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Veterinärmedizin Die Stupsnase quält Mops und Bulldogge

24.01.2012 ·  Qualzucht ist zentrales Thema im Entwurf für das neue Tierschutzgesetz. Tierärzte kritisieren schon länger zuchtbedingte Erkrankungen bei Hunden und Katzen.

Von Christina Hucklenbroich
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Das Schicksal des Mopses nahm vor 16 000 Jahren südlich des Yangtse-Flusses seinen Lauf, dort, wo der Wolf aller Wahrscheinlichkeit nach domestiziert wurde. Besiegelt wurde es aber wohl erst in den vergangenen hundertfünfzig Jahren in Europa und Nordamerika mit der Entwicklung einer professionellen Hundezucht, mit Hundeschauen und extremen Schönheitsidealen, die inzwischen an einst "berufstätige" Hunderassen angelegt werden. "Wenn Menschen Tiere verformen" hieß der Auftaktvortrag des Leipziger Tierärztekongresses in der vergangenen Woche. Gerhard Oechtering, der Direktor der Universitätsklinik für Kleintiere in Leipzig, verwies darin nicht nur auf die Geschichte der Hundezucht, sondern zeigte auch eindrucksvolle endoskopische Aufnahmen von seinen Patienten: Französische Bulldoggen, Möpse und Hunde anderer "kurzschädeliger" Rassen (im Fachjargon "Brachyzephale" genannt), deren Anatomie zugunsten eines niedlichen Kindchenschemas derartig verformt ist, dass sie schlecht oder gar nicht durch die Nase atmen können, bei der Futteraufnahme würgen, selbst im wachen Zustand schnarchen und im Sommer kollabieren. Perserkatzen und Exotic Shorthair-Katzen haben oft ähnliche Schwierigkeiten. Betroffene Hunderassen - darunter auch Boxer und Pekinesen - haben derart verkleinerte Nasenmuscheln, dass ihre Thermoregulation zusammenbricht. Hunde können nicht über Schweißdrüsen in der Haut schwitzen, sie produzieren ihre Verdunstungskälte über den Innenraum der Nase, ein System, das bei den "Brachyzephalen" versagt.

Das Thema "Qualzucht" haben die Organisatoren nicht ohne Grund zum Leitmotiv der Leipziger Tagung gewählt, die mit mehr als viertausend Fachbesuchern als größte Fortbildungsveranstaltung für Veterinärmediziner in Europa gilt. Zum einen steht das Thema auch prominent auf der Agenda von Bundesministerin Aigner für ein neues Tierschutzgesetz, dessen Entwurf sich derzeit in der Länderabstimmung befindet. "Qualzucht" ist schon jetzt nach Paragraph 11b des Gesetzes verboten, er soll nun umformuliert werden, um eine schlagkräftigere Durchsetzung zu erlauben. Wie kaum ein anderes Thema verdeutlicht die Problematik der vom Menschen deformierten Tiere außerdem das Spannungsfeld, in dem sich die klinische Veterinärmedizin derzeit entwickelt: zwischen veränderten gesellschaftlichen Vorstellungen von Tierschutz, noch fehlenden Forschungsergebnissen und mangelnder Kooperation der Gruppen, die Tiere züchten und halten. Dazu gehören aber nicht nur die Züchter und die Richter auf Schauen von Rassehunden, die mit dem herbeigezüchteten Kindchenschema einen Bedarf unter den Abnehmern der Welpen bedienen.

Im vergangenen Jahr wurde darüber hinaus deutlich, wie sehr in der Veterinärmedizin die wirtschaftlichen Verhältnisse das Machbare bestimmen. Verschiedene Tierschutzverbände stellten öffentlich die Forderung, dass Tierärzte Sozialhilfeempfängern und Tierhaltern mit geringem Einkommen eine kostenlose Behandlung ihrer Tiere ermöglichen sollten. Die deutschen Veterinäre machten daraufhin in einem berufspolitischen Magazin öffentlich, dass inzwischen etwa dreißig Prozent der Kunden von Kleintierpraxen in Großstädten von Sozialhilfe leben. Diese Entwicklung spiegelte auch der Kongress in Leipzig: So hinterfragten etwa Veranstaltungen zur Onkologie offensiv, welche Behandlungsprotokolle sich auch für den "kleinen Geldbeutel" eignen. Längst ist die Chemo- und Radiotherapie von Tumorerkrankungen also in der Veterinärmedizin angekommen. Doch was machbar ist, wird noch längst nicht immer bezahlt, und auch was wirklich sinnvoll ist, steht nicht in jedem Fall fest. Das beweisen die massiven Bemühungen des Fachgebietes um das Thema "Evidenzbasierte Tiermedizin", um eine Heilkunde, die sich nachvollziehbar auf die Ergebnisse empirischer wissenschaftlicher Forschung stützt. Die Veterinär-Anästhesistin Michaele Alef von der Universität Leipzig hinterfragte in ihrem Vortrag, wo man im Hinblick auf diese Thematik derzeit steht.

"Die Studien haben inzwischen eine bessere Qualität", sagt Alef. "Es entstehen auch immer mehr systematische Reviews. Allerdings ist man in anderen Ländern, vor allem im englischsprachigen Raum, schon weiter." "Modernere" Tierärzte suchten inzwischen auch in Deutschland nach Originalarbeiten, wenn sie sich mit einem bestimmten Problem in der Praxis konfrontiert sähen, sagt Alef. "Oftmals gibt es dann aber auch nur eine einzige Studie zu dem Thema." Selten seien Untersuchungen, die nach Zulassung eines Medikaments dessen Wirksamkeit überprüften. Überhaupt sind einer Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge nur vier Prozent der klinischen Studien in der Veterinärmedizin mit dem höchsten Evidenzlevel ausgestattet, also kontrolliert, randomisiert und verblindet. Alef hält es in dieser Situation für sinnvoll, mehr Leitlinien für die Praxis zu erstellen. Auch die Schaffung einer Gemeinschaft ähnlich der Cochrane Collaboration, die für Humanmediziner Evidenz in therapeutischen Fragen sammelt, wäre aus ihrer Sicht in der Veterinärmedizin ausgesprochen nützlich, erscheine jedoch utopisch.

Der Entwicklung evidenzbasierter Ansätze kommen allerdings die Fortschritte in der Technik zugute. "Die veterinärmedizinische Neurologie ist beispielsweise revolutioniert worden, nachdem man die Magnetresonanztomographie eingeführt hat", sagt Andrea Tipold von der Tierärztlichen Hochschule Hannover. In ihrem Fachgebiet, der Neurologie, ist der Bandscheibenvorfall beim Hund neben der Epilepsie die häufigste Erkrankungsform. "Dreißig bis vierzig Prozent der neurologischen Fälle sind Bandscheibenvorfälle", sagt Tipold. Ob auch hier bei bestimmten Hunderassen, etwa beim Dackel, innerhalb mancher Familien eine Häufung auftritt, ist noch unklar; es gebe noch zu wenige Daten, sagt Tipold.

"Das Bewusstein für zuchtbedingte Erkrankungen spielt inzwischen auch im Bereich von Herz und Gelenken eine Rolle", sagt Gerhard Oechtering. "Das Wissen darum wächst." Auch wegen der vielen brachyzephalen Rassen entwickele sich die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in der Veterinärmedizin rasant. Vor allem in großen Zentren gebe es einen wachsenden Bedarf an Spezialwissen in den Bereichen Kehlkopf- und Luftröhrenchirurgie und Kenntnissen im endoskopischen Operieren. Denn dem atemlosen Mops kann immerhin chirurgisch geholfen werden: Das zu lange Gaumensegel wird verkürzt, mit Laserchirurgie erweitert man die verstopfte, zu kleine Nase. Das Verbot einer Zucht, die solche Merkmale hervorbringt, ist zwar seit 25 Jahren im Tierschutzgesetz verankert; Katharina Kluge vom Bundeslandwirtschaftsministerium berichtete in Leipzig aber über die großen Schwierigkeiten beim Vollzug. Die Behörden können selten beweisen, dass ein Merkmal tatsächlich signifikant häufiger auftritt, als es zufällig vorkommen würde. Die Umformulierung des Paragraphen 11b im Gesetzentwurf soll diese Aufgabe erleichtern; als Bundestagsdrucksache wird der momentan noch nicht öffentliche Entwurf in einigen Wochen vorliegen.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“

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