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Schweiz Der Druck nimmt zu

01.12.2009 ·  Von „neoliberalem Gift“ spricht der konservative Populist Christoph Blocher, von „bildungsbürokratischem Mist“ der linke Soziologe Jean Ziegler: Eine Universitätsreform war in der Schweiz unumgänglich, Nachbesserungen beim Bologna-Prozess sind unverzichtbar.

Von Jürg Altwegg
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Kurz bevor die Studenten auch in der Schweiz die Hörsäle besetzten, wurden die Resultate einer umfänglichen Befragung aus dem vergangenen Jahr veröffentlicht. „Die Studierenden an den Schweizer Hochschulen sind relativ zufrieden“, erklärte im Oktober der Präsident der Rektorenkonferenz, der Basler Rektor Antonio Loprieno. Die Schweiz gehörte zu den Erstunterzeichnern der Bologna-Reform und hat sie auch zügig umgesetzt - mit Erfolg, glaubt Loprieno: „Dadurch hat sich die Positionierung der Schweizer Hochschulen im internationalen Vergleich noch verbessert. Die Schweizer Universitäten gehören zu den führenden in Europa.“

Diese Tatsache ist nicht neu. Die Bologna-Reform hat durch die Vereinheitlichung mit Europa den Zustrom ausländischer Studenten zusätzlich verstärkt. Sie steigt jährlich um acht bis neun Prozent. Doch diese Zunahme ist nicht der wichtigste Grund für die Verdoppelung der Studenten-Zahlen innerhalb der letzten zweieinhalb Jahrzehnte: 34 Prozent eines Jahrgangs beginnen heute in der Schweiz ein Hochschulstudium, das sind fast schon europäische Zustände. Sie hätten den Beitritt zu Bologna notwendig gemacht, argumentieren Bildungspolitiker. Auch bezüglich der Vermassung, der finanziellen Schwierigkeiten und der beruflichen Unsicherheit erreicht das Unbehagen an den eidgenössischen Universitäten langsam europäisches Niveau. Nächstes Jahr wird die Zahl der Studenten die Schwelle der 200.000 überschreiten. Den Staat kostet ein Studium 100.000 Euro, weniger als tausend Euro betragen die Studiengebühren für ein Jahr.

„Reinfuttern, rauskotzen, vergessen“

Der antieuropäische konservative Ex-Minister Christoph Blocher, Sprachrohr des helvetischen Populismus, unterstützt den Studentenprotest gegen das „neoliberale Gift“, das Bologna in der Schweiz verströme. Der linke emeritierte Genfer Soziologieprofessor Jean Zieger solidarisiert sich ebenfalls mit ihm: gegen den „bildungs-bürokratischen Mist“. Beide Argumente haben etwas für sich. Für die Professoren und Assistenten hat sich der administrative Aufwand erheblich erhöht - und sie werden nun auch selber beobachtet und evaluiert. Mehr Freiheit und Stipendien, weniger Anwesenheitspflicht wollen die Studenten im Zeitalter der Podcasts. Sie klagen über enge Lehrpläne und ständigen Prüfungsstress.

Die Veränderungen durch Bologna betreffen in erster Linie die Geistes- und Sozialwissenschaften, denen straffe Studienpläne zugewiesen wurden - mit Erfolg, wie die Zahlen zu belegen scheinen. Siebzig Prozent aller Studienanfänger schließen innerhalb von fünf Jahren mit einem Bachelor ab. Für die Zeit vor Bologna wird ein Lizentiat binnen zehn Jahren für 67 Prozent der Studenten ausgewiesen - dieses Diplom allerdings entspricht eher dem heutigen Master. Ihn streben die meisten Bachelor-Absolventen an: nur zehn Prozent verlassen die Universität mit diesem Abschluss. Generell gibt es weniger Studienabbrecher.

Bildungsideale finden in den Statistiken keinen Niederschlag. Dass eine Reform nötig war, ist allen klar. Dass eine Nachbesserung unumgänglich wird, ist ebenso unbestritten. Mit dem zunehmenden Druck auf alle entsprechen die Zuständen an den Hochschulen der gesellschaftlichen Entwicklung. „Reinfuttern, rauskotzen, vergessen“, nennt es der Soziologe Kurt Imhof. Nüchterner überschrieb Kathrin Meier-Rust, die Bildungsexpertin der „Neuen Zürcher Zeitung“, ihre Bilanz: „Bologna macht die Faulen fleißig.“ Oder geschäftig.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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