01.12.2009 · Spanien gehört eher zu den Verschleppern des Bologna-Systems. Einmal aus Indolenz. Dann aus Gründen der Reformbedürftigkeit des eigenen akademischen Systems. Ein Professor nennt den Bologna-Prozess gar „ein steuerlos abdriftendes Schiff in der Strömung“.
Von Paul IngendaaySpanien gehört eher zu den Verschleppern des Bologna-Systems. Einmal aus Indolenz. Dann aus Gründen der Reformbedürftigkeit des eigenen akademischen Systems. Und schließlich aufgrund der großen Unlust unter spanischen Studenten, die Veränderung, Verkürzung und Homogenisierung der Studiengänge, die obendrein teuer bezahlt werden müssen, zu akzeptieren.
Im März wurden bei Studentenprotesten etwa hundert junge Leute, die zuvor das Rektorat der Universität von Barcelona besetzt gehalten hatten, wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt festgenommen. In diesen Tagen müssen sie sich vor Gericht verantworten. Zahlreiche Studentenorganisationen protestieren gegen das harte Vorgehen der katalanischen Polizei und den Bologna-Prozess auf Demonstrationen und in Blogs.
Fünf zuständige Minister in vier Jahren
José-Domingo Rodríguez Martín, Professor für Römisches Recht an der Universität Complutense, hat die spanischen Absurditäten der Umsetzung des Bologna-Abkommens in einem erhellenden Bericht festgehalten. Er beklagt, in den ersten fünf Jahren nach dem Beschluss habe sich gar nichts getan. Dann sei die Reform begonnen worden, doch nur bei den Postgraduierten-Studiengängen. Im Lauf der folgenden Jahre erließ die Regierung verschiedene Dekrete, die weniger mit Bologna als mit der Reform des spanischen Universitätssystems zu tun hatten. Der Papieraufwand wuchs. Schließlich wurde die „Nationale Agentur für die Evaluation von Qualität und Akkreditierung“ (ANECA) gegründet, ein Zentralisierungsinstrument, das in den Augen mancher Hochschullehrer ohne ersichtlichen Nutzen ist. Rodríguez Martín kommt zu dem Schluss, der Bologna-Prozess sei „ein steuerlos abdriftendes Schiff in der Strömung“.
Es hilft nicht unbedingt, dass Spanien seit der Ratifizierung des Bologna-Abkommens sehr verschiedene Bildungsminister erlebt hat. Doch nicht nur das. War für die Universitäten zuvor das Bildungsministerium zuständig, fiel die Aufgabe 2008 plötzlich an das Ministerium für Forschung und Innovation und damit an eine andere Ministerin. Schon im Jahr darauf missfiel diese Lösung der Regierung wieder, und sie schob die Universitäten zurück unter das Dach des Bildungsministeriums, nicht ohne bei dieser Gelegenheit wieder den Bildungsminister auszuwechseln. Macht fünf zuständige Minister in vier Jahren. Kontinuität ist so kaum zu erzielen.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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