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Verkehrsforschung Lieber mal Pause machen

27.10.2008 ·  Übermüdung ist die zweithäufigste Ursache von Verkehrsunfällen. Ein neues Gerät soll schläfrige Fahrer aus dem Verkehr ziehen. Der „Pupillomat“ macht die Bewegungen der Pupille zum Maßstab der Verkehrstüchtigkeit.

Von Jonas Siehoff
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Welcher Autofahrer kennt diese Situation nicht: Die Heimreise aus dem Urlaub scheint bald geschafft zu sein, die Beifahrer schlafen längst, durch die Fenster ist außer den Rückleuchten des Vordermannes kaum etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Womöglich läuft noch die Heizung - da fällt es schwer, die Augen offen zu halten. Aber jetzt anhalten? Es sind doch nur noch knapp hundert Kilometer. Lieber mal kurz die Lider schließen.

Meistens geht so eine Mini-Auszeit gut, manchmal jedoch findet sie ein jähes Ende an der Leitplanke oder in der Böschung. Solche Unfälle passieren häufiger, als man denkt: Nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) ist Übermüdung die Ursache für jeden sechsten Lkw-Unfall mit Schwerverletzten oder Toten. Bei den schweren Pkw-Unfällen ist der Anteil sogar noch höher: Fast jeder Vierte geht auf die Schläfrigkeit des Fahrers zurück. Damit ist Übermüdung nach zu hoher Geschwindigkeit die häufigste Ursache von schweren Unfällen, weit vor übermäßigem Alkoholkonsum.

Fehlende Messbarkeit

Dennoch wird sie häufig unterschätzt. Das Problem liegt in der fehlenden Messbarkeit. Anders als bei der Geschwindigkeit oder dem Alkohol gibt es kaum eine Möglichkeit, Übermüdung nachzuweisen, schon gar nicht nach einem Unfall, wenn die Beteiligten unter Schock stehen: „Das lässt sich nur durch Indizien oder durch Ausschluss anderer Ursachen feststellen“, sagt Claudia Evers von der BASt. „Es gibt eine sehr hohe Dunkelziffer.“

Ähnliche Beobachtungen macht man im Ausland: „Übermüdung am Steuer ist ein Riesenproblem“, sagt Robert Hagen aus der Abteilung Verkehr des österreichischen Bundeslandes Oberösterreich. „Wir analysieren alle Verkehrsunfälle mit Toten oder Verletzten bei uns. Bei einem Drittel gibt es keinen plausiblen Grund außer Sekundenschlaf oder Unaufmerksamkeit.“

An der Pupillengröße ansetzen

Um die Zahl solcher Unfälle zu reduzieren, geht man in Oberösterreich neue Wege. Die Regierung denkt an die Einführung eines „Pupillomats“. Ähnlich wie bei einer Alkoholkontrolle soll damit schnell überprüft werden können, ob ein Fahrer noch fahrtauglich ist oder ob er erst mal ein Nickerchen machen sollte.

Die Technik dazu liefert die deutsche Firma Amtech. Sie basiert auf dem am Universitätsklinikum Tübingen entwickelten sogenannten pupillographischen Schläfrigkeitstest (PST). Er macht sich folgende Eigenart des Organismus zunutze: In völliger Dunkelheit erweitert und verengt sich die Pupille eines ausgeschlafenen Menschen ständig um bis zu einen halben Millimeter pro Sekunde. Bei Übermüdung bewegt sie sich langsamer, aber stärker.

Nur die Hälfte ist wach

Der Pupillomat misst mit Hilfe von Infrarotlicht und Kameras in einer abgedunkelten Brille elf Minuten lang diese Bewegungen und errechnet daraufhin einen „Pupillen-Unruheindex“. Er kann Werte zwischen 0 und 3 annehmen, wobei alles bis 1,02 als unbedenklich gilt. Menschen mit Werten von 1,03 bis 1,53 werden nur noch als „bedingt fahrtauglich“ eingestuft, solche mit Werten von über 1,53 als „fahruntauglich“. Allerdings stammt diese Klassifizierung aus Untersuchungen in Schlaflaboren. Für die Praxis muss sie noch angepasst werden.

Dennoch hat Oberösterreich die Methode von September 2005 bis August 2006 in der bisher größten europäischen Studie zur Müdigkeit im Straßenverkehr getestet. Rund 1200 Lkw- und Busfahrer ließen sich an österreichischen Autobahnen freiwillig und ohne mögliche Sanktionen mit dem Pupillomaten untersuchen. Die Ergebnisse sind deutlich: Nur 47 Prozent der Fahrer galten als wach. 31 Prozent hingegen waren so schläfrig, dass sie nur „bedingt fahrtauglich“ waren, 22 Prozent sogar „fahruntauglich“. Bei 40 Fahrern bedurfte es nicht einmal der Auswertung der Messergebnisse: Sie schliefen während der Untersuchung ein.

Hellwach eingenickt

Barbara Wilhelm vom Uniklinikum Tübingen und Erfinderin des PST-Verfahrens ist durch Tests von Autofahrern an deutschen Raststätten zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: 43 Prozent waren wach, jeder Dritte an der Grenze zur Übermüdung, jeder Vierte schläfrig. Dabei machte auch Wilhelm die Erfahrung, dass Fahrer während der Messung einschliefen: „Einer gab danach an, er habe sich hellwach gefühlt, dabei war er schon nach zwei Minuten fest eingeschlafen.“ Mehrfach sei es zum sogenannten Sekundenschlaf gekommen, in dem die Fahrer kurz und wiederholt einnickten. Auf der Autobahn kann so etwas schlimme Folgen haben, legt man doch zum Beispiel bei Tempo hundert rund 28 Meter pro Sekunde zurück. Außerdem sind Verletzungen durch einen Schläfrigkeitsunfall meistens sehr schwer, weil es keine Brems- oder Ausweichversuche gibt.

Schon Müdigkeit an sich schränkt die Fahrtauglichkeit erheblich ein. Sie senkt die Wahrnehmungsfähigkeit und verlängert die Reaktionszeit. Nach Angaben des ADAC wirkt Müdigkeit ähnlich wie Alkohol: Nach 17 Stunden ohne Schlaf ist die Fahrleistung so schlecht wie bei 0,5 Promille. 24 Stunden Schlaflosigkeit entsprechen ungefähr einem Promille.

Verordnete Schlafpausen

Begrenzte Lenkzeiten von derzeit viereinhalb Stunden am Stück bringen wenig: „Wir kennen einen Fahrer, der seinen Lkw zur Pause abgestellt hat, dann mit dem Taxi ins Bordell und nach einigen Stunden weitergefahren ist. Von Erholung kann dann natürlich nicht die Rede sein“, sagt Robert Hagen. „Der Tachograph überwacht ja nur das Fahrzeug. Das Problem kann man aber nur in den Griff bekommen, wenn man den Fahrer überwacht.“

Die Regierung von Oberösterreich ist daher entschlossen, „den Pupillomaten in der Straßenverkehrsordnung zu plazieren“, wie Robert Hagen sagt. Vorgespräche mit dem österreichischen Eichamt seien positiv verlaufen. Jetzt gelte es, mit dem Klinikum Tübingen unter anderem durch Tests im Fahrsimulator und in der Praxis rechtlich haltbare Grenzwerte zu bestimmen. Allerdings fehlt dafür noch die Finanzierung von etwa zwei Millionen Euro. Sie sollen von der EU kommen. „Wir wünschen uns eine Einführung in vier bis fünf Jahren“, sagt Robert Hagen. Barbara Wilhelm sagt, dass es nicht Ziel sei, mit Hilfe ihrer Methode drastische Strafen zu verhängen, „sondern schlimmstenfalls darum, eine Schlafpause zu verordnen“. Dadurch und mit Koffein lasse sich Schläfrigkeit am wirksamsten beheben.

Warnsignal „Pause!“

In Deutschland ist mit einer solchen Entwicklung zumindest in naher Zukunft nicht zu rechnen: „Das ist nicht in der Diskussion“, sagt Claudia Evers. „Grundsätzlich ist ein Instrument, mit dem die Polizei Übermüdung feststellen könnte, aber wünschenswert.“

Die Autobauer forschen schon lange in dieser Richtung: Daimler hat angekündigt, ab kommendem Frühjahr serienmäßig ein System herzustellen, das erkennt, wenn der Fahrer übermüdet ist. Anhand des Lenkverhaltens während der ersten Minuten einer Fahrt ermittelt es ein Verhaltensmuster, das es danach ständig mit dem aktuellen Verhalten vergleicht. Erkennt das System Anzeichen für Übermüdung, zum Beispiel häufige Korrekturbewegungen, ertönt ein Warnsignal und es leuchtet ein eindeutiger Hinweis auf: „Pause!“

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