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Schönheitssucht Besser aussehen: Das da bin ich nicht

Es wird gestrafft, geschnitten und gespritzt: Der große Gesellschaftstrend zur Schönheit wird von einer Medizin gestützt, die sich ästhetisch nennt und dabei Fragen nach Gesundheitsgefährdung und Suchtpotential verdrängt.

© REUTERS Es tut auch gar nicht weh: Frau bei Wimperntransplantation.

Was hält uns davon ab, das zu tun, was die Vernunft sagt? Mit solchen Zweifeln beginnen die Jahre, und die Suche nach Antworten versiegt ähnlich zuverlässig wie der erste Frust über den nachweihnachtlichen Speckbauch. Vielleicht liegt es einfach daran, dass wir der Vernunft nicht mehr trauen können. Die medizinische Vernunft zum Beispiel sagte uns bislang: Abnehmen ist, vom pathologischen Abmagern abgesehen, immer gut.

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Heute lesen wir dagegen in einer der größten Analysen zu diesem Thema im „Jama“, dem Fachblatt der weltgrößten Medizinergesellschaft, dass Fettpolster schützen. Durch Auswertung von 98 Einzelstudien mit 2,88 Millionen Menschen aus allen Kontinenten hat man herausgefunden: Der Speckbauch verkürzt nicht, er vergrößert die Chancen auf ein längeres Leben. Erst Erwachsene mit einem Body-MassIndex deutlich über 30, also Fettsüchtige, haben ein höheres Sterberisiko. Das Normalgewicht ist also gar nicht unser Idealgewicht - medizinisch gesehen. Ein anthropologischer Kursrutsch. Die Hüftpolster sind in Wahrheit Glücksbringer.

Warum können wir dennoch sicher sein, dass diese Erkenntnis weder den Magermodells helfen noch den großen Trend zur Fettabsaugung brechen wird? Die Antwort liegt auf der Hand: Das Schönheitsideal kommt vor der Vernunft. Nichts scheint krisenfester als die Sehnsucht nach Schönheit, und wenig hat, obwohl es per se dabei nicht um Krankheit geht, so viele neue Triebe im Gesundheitssystem generiert. Nicht einmal Großskandale vermögen den Lifestyle-Trend zu stoppen: Ein Jahr nach dem Aufruhr um die PIP-Brustimplantate hat der Verbandspräsident der Schönheitschirurgen mitteilen lassen: „Wir bemerken bei der Brustvergrößerung keinen großen Nachfragerückgang.“ 15 000 bis 20 000 Kundinnen zählt das Gewerbe jedes Jahr.

Was nicht gefällt, wird als krank etikettiert

Dass die Menschen älter und vitaler werden, dass in Großstädten die Single-Existenzen boomen, verstärkt den Trend. Anti-Aging bringt immer neue Varianten der Optimierungsstrategien ins Spiel - allzu oft allerdings ohne solide Langzeiterfahrungen: Intimchirurgie floriert in experimentierfreudigen Kliniken, „Cosmeceuticals“, eine Art Chemie- und Zellpräparatemix in Faltencremes, gehen tonnenweise über den Ladentisch und schließlich als Krönung: kosmetische Genchirurgie, wie sie die kalifornische Bioethikerin Sara Goering als logische Fortsetzung der Schönheitschirurgie propagiert.

Was nicht gefällt, wird als krank etikettiert. So müssen wir erkennen, wie sich in unserer körperorientierten Gesellschaft die beiden Ideale Schönheit und Gesundheit auseinanderentwickeln, ja sogar brutal miteinander konkurrieren. Kein Zweifel, Schönheitsideale können gesunde Anreize setzen, Fitnessstudios sind Tempel der guten Vorsätze. Auch die psychische Entlastung bis hin zur Selbstmotivation ist nicht zu unterschätzen, wenn sich das von Dopaminausschüttungen im Gehirn vermittelte Hochgefühl einstellt. Aber wahr ist auch: Es werden immer mehr Risiken zugunsten der Ästhetik in Kauf genommen oder wenigstens, um aufzufallen. Die Erfahrung zeigt: Seelisch-körperliche Interessenkonflikte kommen immer stärker ins Spiel, je obsessiver das Schönheitsstreben vorangetrieben wird.

Gesunde Gene in einem schönen Körper

Dahinter stehen auch unterschiedliche Ziele. Das Gesundheitspostulat bringt vor allem einen persönlichen Mehrwert, während Schönheit als soziale Mitgift viel weiter reichende Verheißungen verspricht. Tatsächlich wäre das Schöne nichts ohne seine Bewunderer. Noch heute sammelt die biologische und ethnologische Grundlagenforschung Belege für die von Randy Thornhill in den neunziger Jahren forcierte These, wonach Schönheit, die sich in symmetrischen Körpermerkmalen manifestiert, als eine extrem starke evolutionäre Währung zu gelten hat. In einem schönen Körper wohnen gesunde Gene, so die Idee.

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Eine britisch-amerikanische Forschergruppe hat das zuletzt eindrucksvoll in Studien mit afrikanischen Jägergesellschaften und Primaten vorgeführt. Sehnsucht nach Schönheit ist als kulturübergreifendes Phänomen ausreichend empirisch belegt. Anders sieht es aus, wenn die Sehnsucht von der Obsession in eine veritable Verhaltenssucht umschlägt. Hier treffen sich Gesundheit und Schönheit wieder. Doch während zwanghaftes Verhalten, etwa die Sammelsucht der Messies, ruinöses Kaufverhalten oder pathologisches Stehlen, im Behandlungskatalog von Psychiatern erfasst werden und als therapiebedürftig gelten, werden Gesundheitsfanatismus und radikale Schönheitssucht selten medizinisch erkannt; es wird auch nicht präventiv interveniert. Warum eigentlich?

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 09.01.2013, 12:14 Uhr