28.10.2003 · In 1.023 Metern Tiefe forscht der Tiefseeroboter "Ventana" auf dem Meeresboden. Mit Kamera, Seismograph und Überwachung von oben.
Von Horst RademacherDer Raum im vorderen Rumpf des Forschungsschiffes ist dunkel und die Luft stickig. Lediglich die vielen Computerbildschirme verbreiten ein unwirtliches Licht. Die Unterhaltung der drei Männer, die leger gekleidet in bequemen Schreibtischsesseln vor den Konsolen sitzen, dreht sich um die Sportergebnisse vom vergangenen Wochenende. Noch ist das Fahrzeug, das aus diesem dunklen Raum im Schiffsbug gesteuert wird, weit von seinem Ziel entfernt. Gelegentlich ruft einer der Männer nach einem Blick auf den zentral angebrachten großen Bildschirm eine Zahl aus: 600, 700, 800. Als schließlich der Wert 900 erreicht wird, hören die lockeren Gespräche allmählich auf. Man spürt, wie jetzt die Spannung steigt: Immer öfter blicken die Männer auf die Bildschirme, sie richten die Sitzposition ihrer Sessel ein und überprüfen die Tastaturen und Steuerknüppel.
Noch ist auf den Bildschirmen nichts weiter als ein undefinierbares Grau zu sehen. Das monotone Bild wird gelegentlich unterbrochen, wenn hin und wieder eine Luftblase wie aus dem Nichts auftaucht und ebenso schnell wieder verschwindet. Plötzlich ruft einer: "Ich glaube, wir sind da." Im eintönigen Grau der Bilder auf den Bildschirmen werden schemenhaft Strukturen sichtbar. Dann erkennt man, daß der Tiefseeroboter "Ventana" auf dem Meeresboden gelandet ist. Der Tiefenmesser zeigt 1023 Meter an, und langsam schwenkt die Kamera über den Meeresboden.
Genaue Beobachtung
Oben, an Bord des Forschungsschiffes "Point Lobos", wird der Tauchgang, gut 30 Seemeilen vor Monterey an der kalifornischen Pazifikküste, genau beobachtet. Forscher des Monterey Bay Aquarium Research Institutes und des Seismologischen Institutes der Universität Berkeley haben vor mehr als einem Jahr an dieser Stelle ein Seismometer im Meeresboden versenkt. Mit dessen Hilfe wollen sie die vielen in Kalifornien auftretenden Erdbeben vermessen. An diesem Morgen sollen nun die Batterien und das Datenaufzeichnungsgerät für das Seismometer ausgetauscht werden. Ohne die Hilfe von Tiefseerobotern wie der "Ventana" wären diese Arbeiten nicht möglich. Dabei handelt es sich um ein technisch höchst anspruchsvolles Tauchgerät. "Ventana" benötigt keine Energieversorgung vom Mutterschiff, ist aber über ein Datenkabel aus Glasfaser mit dem Kontrollraum im Schiffsbug verbunden. Über die Glasfaser wird das Unterseeboot gesteuert, Meßdaten werden übermittelt sowie Videosignale, welche die drei Kameras an Bord der "Ventana" liefern. Außerdem sind die Forscher in der Lage, ihren Computer über das Glasfaserkabel direkt mit dem Roboter und den angeschlossenen Meßgeräten unter Wasser zu verbinden. So versuchen die Forscher an diesem Morgen, die Orientierung des Seismometers auf dem Meeresboden zu verbessern und die Qualität der Daten der drei Sensoren zu überprüfen.
Während der Seismologe an Bord direkt mit dem Meßgerät verbunden ist, bedienen die zwei Piloten der "Ventana" die Roboterarme. Von der kleinen Ladefläche wird ein Stahlrahmen entnommen, in dem mehrere Batterien wasser- und druckdicht verpackt sind. Der Rahmen enthält auch ein Plattenlaufwerk zur Aufzeichnung der seismischen Daten. Vorsichtig wird der Rahmen auf dem Meeresboden neben dem Seismometer abgesetzt. Mit dem anderen, viel genauer steuerbaren Arm, löst der zweite Pilot gleichzeitig die Kabelverbindung zwischen dem Seismometer und einem zweiten, ähnlichen Rahmen, der sich seit drei Monaten auf dem Meeresboden befindet. Die konzentrierte Arbeit belastet die Gleichgewichtsorgane der im Kontrollraum versammelten Piloten. Alles in dem Raum ist in Bewegung. Das Gehirn der Beteiligten konzentriert sich aber gleichzeitig auf die völlig anders ablaufenden Bewegungen des Tiefseeroboters. Nicht jedem gelingt es, diese beiden völlig unterschiedlichen Signale, die auf die Gleichgewichtsorgane wirken, ausreichend zu kompensieren. Selbst erfahrene Seeleute werden oft seekrank.
Nachdem die Steckverbindung entkoppelt ist, wird der alte Rahmen aufgehoben und an anderer Stelle auf dem Meeresboden abgesetzt. Dann wird der neue Rahmen installiert. Auf dem Schirm seines Laptops sieht der Seismologe nun, wie das Meßgerät mit den frischen Batterien arbeitet. Schließlich schwenkt der Pilot den Arm des Roboters, um auch die Steckverbindung zum Seismometer zu lösen. Mindestens vier Monate lang wird nun das Gerät autonom jede Erschütterung des Meeresbodens aufzeichnen.