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Eine Frage der Nationalität : Mit Lässigkeit an die Spitze

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Woher kommen die Mitschüler? Sollte doch keine Rolle spielen. Tut es aber doch. Bild: dpa

An einer multinationalen Schule in Brüssel mit Kindern aus gutsituierten Familien sollte die Nationalität keine Rolle spielen. Tut sie aber offenkundig, doch, wie eine Untersuchung zeigt.

          Die meisten Pädagogen sind der Meinung, dass die Schule zu Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Nationalitäten erziehen sollte. Von selbst stellt sich diese nicht immer ein: Gerade Kinder registrieren äußere Unterschiede schnell und haben wenig Hemmungen, sie ohne Rücksicht auf Takt und politische Korrektheit zu thematisieren. Deshalb ist Erziehung schon aus Gründen des sozialen Friedens innerhalb der Institution auf Akzeptanz und Inklusion abgestellt. Zumindest in westeuropäischen Lehrbüchern werden keine Erbfeindschaften mehr gepflegt, und man verzichtet darauf, die eigene Nation als überlegen darzustellen. Viele Eltern sind damit einverstanden. Aber natürlich gibt es auch Situationen, in denen sich die pädagogischen Ideale gegen Widerstände behaupten müssen – sei es gegen familiäre Einflüsse oder ethnisch gefärbte Konflikte in der Nachbarschaft.

          Umso leichter sollte der Auftrag, postnationalistische Werte zu vermitteln, zu erfüllen sein, wenn die soziale Umwelt günstige Voraussetzungen dafür bietet – zum Beispiel, weil sie aus Schülern unterschiedlicher Nationalitäten, aber ähnlicher sozioökonomischer Herkunft besteht. Vorurteile, so eine weitverbreitete Ansicht, würden durch Erfahrung korrigiert und abgebaut. Eine internationale Schule in der europäischen Hauptstadt Brüssel, die überwiegend von den Kindern wohlhabender EU-Angestellter besucht wird, wäre demnach ein Ort, an dem man nationalistische Einstellungen und Vorurteile am wenigsten erwarten würde.

          Nationale Stereotypen der Jugendkultur

          Ein Forscherteam aus Berlin und Göttingen zeigt jedoch in einer aktuellen Studie, dass auch hier nationale Zugehörigkeit eine Rolle spielt. Das liegt aber nicht daran, dass Vorstellungen über andere Nationen aus der Erwachsenenwelt oder aus den Medien übernommen würden. Vielmehr gedeihen nationale Stereotype und an nationalen Kategorien orientierte Hierarchien vor dem Hintergrund einer Jugendkultur, die sich scheinbar für ganz andere Dinge interessiert.

          Eltern müssen oft schmerzvoll erfahren, dass ihre Kinder sich bei der Frage, wer für Freundschaft in Frage kommt, primär an den Kriterien ihrer eigenen Bezugsgruppe orientieren – und nicht an jenen der Erwachsenen. Eltern und Lehrer mögen ihre eigenen Vorstellungen über einen guten Umgang haben – wer wirklich „cool“ ist, wissen sie nicht. In der „peer culture“ der Jugendlichen gelten eigene Gesetze. Sie stellt Kriterien für die Bewertung von Personen bereit, die oft von jenen der Erwachsenen abweichen.

          An der Schule in Brüssel stießen Drewski, Gerhards und Hans bei der Befragung der Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Sprachgruppen überwiegend auf Bewertungsmuster, die für Jugendliche allgemein typisch sind. Mitschüler werden anhand ihres Lebensstils, ihrer Leistungen, ihrer politischer Einstellungen und Sprachkenntnisse kategorisiert. Einkommensunterschiede und Schichtzugehörigkeit spielen hingegen keine Rolle: „Hier sind alle reich“, lautete die Antwort auf eine entsprechende Nachfrage.

          Positiv fällt unter diesen Bedingungen auf, wer sich lässig und im Rahmen „dosierter Devianz“ verhält – also zu feiern weiß, ohne auf die schiefe Bahn zu geraten. Gute Leistungen sind hingegen nur dann ein Grund für Anerkennung, wenn sie ohne größere sichtbare Anstrengungen erreicht werden. Die Weltanschauung prämiert insgesamt liberale und kosmopolitische Einstellungen. Damit korreliert, dass insbesondere englische und französische Sprachkenntnisse geschätzt werden.

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          Diese Kategorien werden jedoch nicht nur zur Einschätzung von Individuen benutzt, sondern auch auf Sprachgruppen und Nationalitäten projiziert. In der Kombination von Kategorisierung und gruppenbezogener Zurechnung ergibt sich eine Hierarchie der in der Schule vertretenen Sprachgruppen und Regionen. In ihr liegen die Skandinavier in vielen Punkten vorn: Sie pflegen den lässigsten Lebensstil, weil sie zu feiern wissen und sich dabei insbesondere einen Ruf sexueller Offenheit erworben haben. Darin sind sie den Franzosen überlegen, die allenfalls durch das Rauchen Coolness-Punkte sammeln. Am wenigsten hält man in dieser Hinsicht jedoch von den Osteuropäern. Ihre Gruppe ist auch in den Kategorien politische Einstellung und Sprachkenntnisse das Schlusslicht, während der Malus des Strebertums wenig überraschend den Deutschen zufällt. Von ihnen kann man abschreiben, aber zum Feiern sind sie nicht zu gebrauchen.

          Die Anhäufung positiver Zuschreibungen führt dazu, dass die Statushierarchie der Schule insgesamt von den Skandinaviern angeführt wird, gefolgt von den Franzosen. Osteuropäische Schülerinnen und Schüler landen dagegen fast durchgängig auf den hinteren Plätzen. Ob sie – ebenso wie die Deutschen – in Sachen Lässigkeit und Devianz lediglich ein Darstellungsproblem haben oder aber im Sinne europäischer Solidarität mehr gefördert werden sollten, bleibt offen.

          D. Drewski, J. Gerhards, S. Hans (2017): „Symbolische Grenzziehungen und nationale Herkunft. Eine explorative Studie über Distinktionsprozesse an einer multinationalen Schule in Brüssel“, Berliner Journal für Soziologie, 27(1), 65-92. https://doi.org/10.1007/s11609-017-0333-7

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