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Schöne virtuelle Tagungswelt

 ·  Wie sinnvoll ist der wissenschaftliche Einsatz von Social Media? Eine Tagung am Deutschen Historischen Institut in Paris zu "Digital Humanities" blieb eine Antwort schuldig.

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Paris, im Juli

Jetzt twittern es also schon die Spezialisten aus den Fächern. Das Web 2.0 hat endlich das internationale Tagungswesen erreicht. Die meisten Zugriffe auf den Link "Digital Humanities" seien über Twitter erfolgt, sagen die Veranstalter einer gleichnamigen Tagung am Deutschen Historischen Institut in Paris (DHIP). Gleich an zweiter Stelle rangiert die Plattform hypotheses.org, ein in Frankreich betriebenes Netzwerk, das erfolgreich Blogs aus dem Umfeld der Geisteswissenschaften bündelt. In Deutschland gibt es keine vergleichbare Plattform - sieht man einmal ab von H-Soz-u-Kult, einer vor fünfzehn Jahren als Mailingliste angetretenen Saurier-Website für den Bereich "Humanities - Sozial und Kulturgeschichte".

Doch gibt es inzwischen mindestens genauso viele kleinere digitale Orchideenprojekte wie Fachbereiche, Graduiertenkollegs und Forschungsverbände. Nicht immer mag ihr Nutzen auf der Hand liegen, etwa wenn Website-Betreiber auf komplexe Kommentierungs- und Kategorisierungsfunktionen setzen, die am Ende nicht genutzt werden. So geschehen bei dem Versuch einiger deutscher Bibliotheken, ihre Kataloge zu Mitmachplattformen auszubauen, also die Nutzer in den Archivierungsprozess einzubinden. Woran aber mag es liegen, dass die Partizipation, erstmals ermöglicht durch das Web 2.0, auf so wenig Gegenliebe der nun mündigen Katalog-Benutzer gestoßen ist?

Diese Frage beschäftigte Patrick Danowski (Klosterneuburg). Er gehört zur selbsternannten Cyber-Avantgarde des deutschen Bibliothekswesens. Selbstkritisch teilte er in Paris nun mit, der Optimismus der frühen Jahre sei einem vorsichtigen Skeptizismus gewichen. Dass es dennoch möglich sei, Menschen zum Dienst am "common knowledge" zu bewegen, zeige der Fall LibraryThing. Der Online-Dienst ist eine Art Programm zur Verwaltung von privaten Bibliotheken. Buchbesitzer können ihre Sammlung in das System einpflegen und mit Hinweisen oder Tags versehen und anderen diese Informationen zur Verfügung stellen. Während die Aufgabe traditioneller Bibliotheken bisher darin bestand, Bücher zur Lektüre bereitzuhalten, wird bei LibraryThing mit wachsendem Erfolg über Bücher gesprochen. So gibt es ganze komparatistische Zweige, die sich mit historischen Orten in der europäischen Romanliteratur beschäftigen oder Detailwissen zu Harry-Potter-Figuren auswalzen. Beides stellt möglicherweise eine Bereicherung der öffentlichen Meinung dar. Mit noch größerer Wahrscheinlichkeit lässt sich aber mit diesen, wie es im Fachjargon heißt, "nutzergenerierten Metadaten" eine Neigung zum sektiererischen Spezialistentum ausmachen. Was mit der Umdefinierung eines "Lesers" in einen "Nutzer" für das wissenschaftliche Arbeiten mit Büchern gewonnen ist, blieb auf dieser über weite Strecken seltsam positivistisch argumentierenden Tagung letztlich unklar.

"Ich bemerke bei meinen Studenten eine ungute Vielwisserei", kritisierte nur Marko Demantowsky (Bochum) den unübersehbaren Trend zur wissenschaftlichen Dienstleistung. Der Geschichtsdidaktiker sprach von den dreißig Büchern, die er während seines eigenen Studiums gelesen und am Ende auch weitgehend verstanden habe. Dem stellte er die Kultur des Wissenhäppchens gegenüber, wie sie virtuelle Buffets vom Schlage Wikipedia bieten oder von Get Abstract, dem weltweit größten Dienst für Buch-Zusammenfassungen. Vom fehlenden hermeneutischen Schweiß sowie dem Niedergang der deutschen Gelehrtenkultur war die Rede, die anders als in Frankreich noch heute das Selbstverständnis des hiesigen Universitätsprofessors prägt.

Während man im Nachbarland seit je auf nationale Strukturen (CNRS) oder elitäre Wissenschaftszirkel (Grandes Écoles) zurückgreift und dies letztlich dem digitalen Vernetzungsgedanken zugutekommt, herrscht im deutschen Lehrstuhlsystem nach wie vor intellektuelle Kleinstaaterei. Dies fördert nicht unbedingt die virtuelle Spitzenforschung, die sich idealiter auf Open Access beruft und ganz altruistisch auf digitalen Plattformen vorläufige Forschungsergebnisse ausbreitet.

Um dort nicht nur die akademische Ausschussware zu verhandeln, forderte Mareike König (Paris) die Anerkennung von Netzaktivitäten sowohl im Berufungsverfahren als auch für den Studenten. Ob man es unter dieser Prämisse bald mit einer Generation von cleveren Cyber-Entrepreneuren zu tun bekommen wird, die das Netz in erster Linie für ihre virtuelle Selbstdarstellung nutzen, oder ob es tatsächlich bald eine wissenschaftlich kooperierende Geistes-crowd geben wird, ist noch nicht ausgemacht. Vermutlich wird beides irgendwie eintreffen.

Wenn man sich etwa das erst vor einem halben Jahr aktivierte Rezensionsportal Recensio ansieht, ein hauseigenes Projekt des DHIP in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landesbibliothek und dem Institut für Europäische Geschichte in Mainz, bekommt man einen guten Eindruck vom Nutzen, den das Web 2.0 für die Forschung durchaus haben kann. Von einer "lebendigen Rezension" war in Paris die Rede - von einer umtriebigen Leserschaft weiterentwickelt, verlinkt oder

in andere Sprachen übersetzt. Patrick Peccatte zeigte auf französischer Seite, wie beim Fotodienst Flickr neues Geschichtswissen generiert wird, etwa durch die Kontextualisierung von Amateurfotografien zum D-Day. Ein anderes Zukunftsthema ist die sogenannte "Data Driven History", bei der es um die mögliche Erschließung bisher ungekannter digitaler Datenmengen für die historische Forschung geht.

Weniger überzeugend wirken dagegen die oft hilflosen, auf einem grundlegenden Missverständnis beruhenden pädagogischen Mittel, mit denen die Generation Twitter auf E-Learning-Plattformen an virtuelle Arbeitswelten herangeführt werden soll. Der angebliche Kampf zwischen den "digital natives" und den "digital immigrants" (die Legende will, dass sie sich aufgrund anderer Mediensozialisation nicht mehr verstehen) wurde auch in Paris kurz aufgerufen. Schnell jedoch war man sich einig, dass es sich um einen konstruierten Konflikt handelt. Weder ist "die Jugend von heute" samt und sonders informatisch hochbegabt, noch wird mit digitalen Kommunikationsstandards das Lernen mit Büchern oder die engagierte Diskussion im Seminar obsolet. Historische Erkenntnis, so konnte man den Didaktiker Marko Demantowsky verstehen, ist auch im digitalen Zeitalter keine Frage von Nullen und Einsen. Der Bologna-Prozess legt aber genau das nah. E-Learning, so das Kalkül, spart Lehrkräfte. "Aber", fragte Demantowsky, "sollen wir das wollen?"

Was sind nun, nimmt man diese Frage ernst, die zentralen Erkenntnisse einer Tagung über den wissenschaftlichen Einsatz von Social Media? Zumal sie, das steht zu befürchten, unter den fördernden Fittichen der Deutschen Forschungsgemeinschaft bald zahlreiche Nachfolger auch in Deutschland finden wird. Klaus Graf (Aachen) sprach sich im digitalen Zeitalter für eine neue "Kultur des Fragments" aus. Die mache eine "Kultur des Teilens" nötig, ergänzte André Gunthert (Paris) und sei deshalb, schloss Mareike König, nicht ohne eine neue "Kultur der Anerkennung" zu haben.

Ist das die neue Kultur des Metadiskurses? In Paris war er, zwischen Projektbeschreibungen ohne Zahl, nicht zu haben. Dafür wurde getwittert, was das Zeug hielt. Ein gewisser peha64, hinter dem sich der Historiker Peter Haber verbarg, schrieb: "So viel Stagnation wie an diesem Kolloquium war schon lange nicht mehr, eine richtige Zeitreise. Generationenproblem?" Angeblich gab es dazu Retweets aus den Vereinigten Staaten.

KATHARINA TEUTSCH

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