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Vorrevolutionäre Galanteriewaren

Mode definierte Goethes Schwager Vulpius in seinem spöttischen "Glossarium für das Achtzehnte Jahrhundert" als "Tyrannin aller Stände und feile Metze aller Narren". Gut gesagt, nur wäre es besser, das auch zu sehen. Ebendies dachte man sich im vorrevolutionären Frankreich, der konkurrenzlosen Hochburg in Geschmacks- und Modefragen.

Mode definierte Goethes Schwager Vulpius in seinem spöttischen "Glossarium für das Achtzehnte Jahrhundert" als "Tyrannin aller Stände und feile Metze aller Narren". Gut gesagt, nur wäre es besser, das auch zu sehen. Ebendies dachte man sich im vorrevolutionären Frankreich, der konkurrenzlosen Hochburg in Geschmacks- und Modefragen. So erschienen seit 1774 in drei Folgen "Suite d'Estampes pour servir à l'Histoire des Moeurs et du Costume des François", in denen jeweils ein Dutzend Kupferstiche ausführlich erläutert wurden. In der Vorrede heißt: "Eine gute Illustration kann viel mehr aussagen als die sorgfältigste und ausführlichste Beschreibung."

Der Zyklus "Monument du Costume" ist keineswegs unbekannt. Dass sich aber eine illustrationslose Folge von Bilderläuterungen im Anhang von Sophie von La Roches "Journal einer Reise durch Frankreich" (1787) eben darauf bezieht, ist eine großartige Entdeckung ("Sitten der schönen Pariser Welt". Sophie von La Roche und das Monument du Costume. Mit den 24 Stichen und dem vollständigen, erstmals ins Deutsche übertragenen Text der ersten beiden Folgen des französischen Originals. Hrsg. von Erdmut Jost, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2011). Sophie von La Roche, die sich auch auf ihren Reisen durch England oder die Schweiz besonders für die Lebensbedingungen von Frauen interessierte, lernte diese Bildfolge offenbar während ihres Aufenthaltes in Paris kennen. Mit ihrem Freund Louis-Sébastien Mercier geriet sie zudem in die Künstlerbörse des Sammlers Johann Georg Wille, wo der Bankier Johann Heinrich Ebers als Schöpfer des Zyklus die Kupferstecher Sigmund Freudenberger und Jean-Michel Moreau für das Projekt gewann.

Die erste Bildstrecke zeigt den typischen Tagesablauf galanter Damen, vom späten Aufstehen um die Mittagszeit, über Bad und Toilette, Handarbeit und Hausbesuche, Spaziergänge und Ballvergnügen bis zum späten Schlafengehen. Der galante Bildwitz ergibt sich auf fast allen Blättern aus einer angedeuteten Ménage à trois, oft flirtet ein Mann zugleich mit zwei Damen, küsst auf dem Maskenball die Hand der Falschen, oder eine schlaue Zofe lenkt den Kavalier ihrer Herrin während der Toilette ab. Bei einem unangemeldeten Besuch überrascht eine Schöne ihren Liebhaber in seinen Gemächern, sein derangiertes Gewand und ein in der Tür verklemmtes Kleid deuten den vorausgehenden Seitensprung an. Das stets gegenwärtige kläffende Schoßhündchen bestätigt mit feiner Nase diesen Verdacht.

"Im Boudoir" genießt eine junge Frau die Stille und Einsamkeit der Kontemplation. Hingestreckt auf eine Ottomane, hat sie sich in eine so "niedliche Einsiedeley" zurückgezogen wie der Kanarienvogel in seinem Käfig. Die auf dem Boden ausgebreitete Lektüre vermag sie jedoch nicht zu zerstreuen, vielmehr scheint sie ihre Schläfrigkeit zu befördern. Das Manuskript stammt von dem Herrn zur Rechten, wie der Verstext darunter verkündet: "So gönnen Sie doch wenigstens Ihren Werken / Das glückliche Talent des Einschläferns". Der kecke Autor kann indes nur mühsam vom Kammermädchen zurückgehalten werden, vielleicht will sie ihn auch lieber für sich selbst. Sophie von La Roche kommentiert nicht nur den Stich, sondern auch die vorhandene französische Erläuterung. In einem Nota bene verkündet sie: "Hier zieht der Text gewaltig gegen die Falschheit und boshafte Ränke der Männer zu Felde."

Statt Variationen auf Galanterien der Schönen und Reichen wie im ersten Zyklus bietet die von Moreau gestochene "Zweite Suite" (1777) eine einzige Handlung: Céphise erwartet von ihrem Gatten Ergaste ein Kind. Gezeigt wird die Schwangerschaft, die glückliche Geburt eines Sohnes und die anschließende Eintracht der kleinen Familie, die aber von Eifersucht Ergastes, etwa auf einen Musiklehrer, nicht ganz frei ist. Auf der siebten Platte sieht man die Wonnen der Mutterschaft, Céphise hat ihren Sohn im Park selbst gestillt, was durch die stark dekolletierte Mode erleichtert wird. Der Text belehrt die Damenwelt, dass "diese verführerischen Kugeln, die ihren Busen schmücken", nicht zur Verzierung, sondern als "Nährquelle" geschaffen seien. Das Stillen nicht Ammen zu überlassen, preist der Kommentator als neue weibliche Selbständigkeit, worauf Sophie von La Roche in einem kritischen Nota bene entgegnet: "Diese Betrachtung ist mit all der Bitterkeit geschrieben, welche sich Männer erlauben, wenn sie Weiber auf einem Irrwege finden." Sophie von La Roche, Mutter vieler Kinder, verwahrt sich energisch gegen alle Einmischungen auf diesem Terrain. Die Definition von "Busen" bei Vulpius - "ein schöner, voller, ein Thron der Liebesgötter, ein Fallstrick der Männer" - hätte ihr wohl ebenso wenig gefallen.

ALEXANDER KOSENINA

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2011, Nr. 178 / Seite N3

 
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