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Vulkane : Zwischen Vorhersagbarkeit und völligem Misserfolg

  • -Aktualisiert am

Der Vulkan Mount Agung, aufgenommen am Ende November 2017 in Karangasem auf Bali. Der Vulkan brodelt weiter vor sich hin. Bild: dpa

Der prognostizierte Ausbruch des Vulkans Gunung Agung auf Bali blieb bislang aus. Wie zuverlässig sind die Einschätzungen der Vulkanologen?

          Seit fast drei Monaten warnen die Mitarbeiter des Vulkanologischen Dienstes Indonesiens vor einem unmittelbar bevorstehenden schweren Ausbruch des mehr als 3000 Meter hohen Vulkans Gunung Agung auf der Insel Bali. Seitdem hat es mehrere Evakuierungen eines Sperrgebietes gegeben, das inzwischen einen Umkreis von neun bis zwölf Kilometer Radius um den Krater des Vulkans umfasst. Gegenwärtig sind davon mehr als 100 000 Einwohner betroffen, die nun außerhalb der Sperrzone bei Verwandten, Freunden oder in Notunterkünften leben. Obwohl der Vulkan seit dem 21. November tatsächlich Asche auswirft und seitdem in Satellitenaufnahmen Lava in seinem Krater zu sehen ist, blieb der befürchtete katastrophale Ausbruch bisher aber aus. Haben die Vulkanologen versagt und zu voreilig gewarnt?

          Die Vorhersage von Vulkaneruptionen ist zweifellos die schwierigste Aufgabe, vor der jene Geowissenschaftler stehen, die sich mit der Überwachung von Feuerbergen befassen. Bei manchen Vulkanen gelingen die Vorhersagen recht gut, bei anderen Vulkanen liegen die Forscher dagegen oft völlig daneben oder sprechen überhaupt keine Warnungen aus. Dass es eine derart breite Spanne zwischen erfolgreichen Vorhersagen und kompletten Misserfolgen gibt, hat mehrere Ursachen. Einer der Faktoren, von denen die Qualität einer Vorhersage abhängt, sind die Güte und der Umfang der technischen Ausrüstung, mit der Vulkanforscher einen Feuerberg überwachen. Je mehr unterschiedliche geophysikalische Parameter kontinuierlich aufgezeichnet werden, desto breiter ist die Informationspalette, auf die Forscher für ihre Vorhersagen zurückgreifen können.

          Ein indonesischer Bauer beobachtet eine Rauchsäule über dem Vulkan Mount Sinabung. Zahlreiche Bewohner aus der Umgebung des seit über 400 Jahren wieder ausgebrochenen Vulkans sind in Sicherheit gebracht worden.

          Neben der Überwachung der seismischen Aktivität mit möglichst vielen Sensoren gehören die Messungen von Deformationen und Neigungen der Vulkanflanken, der Menge und der chemischen Zusammensetzung der aus einem Vulkanschlot austretenden Gase sowie die Beobachtung der Kraterregion mit Überwachungskameras und von Satelliten aus zum Standardrepertoire vieler Observatorien. So kann man beispielsweise im Lagezentrum des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie im sizilianischen Catania die Verschiebungen von Erdbebenherden vor einem Ausbruch des Vulkans Ätna live auf Bildschirmen verfolgen. Auch das Observatorium am Vulkan Kilauea auf Hawaii verfügt über ein ausgedehntes Netz geophysikalischer Sensoren und hochmoderne Verfahren, mit denen ihre Messergebnisse in Echtzeit dreidimensional dargestellt werden.

          Mauna Kilauea auf Hawaii

          Bis zum Beginn der gegenwärtigen Ausbruchsphase des Gunung Agung Mitte September gab es aber im Vulkanobservatorium auf Bali nur eine Minimalausrüstung, die im Wesentlichen aus einem Seismometer und einigen Überwachungskameras in der Nähe des Vulkans bestand. Diese rudimentäre Ausstattung hat nichts mit Nachlässigkeit zu tun, sondern vielmehr damit, dass es in dem aus zahllosen Inseln bestehenden südostasiatischen Land fast 130 Feuerberge gibt. Beinahe 80 von ihnen waren in den vergangenen 400 Jahren aktiv. Davon sind wiederum 66 Vulkane als gefährlich genug eingestuft, dass sie kontinuierlich überwacht werden. Die Vulkanologen in Indonesien haben es also im Vergleich zu den Forschern auf Hawaii oder in Sizilien ungleich schwerer, denn dort konzentriert sich die Überwachung jeweils nur auf einen oder zwei Vulkane.

          Ein weiterer Faktor, der den Erfolg einer Vorhersage bestimmt, ist die Erfahrung der Forscher mit dem Verhalten „ihres“ jeweiligen Feuerberges. So bricht der Kilauea seit dem Jahre 1983 nahezu ununterbrochen aus. Die Vulkanüberwacher dort haben in dieser Zeit gelernt, verschiedene, zum Teil sehr subtile Anzeichen einer bevorstehenden Eruption zu deuten. Im Gegensatz dazu ist der Gunung Agung aber nur alle paar Jahrzehnte aktiv. Seine letzte Eruption fand im Jahre 1964 zu einer Zeit statt, als es weder empfindliche Messgeräte noch eine Datenübertragung in Echtzeit gab. Bevor die indonesischen Forscher also das Verhalten des Vulkans Agung ebenso gut verstehen, wie ihre Kollegen in Hawaii den Kilauea, können noch Monate vergehen.

          Der Vesuv in Italien, davor Castel dell’Ovo.

          Schließlich kommt hinzu, dass sich die Erfahrungen vom Ätna oder von den aktiven Vulkanen auf Hawaii nur sehr bedingt auf Feuerberge wie den Gunung Agung übertragen lassen. Diese Vulkane gehören nämlich zu vollkommen unterschiedlichen Klassen. Während Ätna und Kilauea von recht dünnflüssigen Magmen gespeist werden, in denen wenig Gase gelöst sind, gehört Agung zu jenen Vulkanen, deren Magma zähflüssig ist und viel Gas enthält. Dementsprechend hoch kann die Explosivkraft seiner Ausbrüche sein. So wurden bei der letzten Eruption vor mehr als 50 Jahren Aschewolken und vulkanische Gase bis in die Stratosphäre geschleudert. Etwa ein Zehntel der Fläche der Insel Bali wurde damals unter einer dicken Ascheschicht begraben. Derartige Ausbrüche gibt es dagegen weder beim Ätna noch auf Hawaii.

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