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„Raubverlage“ florieren : Tausende Forscher sind auf Fake-Journale hereingefallen

Bild: Fotolia

Immer mehr seriöse Forscher lassen sich von „Raubverlagen“ das Geld aus der Tasche ziehen. Ihr Ziel: der schnelle Ruhm. Nun sind Zahlen über das Ausmaß auf dem Tisch, Gegenmaßnahmen werden gefordert.

          Der Markt für Pseudowissenschaften wächst offenbar immer schneller, und auch seriöse Wissenschaftler gehen den Strippenziehern vermehrt auf den Leim, die vor allem als Wissenschaftsverlage mit offenen Zugang (Open access) auftreten. „Mehr als 5000 deutsche Wissenschaftler“ wurden von dem Sender NDR, WDR und das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ identifiziert, die mindestens einmal in einem dieser als „Raubverlage“ bezeichneten Plattformen publizierten. Ausgenommen seien auch einzelner Wissenschaftler aus hoch angesehenen  Institutionen und Hochschulen nicht. Zumindest so viel hat das Recherchenetzwerk ein paar Tage vor der Ausstrahlung einer halbstündigen Dokumentation im ARD mitgeteilt.

          Phänomen seit vielen Jahren bekannt

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Raubverlage sind seit fast einem Jahrzehnt bekannt, der amerikanische Ex-Bibliothekar Jeffrey Beall hatte schon 2009 eine entsprechende Liste mit mittlerweile mehr als tausend Titeln veröffentlicht. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, dass es zum einen immer mehr Forscher gibt, dass deswegen aber auch Wissenschaftler ein immer größer werdendes Interesse an einer schnellen Veröffentlichung haben. Denn wissenschaftlicher Ruhm gründet zum großen Teil auf der Erstveröffentlichung. In vielen der oft nur online zugänglichen Open-access-Journalen müssen Wissenschaftler zahlen, meist ein paar hundert Euro, um ihre Arbeiten publiziert zu bekommen. Damit soll auch die Qualitätssicherung – die Begutachtung durch Fachleute („Peer-review“) – abgegolten werden. Die Raubverlage haben dieses Modell gekapert, indem sie  unter wissenschaftlich klingenden Namen eine schnelle Publikation inklusive Qualitätssicherung anbieten, diese allerdings nur vortäuschen. Weltweit, so das Recherchenetz, seien inzwischen rund 400.000 Forscher betroffen, die mindestens einmal so einen betrügerischen „Service“ in Anspruch genommen haben. Seit 2013 habe sich die Zahl solcher Publikationen bei fünf der wichtigsten Verlage verdreifacht, in Deutschland sogar verfünffacht.

          Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat eine gründliche Untersuchung der Fehlentwicklungen bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen gefordert. Dies sei „im
          Interesse der Wissenschaft selbst“, erklärte Karliczek der Nachrichtenagentur dpa. Fehlentwicklungen müssten öffentlich werden. Von einzelnen Wissenschaftlern wie dem Freiburger Cochrane-Chef Gerd Antes werden konkrete Maßnahmen gefordert, zum Beispiel Positivlisten für staatlich geförderte Forscher, um den Einsatz von Steuermitteln für solche betrügerischen Geschäftsmodelle zu minimieren.

          Große Forschungsgesellschaften und deutsche Hochschulen erklärten dem Rechercheverbund zufolge überwiegend, das Phänomen prinzipiell zu kennen. Sie zeigten sich jedoch vom Ausmaß erstaunt und verurteilten die Praktiken entsprechender Fake-Verlage. So nannte die Helmholtz-Gemeinschaft die scheinwissenschaftlichen Verleger „eine äußerst negative und problematische Erscheinung des wissenschaftlichen Publikations- und Kommunikationssystems, gegen die mit allen rechtlichen Möglichkeiten konsequent vorgegangen werden muss". Solche Verlage gefährdeten „nicht nur den Ruf einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler„, sondern auch „das Vertrauen in die Wissenschaft selbst“. Betroffene Wissenschaftler seien aufgeklärt worden.

          Die Fraunhofer-Gesellschaft begrüßte die Medienrecherchen und erklärte: „Die Schaffung eines Bewusstseins für derartige unlautere Praktiken und ihre Konsequenzen ist ein wichtiger Schritt, um derartige Machenschaften zu stoppen.“

          Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wollte die Berichte dagegen nicht kommentieren. Bei der DFG hieß es, man setze sich mit solchen Entwicklungen derzeit im Rahmen der Überarbeitung der „Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlichen Praxis“ auseinander. Im übrigen habe die DFG mit der Initiative „Qualität statt Quantität“ bereits 2010 Maßnahmen gegen die Publikationsflut in der Wissenschaft.

          Viele Forscher sind selbst Opfer

          Wie das „Science Media Center“ (SMC) in Köln ausgerechnet hat, hätten bei den ermittelten mehr als 5000 betroffenen Forschern rund 1,3 Prozent des wissenschaftlichen Personals an deutschen Universitäten und Fachhochschulen mindestens einmal in einem solchen Räuber-Journal veröffentlicht. Wissentlich dürften das aber sehr viel weniger getan haben, so das SMC, weil die meisten Forscher selbst Opfer der betrügerischen Geschäfts- und Werbepraktiken der Verleger geworden seien. Ein Grund: Die Raubverleger imitieren mit ihren pseudowissenschaftlichen Namen seriöse Wissenschaftszeitschriften und haben damit Erfolg. Auf diese Art werden auch schlechte Forscher, Unternehmer und Mediziner, die sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben wollen, eingeladen, ihre dubiosen Pseudoergebnisse öffentlich zu machen. 

          Auch hessische Wissenschaftler sind nach einem Bericht des Senders hr-info  in dem  Skandal  verstrickt. Danach handelt es sich um mindestens 70 Wissenschaftler unter anderem der Universitäten Frankfurt, Kassel und Darmstadt.  Von wissenschaftlichen Veröffentlichungen in zweifelhaften Online-Fachzeitschriften ist auch die Universität Mainz betroffen. Die Uni sprach am Donnerstag von zwei Fällen, von denen sie vor der aktuellen Medienrecherche nichts gewusst habe.

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