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Synagogen-Archiv im Internet Fernrohr in die Vergangenheit

08.11.2005 ·  Durch ein Synagogen-Archiv wird das abgeschlossene Projekt der virtuellen Rekonstruktion jüdischer Sakralbauten im Internet fortgesetzt. Bisher eine Arbeit eines engagierten Mannes benötigt das Archiv dringend eine Trägerschaft.

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Das studentische Projekt der virtuellen Rekonstruktion von 15 zerstörten Synagogen ist inzwischen abgeschlossen. Dennoch gehen die Arbeiten weiter. Wer sich heute eine dreidimensionale Nachbildung einer Synagoge wünscht, muß sich an die Firma Architectura virtualis wenden, an der die Hochschule in Darmstadt, Martin Koob und Marc Grellert beteiligt sind.

Billig ist das allerdings nicht: Rund 50.000 Euro müssen dafür gezahlt werden, wobei heute mit deutlich modernerer Technik gearbeitet wird als zu Beginn des Projektes. So kann die verwendete Software aus der Filmindustrie Licht und Schatten sehr präzise setzten und besonders eindrucksvolle Atmosphären schaffen.

Augenzeugen berichten über Details

Das grundsätzliche Vorgehen hat sich allerdings nicht verändert. Noch immer steht neben der Analyse der überlieferten Dokumente das Gespräch mit überlebenden Zeitzeugen im Mittelpunkt der Arbeit. Das war auch bei den zuletzt rekonstruierten Synagogen von Mannheim, Darmstadt und Speyer nicht anders.

Wie intensiv dabei die Kontakte zu den heute weitab ihrer früheren Heimat lebenden Zeitzeugen sind, zeigen die fast abgeschlossenen Arbeiten an der Synagoge von Mutterstadt. Da keinerlei Informationen über die Gestaltung des Innenraums dieser Synagoge vorlagen, war man glücklich, in dem mittlerweile über 80 Jahre alten und in Florida lebenden Werner Dellheimer eine Person gefunden zu haben, die einem Zeichner die notwendigen Hinweise für das Anfertigen von Aquarellen der Ausmalung der Synagoge liefern konnte. Die Zeichnungen waren dann die Basis für die Rekonstruktionsarbeit am Computer. Details wurden am Telefon oder per E-Mail geklärt.

Archiv im Internet

Der intensive Kontakt mit den Zeitzeugen ließ bei Grellert die Idee reifen, zusätzlich zu den visuellen Rekonstruktionen und damit der Möglichkeit, einen kleinen Teil der zerstörten Synagogen wieder bildhaft entstehen zu lassen, ein Synagogen-Internet-Archiv zu eröffnen. Die computergestützte Animation dessen, was es nicht mehr gibt, ist auf diesem Weg zwar auch zugänglich, spielt aber nur eine Nebenrolle. Hauptzweck des Projektes ist die Registrierung von mehr als 2200 jüdischen Gotteshäusern, die 1938 auf dem Territorium des heutigen Deutschlands und Österreichs standen. Bei seinem Start am 9. November 2002 war das Archiv (www.synagogen.info) mit den von Grellert über viele Monate zusammengetragenen Basisinformationen gefüllt, die über Bibliotheken zugänglich sind.

So erfährt man etwa beim Anklicken des nordrhein-westfälischen Örtchens Steinheim, daß die dortige Synagoge in der Marktstraße 39 am 1. August 1884 eingeweiht wurde. Im Juli 1936 zog der letzte Kantor weg, danach fand hier kein Gottesdienst mehr statt. Am 10. November, so heißt es auf der Seite weiter, wurden Bänke und Kultgegenstände auf die Straße geworfen, die Orgel in die Kirche des Nachbarorts Ottenhausen geschafft, das Gebäude mit Sprengsätzen zerstört - nach Kriegsende wurden die Reste dann eingeebnet.

Neuer Träger gesucht

Der schnelle Zugriff auf diese Daten ist an sich schon wertvoll. Doch das Besondere an diesem Archiv ist, daß die Nutzer zu seinem Wachstum beitragen, indem sie persönliche Erinnerungen, Auszüge aus Lokalzeitungen oder Hinweise auf nur lokal verfügbare Literatur geben. Wer das technische Rüstzeug dazu besitzt, kann auch Fotos einscannen und so das Archiv erweitern. Ein Gästebuch für Kommentare gibt es ebenfalls.

Das Archiv wächst kontinuierlich. Bis jetzt sind fast 2700 Beiträge eingegangen, die alle von Grellert redigiert und geprüft werden. Eine Arbeit, die der gerade an seiner Promotion sitzende Architekt im Ein-Mann-Betrieb erledigt. Auf Dauer kann er diese ehrenamtliche Aufgabe nicht leisten, und welche Form und Trägerschaft sich für dieses Internet-Archiv finden läßt, ist noch unklar. Die Notwendigkeit dafür aber liegt auf der Hand.

Rekonstruktion im Fernrohr

Neben dieser interaktiven Plattform des Erinnerns haben Koob und Grellert vor kurzem mit einer erstmals in Kaiserslautern aufgebauten Installation eine weitere Möglichkeit des Blicks in die Vergangenheit aufgezeigt. Wo einst die Synagoge stand, von der nur noch ein Teil eines Torbogens erhalten ist, wurde eine Art Fernrohr aufgestellt, durch das der Betrachter - dank stereoskopischer Dias - eine dreidimensionale Sicht ins Innere des Gotteshauses hat.

In den nächsten Wochen sollen weitere solcher Guckkästen hinzukommen, so daß man dann die gesamte Synagoge, aber auch einzelne wesentliche Bestandteile realitätsnah erleben kann.

Quelle: kff. / Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6.11.2005
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