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Naturforscherin: Ein Werk für die Ewigkeit

Ein Werk für die Ewigkeit

Von PETER HENNING

19.01.2017 · Vor dreihundert Jahren starb die Naturforscherin Sibylla Merian. Ihre Studien und Kupferstiche zur Metamorphose der Schmetterlinge gehören zum Schönsten, was Kunst und Wissenschaft je hervorgebracht haben.

© Lambert Schneider Verlag Maria Sibllya Merian um 1700. Kupferstich von Jacob Hourbraken nach Georg Gsell. Die Raupe des Schwärmers Eumorpha labruscae ähnelt einer kleinen Schlange.

Wie im Rausch taucht der amazonasgrüne Nachtfalter seinen fadendünnen Rüssel zwischen die reifen nachtblauen Weintrauben. Links davon ruht am Stengel der Rebe braun marmoriert und schwarz gefleckt die einer Schlangenhaut ähnelnde walzenartige Raupe. Und darüber, in ein eingerolltes Blatt geschmiegt, die für Falter der Familie der Sphingidae, der Schwärmer, typische langgestreckte Puppe, deren segmentiertes kastanienbraunes Äußeres bereits den später daraus schlüpfenden Falter erahnen lässt.

Ein faszinierendes „Three-in-One“, wie es neben Sibylla Merian abgebildet ist. Die naturgetreue und entomologisch bis heute gültige Darstellung der drei Entwicklungsstufen des Eumorpha labruscae zeugt auch mehr als dreihundert Jahre nach ihrer Entstehung von dem hellwachen, für allerkleinste Details sensiblen Blick, mit dem die Naturforscherin Maria Sibylla Merian während ihres Aufenthalts in Surinam 1699 die dortige Schmetterlingswelt zu studieren vermochte und später, wieder zurück in Amsterdam, zeichnerisch festhielt. Sie revolutionierte die bis dato bekannte Sichtweise, indem sie erstmals mehrere Entwicklungsstadien eines Falters in einer einzigen Darstellung zusammenfasste und so dem Betrachter einen gesamtheitlichen Blick gestattete: vom Ei und der Raupe über die Puppe bis zur endgültigen Imago des Falters oder „Sommervogels“, wie sie die Schmetterlinge liebevoll nannte.

Diese Abbildung findet sich im schönsten – und zweifellos berühmtesten – 1705 publizierten Werk der Malerin, Kupferstecherin und seit ihrem 13. Lebensjahr von einer unstillbaren Entdeckerlust Umgetriebenen, dem Band „Metamorphosis Insectorum Surinamensium“, ihrem Opus magnum. Es bietet ein unvergleichliches Farben- und Formenspektakel, mit welchem die „Raupenfrau“ aus dem hessischen Frankfurt seinerzeit nichts Geringeres schuf als ein Werk für die Ewigkeit: einen flirrenden Augenschmaus, opulent und geradezu hyperrealistisch, der sich bis heute seine zeitlose Frische und Schönheit bewahrt hat.

© Lambert Schneider Verlag Der kurzlebige Nachtfalter Arsenura armida mit eigenen (schwarz-weißen) und anderen Raupen an einem Korallenbaum.

Es müssen glückliche, unvergessliche Stunden und Tage gewesen sein, welche die seinerzeit 52-Jährige gemeinsam mit ihrer jüngeren Tochter Dorothea Maria 1699 an Bord jenes Schiffes erlebte, das sie in die Tropen brachte, ehe es nach dreimonatiger Reise endlich in die Mündung des Surinamflusses einbog. Zuckerplantagen schoben sich in ihr Blickfeld, dazu Palmen so hoch wie die Dächer der Häuser ihres fernen Frankfurts, ehe sie endlich in Paramaribo ankamen, das ihr mit seinen weiß getünchten niederländischen Holzhäusern wie eine zaubertrickartig in die Tropen verpflanzte holländische Kleinstadt vorgekommen sein muss.

Schon in Amsterdam, wohin es sie nach der Trennung von ihrem Mann, dem Nürnberger Architekturmaler Johann Andreas Graff, den sie mit 18 geheiratet hatte, zog, hatte sie Präparate der farbenprächtigen Schmetterlinge der niederländischen Kolonie Surinam kennengelernt und fortan davon geträumt, sie eines Tages vor Ort in ihrem natürlichen Lebensraum selbst in Augenschein nehmen zu können.

© dpa Verschiedene Präparate von Schmetterlingen, Käfern und Spinnen wurden von der Naturkundlerin und Künstlerin Maria Sibylla Merian angefertigt.

Zu diesem Zeitpunkt liegen die Stationen Frankfurt, Nürnberg und Amsterdam hinter ihr. In Frankfurt war sie 1647 als Tochter des Kupferstechers, Illustrators und Kartographen Matthäus Merian, „dem Älteren“, dessen Hauptwerk „Topographia Germaniae“ ihn weltberühmt machte, geboren worden. Dort ging sie auch zur Schule und entdeckte ihre Liebe für Schmetterlinge und deren Metamorphosen. Sie fütterte Seidenspinnerraupen mit Maulbeerblättern und beobachtete akribisch ihre Verwandlung zur Puppe - den so von ihr genannten „Dattelkern“ – und später zum Falter, für den sie den poetischen Begriff „Motten-Sommervogel“ prägte.

„Danach stellte ich fest, dass sich aus anderen Raupen noch viel schönere Tag- und Eulenfalter entwickelten als aus Seidenraupen“, schrieb die Forscherin später. „Das brachte mich dazu, alle Raupen zu sammeln, die ich finden konnte.“ Von 1686 an führt sie ein sogenanntes „Studienbuch“, in welchem sie ihre Beobachtungen in Form von Notaten und kleinen, flüchtig aufs Papier geworfenen Zeichnungen festhält. Und sie beginnt, das Ganze zu systematisieren. Aus dem mit Feuereifer betriebenen Hobby wird allmählich wissenschaftlicher Ernst.

© Lambert Schneider Verlag Der Nachtfalter Manduca rustica, der es eigentlich auf Trompetenbäume abgesehen hat, zusammen mit einer Raupe des Schmetterlings Pseudosphinx Tetrio, die sich ausschließlich von Plumeria-Arten ernährt. Abgebildet sind ferner eine Buckelzikade (unten) und eine Hundkopfboa, die sich um eine Maniok-Pflanze schlängelt.

Nach dem Tod des Vaters, der stirbt, als sie drei Jahre alt ist, hatte ihre Mutter nur ein Jahr später den Blumenmaler Jacob Marrel geheiratet, einen Schüler der flandrischen Malerschule, bei dem Maria Sibylla schon früh das Zeichnen und Kupferstechen lernt. Marrel bringt ihr die Umsetzung des Geschauten in eine künstlerische Entsprechung bei. Bald überzeugt sie durch einen geradezu perfekten Umgang mit Kupferplatten, Nadeln, Stichel, Federn, Stiften, Pinseln und Farben. Als sie 1665, achtzehnjährig, den Architekturmaler Johann Andreas Graff heiratet und ihm nach Nürnberg folgt, wo seine Familie ein herrschaftliches Haus unterhalb der Kaiserburg bewohnt, verliert sie Frankfurt erst einmal aus dem Blick.

Zwei Töchter bringt sie in Nürnberg zur Welt, und sie ist darüber hinaus sehr aktiv: Sie gründet eine „Jungfern-Compagnie“, in der sie Töchter aus gutbürgerlichen Häusern im Malen, Zeichnen, Sticken und Nähen unterrichtet. Denn neben ihrem forscherischen Ehrgeiz, der sie umtreibt, hat sie auch einen Sinn fürs Geschäftliche. So verkauft sie ihren Schülerinnen Malutensilien, treibt Handel. Dass sie dabei als emanzipierte Frau in Erscheinung tritt, ist für ihre Zeit ebenso ungewöhnlich wie faszinierend. Sie liebt es, eigene Wege zu gehen, ins Fremde, Unbekannte auszubrechen, räumlich wie intellektuell.

© Lambert Schneider Verlag Wenn einer die große Brennessel (Urtica dioica) zu schätzen weiß, dann ist es das Tagpfauenauge (Aglais io). Die Abbildung stammt aus Merians Buch „Der Raupen wunderbare Verwandlung“.

1675 legt sie das sogenannte „Neue Blumenbuch“ vor, das sich aus zwölf losen Bildtafeln zusammensetzt, von der Autorin in Kupfer gestochen. Sie versteht es als „Vorlagenbuch für alle“ und vertreibt es an jene, „die gerne Blumen malen oder sticken, ohne sich die Mühe zu machen, eigene Modelle zu erstellen“. Das Buch versammelt nach dem Schwarzweißdruck von ihr handkolorierte Blätter, auf denen beliebte Blumenarten dekorativ arrangiert zu sehen sind.

Sie findet einen prominenten Bewunderer und Förderer in Joachim von Sandrart, der 1665 unter dem Titel „Teutsche Acadamie der Edlen Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste“ die erste umfassende Kunstgeschichte vorlegt, in der er Sibylla Merian als in der „ruhmwürdigen Kunst der natürlichen Blumen und Thieren, allervollkommenst zu seyn“ preist. Auch als 1679 ihr Buch „Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung“ erscheint, das fünfzig in Schwarzweißdruck reproduzierte Kupfertafeln sowie einen gut einhundertseitigen Begleittext umfasst, findet sie bei Sandrart erneut Lob und ungeteilte Zustimmung.

© Lambert Schneider Verlag Auch die Raupen von Automeris liberia sind nach neueren Erkenntnissen nicht auf die Bananenpflanze angewiesen.

Tatsächlich markiert dieses Buch den revolutionären Vorstoß einer Frau in die Phalanx der bis dahin ausschließlich von Männern dominierten Naturforschung. Ihr „Raupenbuch“ macht sogleich in Wissenschaftskreisen Furore, basiert es doch, wie deren Verfasserin es selbst formuliert, „auf fleißigen und langwierigen Untersuchungen von höchster Sorgfalt“. Sie entdeckt dabei erstmals die genuinen Zusammenhänge zwischen Raupen und ihren Wirtspflanzen. Dabei unterscheidet sie zwischen „monophagen“ und „polyphagen“ Fressern, also Tieren, die ein enges Nahrungsspektrum haben, und solchen, denen verschiedene Futterpflanzen zur Auswahl stehen.

Maria Sibylla Merian treibt mit ihrem Buch die moderne Insektenforschung voran, die systematische Erfassung der Pflanzen- und Tierwelt unter Berücksichtigung immer kleinerer Erscheinungsformen. Es ist die Zeit der Erforschung der Arthropoda, also der Gliederfüßer. Der italienische Anatom Marcello Malpighi studiert die Seidenraupe Bombyx mori, der Delfter Erbauer von Lichtmikroskopen, Antoni van Leeuwenhoek, widmet sich beim Blick durch seine Linsen geheimnisvollen Facettenaugen der Fliege. Und Jan Swamerdam, Anatom und Begründer der sogenannten „Präformationslehre“, die im 17. Jahrhundert davon ausgeht, dass der gesamte menschliche Organismus im Spermium selbst beziehungsweise im Ei vorgebildet ist und sich dort nur noch entfalten und wachsen müsse, entdeckt die paarig angelegten Eierstöcke der Bienenkönigin der Apoidea und die Genitalien der Drohnen, der männlichen Honigbienen.

Mit ihren Raupenstudien fügt sich die Merian in diese illustre Reihe ein und ist damit Teil einer neuen, weltumspannenden Naturforschungsbewegung. Zugleich verkörpert ihr Buch die perfekte Symbiose aus wissenschaftlicher Genauigkeit, Innovation und künstlerischer Perfektion. Ihre Insektendarstellungen suchen bis heute ihresgleichen. In ihren Werken zu blättern heißt, das Wesen der Insekten selbst zu entschlüsseln, es zu erfühlen und sinnlich zu durchdringen.

Schließlich geht sie von Nürnberg aus nach Schloss Walta-State in den Niederlanden, wo sie von 1685 an als Mitglied der radikal-christlichen Glaubensbewegung der „Labadisten“ um Jean de Labadie lebt, der die Idee einer Gleichberechtigung von Mann und Frau vorantreibt. Fünf Jahre lang bildet Schloss Walta-State, das Schwestern des Gouverneurs von Surinam gehört, für sie eine Oase der künstlerischen und persönlichen Selbstverwirklichung. Dann verlässt sie die Glaubensgemeinschaft und geht nach Amsterdam.

© Lambert Schneider Verlag Ein weibliches Exemplar des Morpho menelaus und eine Raupe des Nachtfalters Eumorpha fasciatus finden sich gemeinsam an einem Granatapfel, der ebenfalls nicht auf ihrem Speiseplan steht. Der schillernd blaue Falter Morpho dedamia hat eine bräunliche Unterseite. Hier schlüpft seine Raupe auf einer Acerola-Kirsche.

Von dort aus tritt sie 1699 ihre lang ersehnte Reise ins tropische Surinam an, wird aber bereits 1701 zur Rückkehr nach Holland gezwungen, nachdem sie sich eine Tropenkrankheit zugezogen hat. Ihre in ihrem Hauptwerk „Metamorphosis Insectorum Surinamensium“ später niedergelegten tropischen Erfahrungen machen sie endgültig zur international gefeierten Lichtgestalt der Naturforschung und der Kunst - und ganz nebenbei zur Vorreiterin der Frauenemanzipation.

„Die Merian hatte sehr früh eine Vorstellung davon, wie sie ihre Talente und Bedürfnisse entwickeln konnte“, sagt die Sachbuchautorin Barbara Beuys, die vor kurzem eine Biographie veröffentlicht hat („Maria Sibylla Merian: Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau“, Insel Verlag, Berlin 2016). „Sie hat eisern an ihren Plänen festgehalten, nüchtern und zugleich vorausschauend. Und sie hat sich ihr Selbstbewusstsein – darin ist sie auch heute noch ein Vorbild für Frauen – nicht nehmen lassen.“

Zurück in Amsterdam, wird Sibylla Merian mit Blick auf das von ihrer Forschungsreise Mitgebrachte von „einem unglaublichen Ertrag an Bildern, kleinen, vor Ort angefertigten vorstudienartigen Zeichnungen, Notizen und gesammelten Tieren“ sprechen. Um ihre Expedition antreten zu können, hatte sie sich hoch verschulden müssen und bis zu ihrem Tod 1717 nurmehr von den spärlichen Einnahmen ihrer Werke und vom Handel mit ihren Surinam-Mitbringseln gelebt: getrockneten Faltern, eingelegten Eidechsen-Eiern und präparierten Schlangen.

© dpa Die verschiedenen Präparate in den Dioramen wurden von der Naturkundlerin und Künstlerin Maria Sibylla Merian angefertigt. Eine Ausstellung im Museum in Wiesbaden, das seit dem 19. Jahrhundert einen bedeutenden Teil der Sammlung Merians besitzt. Es sind Präparate, die Maria Sibylla Merian einst aus Surinam mitbrachte.

Am 13. Januar 1717 schließlich stirbt die „Raupenfrau“ im Alter von 69 Jahren in Amsterdam und wird auf dem Leids Kerkhoff bestattet. „Das ganze Werk war getan“, hat sie kurz zuvor noch bekannt. Ob sie in jenen letzten Stunden, da sie ahnte, dass ihr abwechslungsreiches Leben zu Ende gehen würde, in Gedanken noch einmal nach Frankfurt, in die Mainzer Straße, und zu ihren Anfängen zurückgekehrt ist, dorthin, wo alles begann? Zu dem 13-jährigen Mädchen, seinen Behältern und Schachteln mit all den Raupen und den „Dattelkernen“ und der großen Sehnsucht im Herzen? Wir wissen es nicht.

Ihre sterblichen Überreste hat sich die Natur längst geholt. In ihren Falterdarstellungen aber brachte es Maria Sibylla Merian zur Unsterblichkeit. Wer einmal ein Exemplar des hier eingangs beschriebenen Nachtfalters der Gattung Eumorpha labruscae in natura bewundern und anschließend zum Vergleich einen Blick auf dessen Darstellung von vor mehr als dreihundert Jahren werfen durfte, wird verstehen, weshalb.

Peter Henning, 1959 In Hanau geboren, lebt als Schriftsteller in Köln. Zuletzt erschien sein Roman „Die Chronik des verpassten Glücks“ beim Luchterhand Literaturverlag. Er studiert seit fast 50 Jahren das Leben der Schmetterlinge.

Viele der hier gezeigten Bilder entstammten aus dem Buch: Maria Sibylla Merian: „Metamorphosis insectorum Surinamensium. Die Verwandlung der surinamischen Insekten 1705“. Hrsg. von Marieke van Delft und Hans Mulder, Lambert Schneider Verlag/WBG, Darmstadt 2017.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Veröffentlicht: 18.01.2017 14:39 Uhr