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Erwachsenwerden : Check-out-Time im Hotel Mama

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Abschied von Hotel-Mama: Viele junge Erwachsene führt der erste Schritt zunächst in die Wohngemeinschaft. Bild: dpa

Muss man mit 18 Jahren bereits von Zuhause auszuziehen in das eigene Heim? Wie lange erwachsene Kinder bei den Eltern wohnen, ist weniger eine Frage des Geldes als der Kultur.

          Der Auszug aus dem Elternhaus ist für beide Seiten ein großer Einschnitt: Aus einer Familie wird vielleicht wieder nur eine Ehe, während für einen jungen Erwachsenen ein neuer und deutlich öffentlicherer Teil seiner Biographie beginnt. Schließt sich an den Auszug doch oft der Beginn einer Ausbildung an, der Eintritt ins Erwerbsleben oder gar eine völlig anders geartete Lebensform, wie etwa der Einzug in ein Wohnheim oder gar in eine Kaserne.

          Historisch betrachtet, markierte das Verlassen der Herkunftsfamilie allerdings eine auffällige Geschlechterdifferenz: In den sogenannten patrilokalen Kulturen verlassen eigentlich nur die Töchter das Elternhaus - nämlich dann, wenn sie in eine andere Familie hineinheiraten. In den europäischen Gesellschaften war dies lange die Regel, erst mit dem Beginn der Industriegesellschaft fand der Übergang in unsere heutige „neolokale Residenzregel“ statt, wie die Ethologen das nennen: Söhne wie Töchter ziehen aus und gründen einen eigenen Wohnsitz, egal ob allein oder in einer Partnerschaft. Wir sollten uns dabei aber nicht täuschen - diese uns Angehörigen westlicher Gesellschaften so selbstverständlich vorkommende Form der Emanzipation von der Herkunftsfamilie bildet bis heute im weltweiten Vergleich eher eine Ausnahme.

          Auf die kulturellen Unterschiede kommt es an

          Die Familiensoziologen Bernhard Nauck und Nadia Lois haben darum in einer kulturvergleichenden Studie nachgeforscht, wie sich der Auszug aus dem Elternhaus in den Vereinigten Staaten, Deutschland und Taiwan gestaltet. Die drei Länder gleichen sich in ihrem ökonomischen Entwicklungsstand, zeigen aber große kulturelle Unterschiede: In deutschen und amerikanischen Familien dominiert heute ein eher partnerschaftlicher Erziehungsstil; im Gegensatz dazu sind die taiwanischen Generationsbeziehungen deutlich autoritärer geprägt - die Eltern genießen höchsten Respekt, das Verhältnis zu den Kindern ist eher distanziert. Außerdem hat Taiwan eine sehr kollektivistische Kultur, Amerika hingegen eine sehr individualistische. Deutschland liegt hier etwa in der Mitte zwischen beiden. Nauck und Lois erwarteten darum eine geringere Variabilität hinsichtlich des Zeitpunkts des Auszugs in Taiwan, was man dann wiederum als Beleg für die Individualisierung der Lebensläufe bei uns und in Amerika heranziehen könnte. Ein weiterer gewichtiger Unterschied liegt in den Verwandtschaftsbeziehungen: Taiwan ist nach wie vor eine patrilokale Kultur, weshalb auch eine Investition in die Ausbildung der Töchter dort familienökonomisch gewissermaßen unlogisch ist.

          Wie die Ergebnisse der Studie zeigen, finden sich die meisten Nesthocker in Deutschland. Das Hauptauszugsalter liegt hier bei 27 (Söhne) und 25 Jahren (Töchter). In den beiden anderen Ländern dagegen verlassen die meisten Kinder bereits mit 21 Jahren das Elternhaus. Wobei noch zu ergänzen ist, dass Söhne in allen drei Gesellschaften später ausziehen als Töchter. Die Gründe für das längere Verweilen speziell der jungen Deutschen sind nicht schwer zu erraten: Mit 25 befinden sich noch über 60 Prozent von ihnen in einer Ausbildung, nur knapp 40 Prozent sind bereits erwerbstätig. In Amerika sind das zu diesem Zeitpunkt bereits 60, in Taiwan sogar 80 Prozent. An der deutschen Gesellschaft fällt auch auf, dass sich jene 25-Jährigen in sehr verschiedenen Lebenslagen befinden: ob Berufsausbildung, Uni, Erwerbstätigkeit oder eine Phase des Nichtstuns - es ist etwa alles gleich verteilt. In den Vereinigten Staaten ist das ähnlich, in Taiwan hingegen scheinen alle immer das Gleiche zu tun: Die Übergänge von Schule, Ausbildung und Berufseintritt finden für alle Angehörigen eines Jahrganges nahezu zum selben Zeitpunkt statt. Das spricht für ein sehr rigides Bildungs- und Erwerbssystem.

          In puncto Partnerschaft und Familie jedoch zeigen sich zwischen allen drei Ländern bereits früh erhebliche Unterschiede: In Amerika lebt gerade einmal die Hälfte der Zwölfjährigen mit beiden biologischen Eltern zusammen, in Taiwan 76, in Deutschland 85 Prozent. Trennen sich die Eltern aber in Taiwan, bleiben die Kinder beim Vater, in Amerika und Deutschland bei der Mutter; hierin äußert sich die Dominanz des patrilinearen Systems in Taiwan. Die größten Unterschiede aber zeigen sich erst später: Mit 30 nämlich leben nahezu 90 Prozent der Deutschen ohne ihre Eltern. In Taiwan hingegen kaum 5 Prozent. Das zeigt auch, dass die jungen Taiwaner zwar mit 21 das Elternhaus verlassen, dann aber - meist nach einer Ausbildung - wieder zurückkehren oder (das gilt im Wesentlichen für die Töchter) ein Elternteil zur Pflege zu sich nehmen, während die Trennung von den Eltern in Deutschland und Amerika zumeist endgültig ist. Man könnte auch sagen, dass Bildungserwerb im Westen individualisiert, in Fernost hingegen kollektiviert, weil der mit Bildung erworbene Status- und Prestigegewinn über die Söhne in die Herkunftsfamilie zurückfließt, während er bei uns zur Gründung einer neuen familiären Gemeinschaft genutzt wird.

          Bernhard Nauck, Nadia Lois: Auszug aus dem Elternhaus in Deutschland, Taiwan und den USA, in: Johannes Stauder, Ingmar Rapp, Jan Eckhard (Hrsg.): Soziale Bedingungen privater Lebensführung. Wiesbaden 2016, S.145-169.

           

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