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Sven Plöger zum Klimawandel : „Schwarzweißmalerei bringt niemals etwas“

Gestenreich erklärt Sven Plöger das Wetter in der ARD. Bild: Isabel Klett

Wie geht Überzeugungsarbeit in der Klimapolitik? Der Meteorologe Sven Plöger erzählt auf seinen Buchreisen Geschichten vom großen Wandel. Den Unverbesserlichen hilft das nicht.

          FRAGE: Sie sind als Buchautor viel unterwegs in Sachen Klimawandel. Haben Sie eine Mission?

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          ANTWORT: Nein, ich bin nicht unterwegs, um die Welt zu retten. Ich erzähle vielmehr Geschichten über die Zusammenhänge, zum Beispiel wie der schnelle Rückzug des arktischen Eises zu mehr Starkregen bei uns führen kann. Missionarisch geht immer schief. Da kommt immer der Belehrende mit dem erhobenen Zeigefinger und möchte den Leuten erklären: Das musst du besser machen. Dann kommt die berechtigte Rückfrage: Und was machst du denn? Dann stelle ich fest: Ich bin auch ganz normaler Teil der Bevölkerung, ich muss auch mal Auto fahren, auch mal fliegen, ich lebe auch nicht in der Höhle. Ich habe zwar eine Solarzelle auf mein Ferienhaus gebaut und habe dort praktisch die Energieversorgung komplett umgebaut, aber nun beobachte ich mal, ob das wirklich funktioniert. Inzwischen ist klar: Es funktioniert. So kann man auch mit Zahlen sehr gut den Kritikern begegnen. Bei heutigen Preisen hätte ich durch die Einspeisung in 38 Jahren nicht nur die Kosten für die Anlage wieder eingespielt, sondern auch sämtliche Energiekosten bis dahin.

          FRAGE: Kann man damit jeden von den Risiken des Klimawandels überzeugen?

          ARD-Wettermann Sven Plöger in seinem Münchener „Wetterlabor“.
          ARD-Wettermann Sven Plöger in seinem Münchener „Wetterlabor“. : Bild: Jens Gyarmaty

          ANTWORT: Jedenfalls können die Leute, indem ich die Komplexität in meinen Geschichten herunterbreche, spüren und verstehen, was sich da tut. Klimawandel ist fast immer furchtbar theoretisch, er ist kaum greifbar, für unsere Sinnesorgane eben nicht spürbar. Ich versuche ihn dann mit den beispielhaften Geschichten erlebbar zu machen. Feinheiten rausarbeiten und einordnen. Und ich sage auch mal deutlich, dass die Wissenschaft logischerweise nicht alles weiß. Das macht es für viele Leute akzeptabler.

          FRAGE: Was halten Sie für die wichtigste Botschaft, die so transportiert wird?

          ANTWORT: Dass wir immer noch Zeit haben, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Der Untergang ist nicht vorgezeichnet. Wir haben noch gute zwanzig Jahre, die man sinnvoll verbringen kann, wenn man die Dinge tut, die man politisch auch angekündigt hat. Die Frage ist allerdings, ob man das auch wirklich tut. Seit der Rio-Konferenz 1992 haben wir einen unglaublichen Zuwachs bei den Kohlendioxid-Emissionen um 60 Prozent. Kyoto hatte auch mehr einen symbolischen Charakter. Paris hat jetzt theoretisch die Chance, ein Ergebnis zu haben. Die spannende Frage ist nun: Machen wir es auch praktisch?

          FRAGE: Wie oft treffen Sie bei ihren Auftritten auf Leute, die den Klimawandel leugnen?

          ANTWORT: Klar begegne ich denen, aber immer seltener. Komplett leugnen tut ihn aufgrund der Messungen und Bilder, die wir weltweit präsentiert bekommen, kaum noch jemand. Aber für einige bleibt ein Zweifel am menschlichen Beitrag zum Klimawandel. Darunter gibt es zwei Typen: Der felsenfest davon überzeugte, dass alles nur natürliche Prozesse sind, wurscht, was wir Menschen für Fußabdrücke hinterlassen. Er bestreitet, oft mit wenig Eigenwissen, alle Erkenntnisse der Klimaforschung. Ihn kann ich nicht erreichen, egal was ich erkläre. Aber es gibt auch den kritischen Interessenten, der durchaus bereit ist, sich informieren zu lassen. Mit diesen Leuten kann ein Gespräch sehr fruchtbar sein – auch für mich, um zu lernen, welche Fragen die Menschen umtreiben! Man kann den Leuten zum Beispiel erklären, warum sich das Eis der Arktis und der Westantarktis schnell zurückzieht, das der Ostantarktis aber nicht. Oder ein anderes Feld: Man muss den Leuten etwa erklären, dass Elektromobilität klimatisch begrüßenswert ist, aber die Batterieherstellung und -entsorgung noch ein schwieriges Feld ist. Und auch der Strommix: Das E-Auto ist erst durch regenerativen Strom sauberer. Sonst ist es zunächst nur eine regionale Umverteilung der Emission – für Städte ist aber auch das schon ein Gewinn. An solchen Beispielen sieht man: Schwarzweißmalerei bringt niemals etwas! Das gilt übrigens für alle Themen auf dieser Welt.

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