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Verlust der Finsternis : Macht doch mal das Licht aus

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Viele Tiere des Waldes könnten auf Beleuchtung gut und gern verzichten. Oder mindestens auf einen Teil des Spektrums. Rot ist aber auch keine Lösung, fanden niederländische Forscher heraus. Bild: Kamiel Spoelstra

Pünktlich zur Winterzeit stöhnen alle wieder über Dunkelheit. Dabei gibt es kaum noch welche.

          Kaiser Wilhelm II. ist schuld daran. Daran, dass die Uhren jedes Jahr im Herbst eine Stunde zurück- und im nächsten Frühjahr wieder eine Stunde vorgestellt werden. Er ließ 1916 im Deutschen Reich erstmals die Zeit umstellen, weil dadurch während des Sommers in den Rüstungsfabriken länger bei Tageslicht gearbeitet werden konnte. Die Engländer und viele andere Nationen taten es ihm bald nach. Die „Daylight Saving Time“ sollte vor allem helfen, Energie zu sparen.

          Diesen ursprünglichen Zweck hat sie wohl nie so recht erfüllt. Das untermauerte in jüngerer Zeit eine Studie aus dem amerikanischen Bundesstaat Indiana, der die Zeitumstellung erst 2006 flächendeckend eingeführt hatte. Dort hatte das sogar eine Steigerung des Energiebedarfs zur Folge. Klimaanlagen und Heizungen liefen länger und verbrauchten mehr Energie, als sonst durch Beleuchtung fällig gewesen wäre. Anderswo registrierte man, dass sich, vor allem nach der Umstellung im Frühjahr, Verkehrsunfälle häuften und das Herzinfarktrisiko stieg.

          Ein Gutes lässt sich bei der Sache aber dennoch festhalten: Weniger künstliches Licht heißt auch weniger Lichtverschmutzung. Wie sehr der Nachthimmel mittlerweile durch den Menschen erhellt wird, zeigen Satellitenaufnahmen. Fast ganz Europa und Nordamerika sind da ein strahlendes Lichtermeer, nur über dem Amazonas, Zentralafrika, Teilen Zentralasiens und dem australischen Outback ist es noch wirklich dunkel.

          Kunstlicht bringt den Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander

          Erst langsam beginnen Biologen und Mediziner zu verstehen, wie sich diese gnadenlose Ausleuchtung auf uns und unsere Umwelt auswirkt. Zwar schlugen Astronomen schon in den sechziger und siebziger Jahren Alarm, weil sie vor lauter Licht die Sterne nicht mehr richtig zu sehen bekamen. Trotzdem sind die Lichtverschmutzung und ihre möglichen Folgen ein recht junges Forschungsfeld. Erst um die Jahrtausendwende herum entdeckte man, dass das menschliche Auge intrinsische Photorezeptoren hat, die nicht fürs Sehen konzipiert sind, sondern wie Sensoren für das Umgebungslicht funktionieren. Diese Rezeptoren sind direkt mit der Zirbeldrüse des Gehirns verbunden, die das Hormon Melatonin ausschüttet. Melatonin ist der wichtigste Zeitgeber des Körpers und kontrolliert den Tag-Nacht-Rhythmus. Kunstlicht beeinflusst, wie viel Melatonin ins Blut gelangt, und kann damit diesen Rhythmus gehörig durcheinanderbringen. Beim Menschen konnte das mit dem Auftreten von Kopfschmerzen, Depressionen und sogar Brustkrebs in Verbindung gebracht werden.

          Tiere haben ähnliche Lichtrezeptoren wie der Mensch. Aber sie können im Zweifelsfall nicht einfach die Jalousien herunterlassen und das Kunstlicht aussperren. Ihre Nacht wird durch Straßenlaternen und die Scheinwerfer großer Industrieanlagen empfindlich gestört. Allerdings gibt es auch Arten, die von der größeren Helligkeit profitieren.

          Ornithologen der Universität Exeter haben Rotschenkel studiert, die sich als Zugvögel im Winter im Osten Schottlands niederlassen. Sie suchen in Salzmarschen und im Watt nach Futter. Die Forscher fanden heraus, dass Vögel es in der Nähe großer, kilometerweit scheinender Ölraffinerien leichter hatten, genügend Nahrung für den Frühjahrsflug zu sammeln. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen, die im Dunkeln mit den Schnäbeln im Sand nach Würmern und Schnecken stöberten, konnten sie ihre Nahrung sehen und deutlich effizienter aufspüren. Auch manche Fledermausarten kommen im künstlichen Licht besser an ihr Futter. Sie jagen in der Nähe von Straßenlaternen, die Insekten wie magisch anziehen.

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