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Veröffentlicht: 26.03.2016, 08:50 Uhr

Krebs Ruhig mal drinlassen

Jedes Jahr lassen sich rund 20.000 Deutsche die Schilddrüse entfernen. Weil Verdacht auf Krebs besteht. Endokrinologen hegen ernste Zweifel, ob eine Operation in jedem Fall notwendig ist.

von Michael Brendler
© dpa Steigendes Risiko: Krebs gilt mittlerweile als gefährliches Massenphänomen.

Zunächst war es nicht mehr als ein unscheinbarer, dunkler Fleck auf dem Ultraschallbild. Kein Grund, sich Sorgen zu machen, hatte Michael A. angesichts des Zufallsbefundes beim Hausarzt gedacht. Dass ein kleiner Knoten in der Schilddrüse derart dramatische Folgen nach sich ziehen kann, das ahnte der damals 39-jährige Nordrhein-Westfale nicht. Er ging daraufhin zur Kernspinuntersuchung, unterzog sich auch einer sogenannten Szintigraphie. Zwar konnte der zuständige Strahlenmediziner keine Beweise für einen bösartigen Tumor entdecken. Doch der Verdacht ließ sich ebensowenig entkräften. „Am besten, wir nehmen die Schilddrüse einfach mal raus“, riet sein Chirurg schließlich, „und nehmen sie genauer unter die Lupe.“

Tatsächlich fand sich nach der Operation ein Krebsgeschwür in der Schilddrüse, knapp vierzehn Millimeter groß. Ein papilläres Karzinom, so wurde es dem Familienvater dann erklärt, aber niemand hatte ihn vorgewarnt: Mit Tumor und Drüse verschwanden gleichzeitig Lebenskraft und Wohlbefinden. Denn die von der Schilddrüse produzierten Hormone kontrollieren im Körper Stoffwechsel, Energieumsatz und Wärmeproduktion.

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Die künstlichen Hormone, die er nun ein Leben lang einnehmen muss, ersetzten die körpereigenen eher schlecht als recht. Der zuvor gesunde Mann fühlte sich nun müde und schlapp, die Muskeln brannten bei der kleinsten Anstrengung, der Darm spielte verrückt. „Dafür, dass mir versprochen wurde, man könne heute auch ohne Schilddrüse problemlos leben, fand ich das ganz schön langwierig“, klagt er. Fast drei Jahre lang litt er stark unter den Folgen. Und weil die Nachbehandlung mit radioaktivem Jod zudem seine Zeugungsfähigkeit einschränkte, konnten er und seine Frau sich einen weiteren Kinderwunsch nur mit medizinischer Hilfe erfüllen.

Keine andere Tumorform hat sich so schnell vermehrt

Ähnliche Erfahrungen machen in Südkorea zahlreiche Patienten. Schilddrüsenkrebs gilt dort inzwischen als Massenphänomen. Jährlich wird dort bei mehr als 40.000 Menschen ein Karzinom in der Schilddrüse entdeckt. Damit hat sich die Zahl der Fälle seit Anfang der 1990er Jahre verfünfzehnfacht. Bei fast allen Patienten wird zumindest die halbe Schilddrüse entfernt. In den Vereinigten Staaten ist die Statistik nicht weniger besorgniserregend, dort ist die Zahl der Fälle innerhalb von dreißig Jahren um das Dreifache gestiegen.

Keine andere Tumorform habe sich ähnlich schnell vermehrt, sagt Louise Davies vom Dartmouth Institute for Health Policy and Clinical Practice. Die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin aus Hanover im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire wollte wissen, warum, und sie fand anhand eines seit 1973 geführten Registers des National Cancer Institutes mit Daten zu Epidemiologie, Wohnbezirk und Behandlung heraus, dass nicht alle Menschen im gleichen Maße von der Krankheit betroffen sind. Besonders häufig entdeckt wird der Tumor bei besser ausgebildeten, besser verdienenden und medizinisch besser versorgten Amerikanern.

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