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Gruselqualmen ab Mitte 2016 : Schockfotos für Raucher funktionieren

In Spanien schon eingeführt: Gruselfotos auf Glimmstengeln. Bild: dpa

Ein Gericht nannte es die Tyrannei der Raucher, Europas Gesetzgeber ließen sich nicht abschrecken. Im Mai kommen Schockbilder auf Zigarettenschachteln. Eine Studie zeigt: Psychologisch funktionieren sie jedenfalls.

          Auch das wird höchstwahrscheinlich noch kommen in der ersten Jahreshälfte 2016: Schockbilder auf Zigarettenschachteln. Schlimme Raucherbeine, vom Krebs zerfressene Lungen, schwarze Zahnstummel. Von Mai an müssen alle neu hergestellten Zigarettenschachteln zu zwei Dritteln auf Vorder- und Rückseite mit Warnhinweisen und gruseligen Fotos.bestückt sein. Das besagt das neue europäische Tabakrecht. Zwar hat es Einsprüche beim Europäischen Gerichtshofes (EuGH) gegeben, doch eine Gutachterin äußerte sich kürzlich in Luxemburg zu einer Reihe von Einwänden und kam zu dem Schluss, dass die Regeln eindeutig rechtmäßig seien. Das höchste Gericht der Europäischen Union wird sein endgültiges Urteil wohl schon in Kürze fällen. Wie sicher kann man abseits des juristischen Geplänkels allerdings sein, dass die konfrontative Aufklärungsstrategie wirklich funktioniert, dass die Horrorhinweise vor allem die Kettenraucher ernsthaft zum Nachdenken über ihr riskantes Verhalten bringt, geschweige denn dass sie sich das Qualmen wirklich abgewöhnen wollen?

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In 77 Ländern sind die Schockbilder mittlerweile eingeführt worden, doch empirische Erkenntnisse über die tatsächliche Wirkung der Schockbilder gibt es erstaunlich wenig - viel weniger jedenfalls als Meinungen zum Gruselqualmen. Eine drastische Interpretation lieferte ein amerikanisches Berufungsgericht, nachdem gegen die gesetzesmäßige Einführung der Schockfotos im Jahr 2009 geklagt wurde. Die von der Arzneizulassungsbehörde vorgeschriebenen Gruselbilder auf den Zigarettenschachteln seien nicht verfassungskonform, hieß es schließlich in dem Urteil, das die Fotoaufdrucke einkassierte, weil „die Schockbilder geeignet sind, die Konsumenten zu tyrannisieren.“

          Die drei in der amerikanischen Studie verwendeten Aufklärungsvarianten.
          Die drei in der amerikanischen Studie verwendeten Aufklärungsvarianten. : Bild: Ohio State University

          Vor zwei Jahren beschloss das Europäische Parlament trotzdem auf Anregung und trotz der jahrelangen heftiger Debatten in Brüssel und in europäischen Hauptstädten, die Schockfotos ebenso wie deutlich sichtbarere Hinweise auf die Gefahren des Rauchens zur Pflicht zu machen. In diesem Jahr nun endet die Frist der Länder, die neue Richtlinie in nationales Recht umszusetzen. das deutsche Gesetz war Ende vergangenes Jahr durch die Instanzen gegangen.

          In einer Vergleichsstudie, einer Art erster echter Praxistest, haben nun amerikanische Forscher außerhalb von Versuchslabors herauszufinden versucht, was die Schockbilder in den Köpfen der Raucher auslösen. 244 erwachsene und häufige Raucher, die täglich zwischen fünf und vierzig Zigaretten qualmen, wurden in drei Gruppen über einen Monat gestestet. Voraussetzung an der Teilnahme war zudem, dass sie zum Zeitpunkt des Versuchs keineswegs vor hatten, das Rauchen aufzuhören. Die einen erhielten jede Woche ihre jeweilige Marke, auf denen die üblichen Hinweise aufgedruckt sind: „Rauchen macht süchtig“ oder „Rauchen tötet“. Eine zweite Gruppe wurde zusätzlich zu solchen knappen, aber eindeutigen Warnhinweisen mit den Schockfotos konfrontiert. Die dritte Gruppe schließlich wurde zustäzlich neben dem Foto mit ausfühlichen Erläuterungen zur Gefährlichkeit des Tabakkonsums informiert.

          Wie die Forschergruppe um Abigail Evans in der Online-Zeitschrift „PlosOne“ berichtet, war ein psychologischer Effekt nach vier Wochen statistisch nachweisbar: Die Schockfotos mit den drastischen Kurzhinweisen funktionieren offenbar tatsächlich und brachten viele der Gewohnheitsraucher zum Nachdenken. Jede Woche wurden die Probanden mit teils subtilen Fragen zur Wirkung der Illustrationen abgefragt. Wie sich zeigte, war das Schaudern über die Gruselmotive nicht nur kurzzeitig im Gedächtnis, wie das bei den üblichen Hinweisen festgestellt wurde, die „Fotos rufen deutlich emotionalere, bleibende  Reaktionen hervor“, schreiben die Psychologen, und zwar klar negative. Die Glaubwürdigkeit der Warnhinweise hat nach Überzeugung der Wissenschaftler durch die fotographische Untermauerung eindeutig gewonnen. Zusätzliche, hoch elaborierte Informationen auf der Schachtel hingegen, wie sie die dritte Gruppe erhalten hat, schmälerten die Glaubwürdigkeit der Warnung offenbar eher wieder als dass sie sie nützten. Fazit der Forscher: Emotionen wecken die Horroraufdrucke tatsächlich, tyrannisiert fühle sich  allerdings kein Raucher: „Dass dem Gesetzgeber vorgeworfen wird zu emotionalisieren, ist absurd. Mit dem Rauchen aufhören ohne Emotionen geht nicht.“

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