiere in ähnlicher Weise wie Menschen sich ihrer emotionalen Lage bewusst sind, sie also „selbstbewusst“ erleben, ist immer noch umstritten. Es kann in diesem Zusammenhang hilfreich sein, kurz die Naturwissenschaften zu verlassen und in der angelsächsischen Philosophie nachzuschauen.

Der Brasilianische Baumstachler (Coendou prebensilis) kann Menschen gegenüber sehr zutraulich werden. Untereinander agieren die Tiere oft recht ruppig. Dieses Starporträt entstand im Saint Louis Zoo und schaffte es schon mehrfach auf die Titelseiten. Foto: Joel Sartore/National Geographic

„Ich habe gesagt, dass viele Tierarten Bewusstsein, Intentionalität und Gedankenprozesse haben,“ schreibt der amerikanische Philosoph John R. Searle in seinem Essay „Der Geist der Tiere“. Warum aber sei er sich so sicher, dass sein Hund Ludwig tatsächlich ein Bewusstsein besitze, fragt Searle weiter und antwortet verblüffend einfach: Er glaube, dass ein Teil der richtigen Antwort sowohl für den Hund wie für ihn selbst laute, dass jede andere Antwort außer Frage stehe. Unter anderem deshalb, weil beide sich nun schon ziemlich lange kennen würden, so dass eigentlich kein Zweifel möglich sei. Denn immer, wenn er von der Arbeit nach Hause zurückkehre, stürme Ludwig ihm entgegen, springe auf und ab und wedele mit dem Schwanz. Woraus Searle folgert: „Ich bin sicher, dass er (a) Bewusstsein hat, (b) sich meiner Anwesenheit bewusst ist und (c), dass dieses Bewusstsein in ihm einen Zustand der Lust hervorruft.“

Searle geht in seinem Text weiterhin ein paar Argumenten nach, die seiner Schlussfolgerung anscheinend im Wege stehen. Er macht das ebenso knapp, wie er an seinem Hund Bewusstsein, Intentionalität und Gedanken bescheinigt. Den Verfechtern der Theorie, dass es unsere Sprache sei, die den exklusiven Zugang zu Überzeugungen und Wünschen sichert, hält er entgegen, dass Tiere auch ohne Sprache mitteilen können, ob ihre Überzeugung nun bestätigt und ihr Wunsch befriedigt oder frustriert worden ist. All das sind Feststellungen, die heute kaum jemand mehr bestreiten würde, der als Kognitionswissenschaftler mit Tieren arbeitet.

Searle stand mit dieser Auffassung noch weitgehend allein, als sein Aufsatz zum Geist der Tiere 1994 erschien. Damals löste er auch das Problem des „Fremdpsychischen“ für Tiere auf denkbar einfache Art. Wenn Tiere eine kausal relevante Struktur besäßen, die unserer eigenen ähnlich sei, dann produzierten sie wahrscheinlich auch ähnliche geistige Zustände als Reaktion auf ähnliche Stimuli, meint Searle. Und mit dem Säugetier- und Vogelgehirn wie mit den Empfindungs- und Wahrnehmungsapparaten von Auge, Ohr, Haut und Haaren besitzen sehr viele Tiere sehr ähnliche kausal relevante Strukturen.

Hinzu kommt noch, dass die Molekularbiologie zumindest an Searles Paradebeispiel, seinem Hund Ludwig, noch ganz andere Hinweise entdeckt hat. Im Erbgut von Haushunden finden sich Spuren der Verhaltensanpassungen, die im Verlauf der mindestens zehntausend Jahre alten Koevolution durch die Domestikation des Wolfes zum Hund stattgefunden haben. Wie neuere Befunde belegen, hat es auf molekularer Ebene über lange Zeit hinweg sogar einen Austausch beziehungsweise eine gegenseitige Beeinflussung von Hunden und Menschen gegeben.

  • Große Klappe, doch was steckt dahinter? Dieser Bauen-Glattstirnkaiman (Paleosuchus palpebrosus), zeigt sein typisches Drohverhalten im Gladys Porter Zoo in Brownsville, Texas. Foto: Joel Sartore/National Geographic
  • Dieser kleine Schabrackentapir (Tapirus indicus) wurde im Zoo von Minnesota geboren. Ausgewachsen ist er der größte Vertreter seiner Gattung. Foto: Joel Sartore/National Geographic

Ohne darüber spekulieren zu wollen, wie dieser Austausch zustande gekommen sein mag (und vielleicht noch immer kommt), liefert das aber auch den Skeptikern in Fragen tierischen Bewusstseins und tierischer Emotionalität ein Argument an die Hand. Denn so eng, wie sich die gemeinsame Entwicklung von Hunden und Menschen vollzogen hat, wird sie kaum mit einer anderen Tierart vorgekommen sein.

Mittlerweile bestreiten auch die härtesten Positivisten unter den Forschern nicht mehr, dass Haushunde Emotionen an den Tag legen. Sie können darüber hinaus auch sehr präzise die emotionalen Zustände bei ihnen nahestehenden Menschen lesen und darauf ganz außerhalb jeder menschlichen Werteskala mit großer Zuwendung reagieren. Wenn man so will, ist die Anhänglichkeit des Hundes an den Menschen klassenlos und von keinem Leistungsprinzip abhängig.

Hundeforscher wie der Österreicher Kurt Kotrschal betonen deshalb immer wieder die in alternden Gesellschaften kaum hoch genug anzurechnende soziale Funktion von Hunden und ihren Wert als Partner. Die Frage, ob Hunde Gefühle haben und wie man sie erkennt, stellt sich im Searlsche Sinn schon lange nicht mehr. Eher schon die Frage, wie Hunde es bewerkstelligen, die emotionalen Zustände ihrer Halter in jenem Ausmaß an Feindiagnose zu erkennen, zu der sie aller Erfahrung nach fähig sind.

Es wäre wünschenswert, wenn diese Anerkennung von Gefühlen auch auf andere Tierarten übertragen werden könnte. Wir müssen uns genauer damit auseinandersetzen, wie emotionale Reaktionen unter anderen Lebewesen als dem Menschen ablaufen. Fraglich ist nicht mehr, ob Tiere Gefühle haben. Sondern, wie wir damit umgehen. Wir werden um behutsam dosierte Anthropomorphisierungen nicht herumkommen, wenn wir Tiere wirklich verstehen wollen. Lebenswichtig für uns selbst kann es allemal sein.

Das Tier und wir

Das Tier und wir Der Fotograf Joel Sartore hat im Auftrag des amerikanischen National Geographic-Magazins die halbe Welt bereist, um Tiere in ihrer natürlichen Umgebung vor die Kamera zu bekommen. Dann wechselte er die Perspektive. Sein Projekt „Photo Ark“ ist auf 25 Jahre angelegt und soll alle Tierarten erfassen, die in der Obhut von Zoos leben. Das sind an die zwölftausend. Mehr als die Hälfte davon hat er bereits geschafft.
Joel Sartore fotografiert die Tiere in Studioqualität und legt Wert darauf, dass sie dem Betrachter möglichst direkt in die Augen schauen. Das hat den Effekt, dass wir ihnen unwillkürlich einen Gefühlsausdruck zuordnen. Natürlich können wir nicht wissen, was wirklich in ihren Köpfen vorgeht. Der Philosoph Thomas Nagel hat das einmal mit der Frage „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ auf den Punkt gebracht: Selbst wenn wir alle ihre Hirnvorgänge erklären könnten, würden wir doch nicht nachvollziehen können, wie sich das anfühlt. Das heißt aber auch: Die Fledermaus fühlt. Die Wissenschaft hat sich schwergetan, Emotionen von Tieren anzuerkennen. Dabei wäre es ein Wunder, wenn es sie nicht gäbe.
Jörg Albrecht

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 04.01.2018 09:15 Uhr