http://www.faz.net/-gwz-9337l

Kommentar: Klimaschutz : Die Moral der Dreckschleudern

Inseln im Meer: Fidschi steht das Wasser schon bis zum Knöchel. Bild: Picture-Alliance

Ein Appell kurz vor dem Bonner Klimagipfel: Unterschätzt bloß die Klimasünder nicht. Wie die Verhaltensökonomie die Umweltverschmutzer hochjubelt, und was Kichererbsen mit der Kohlendioxidsteuer zu tun haben.

          Auf dem bevorstehenden Klimagipfel in Bonn haben die Fidschi-Inseln die Präsidentschaft. Bonn ist leichter zu erreichen als die Fidschis. Die liegen 16.000 Kilometer weit entfernt im Südpazifik. Eine klimafreundliche Lösung also. Zudem weiß keiner, was passiert, wenn der geballte Weltklimakonferenztross wochenlang auf einer dieser paradiesischen Inseln herumtrampeln würde, die sich stellenweise nur fünfzig Zentimeter über den Meeresspiegel erheben. Bonn hatte sich da als Ausrichter angeboten, und man kann das als moralische Geste gar nicht genug würdigen.

          Mit der Moral war das bisher aber so eine Sache im Klimageschäft. Das Scheitern auf dem Kopenhagener Gipfel, buchstäblich auf der Zielgeraden für einen neuen Weltklimavertrag, war als moralisches Versagen in die Geschichte eingegangen, der Klimagipfel von Paris dagegen als moralischer Durchbruch.

          Der amerikanische Präsident Donald Trump hat danach die Wertvorstellungen und die moralischen Ansprüche im politischen Kampf gegen den Klimawandel wieder so weit heruntergeschraubt, dass die anderen Länder in Bonn nun krampfhaft versuchen werden, der Welt mit einem klimapolitischen „Regelbuch“ den moralischen Kompass zurückzugeben. Die Chancen stehen nicht schlecht, meinen das Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Moralisches Handeln als Antrieb werde unterschätzt, speziell bei den Verursachern des Klimawandels.

          Redeverbot für amerikanische Ökobeamte

          Die Berliner Verhaltensökonomen haben das mit Kichererbsen und sechzig Studenten in Zweierteams durchgespielt. Eine Person sollte Kichererbsen in eine kleine Schale werfen. Die meisten verfehlten ihr Ziel und „verschmutzten“ die Umgebung. Anschließend hieß es aufräumen. Wenn sich der Verschmutzer mit seinem Partner gemeinsam an die Reinigung machte, erhielten beide den doppelten Lohn.

          Trotzdem entschieden sich 60 Prozent der Kichererbsen-Werfer dafür, die Verschmutzung selbst – und allein – zu beseitigen. Die Verhaltensökonomen ziehen vor solcher Moral den Hut und meinen, was mit Kichererbsen gelingt, sollte doch auch bei der Kohlendioxidsteuer funktionieren. Nehmt die Täter also in die Pflicht.

          Das freilich ist schon versucht worden. Was daraus geworden ist? Der Haupttäter beging Fahnenflucht und wurde auf Twitter gestellt: Drei Wissenschaftlern der Umweltbehörde EPA, die in diesen Tagen auf einer Klimawandel-Konferenz vortragen sollten, erteilte der von Trump eingesetzte Behördenchef jetzt Redeverbot. Wie meinte doch Nietzsche: Die moralische Weltordnung – eine Art Astrologie.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Für eine Niere nach Spanien? Video-Seite öffnen

          Organspende-Tourismus : Für eine Niere nach Spanien?

          Wer auf eine Transplantation angewiesen ist, ist für Vieles bereit. Auch zum auswandern in ein anderes Land, das mehr Perspektive bietet. Kurze Wartezeiten für Spenderorgane locken daher immer mehr Patienten nach Spanien. Doch die Behörden dort wollen das nicht länger akzeptieren.

          Pickel tun gut

          Erfolg im Beruf : Pickel tun gut

          Millionen Jugendliche auf der Welt teilen ein Schicksal: Sie haben unreine Haut. Das macht schlechte Laune, steigert aber die Chancen auf beruflichen Erfolg.

          Ein Puzzle aus alten Zeiten Video-Seite öffnen

          Keilschrift : Ein Puzzle aus alten Zeiten

          Tontafeln zeugen davon, wie die Menschen vor Jahrtausenden lebten. Doch die meisten Tafeln sind zerbrochen. Forscher haben nun ein System entwickelt, das sie Stück für Stück wieder zusammenfügt.

          Echt auf den Hund gekommen

          Gender-Studies : Echt auf den Hund gekommen

          Drei amerikanischen Forschern ist ein trauriger Beweis gelungen: Man kann selbst den größten Blödsinn publizieren – wenn er nur ins vorgefasste Weltbild passt.

          Topmeldungen

          Trump-Gegnerin : Warrens Gentest-Show

          Elizabeth Warren wollte sich gegen Donald Trump verteidigen – und ging ihm in die Falle. Mit dem Versuch nachzuweisen, dass sie von Ureinwohnern abstammt, setzte sich die Senatorin zwischen alle Stühle.
          Unser Sprinter-Autor: Felix Hooß

          FAZ.NET-Sprinter : Bloß keine grellen Zwischentöne

          Nach dem Debakel in Bayern zeigen sich Union und SPD merkwürdig still – zu groß ist die Angst, die Gunst der hessischen Wähler zu verspielen. Welcher Konzern dagegen Bahnbrechendes plant, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.