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Schlafende Honigbienen : Spätes Glück im Arbeiter- und Schläferstaat

Power-Napping: Die schlaffen Antennen verraten das Pausennickerchen der Arbeiterin. Bild: Helga R. Heilmann

Auch ein Bienenvolk braucht mal Ruhe. Würzburger Forscher haben das wohlorganisierte Schlafverhalten im Stock enthüllt. Nicht alles, was die Wärmebildkameras zeigen, klingt jedoch nach Erholung. Die Jungbienen jedenfalls sind zu bedauern.

          Honigbienen sind bestens organisiert, das ist allgemein bekannt.  In ihrem Sozialstaat hat jeder seine Rolle, alles hat seinen Platz und seine Funktion. Und das gilt offenbar nicht nur in der aktiven Phase ihres Lebens, sondern buchstäblich auch im Schlaf. Jede Kaste im Arbeiterstaat der fleißigen Bienen hat einen ganz bestimmten Schlafplatz  mit einem eigenen Schlafmuster. Das haben jetzt vier Würzburger Bienenforscher zum ersten Mal mit einer speziellen Wärmebildkamera dokumentiert.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dass Bienen überhaupt schlafen, so ähnlich wie es Säugetiere und Vögel tun, ist  noch gar nicht so lange bekannt. Obwohl einer der Gründerväter der deutschen Bienenforschung, Martin Lindauer, nach seinen Dauerbeobachtungen schon 1952 von den in der Nacht „müßigen“ Bienen schrieb, dauerte es noch lange, bis der Schlaf bei Insekten tatsächlich nachgewiesen wurde. Der Darmstädter Zoologe Walter Kaiser hatte bei Bienen ebenso wie die Schweizerin Irene Tobler bei Kakerlaken die passiven Nachtphasen zum ersten Mal eindeutig belegt. Insbesondere die Veröffentlichung von Kaiser in „Nature“ hat die Würzburger Bienengruppe um Jürgen Tautz motiviert, mit ihren eigenen Verfahren dem Schlaf im Bienenstock auf den Grund zu gehen. Zumal man in Würzburg seit einigen Jahren ein Wärmebildverfahren entwickelt und nahezu perfektioniert hat, das es möglich macht, einzelne Honigbienen zu markieren, bei Tag und auch bei völliger Finsternis im Stock rund um die Uhr zu verfolgen. Mit unterschiedlichen Sensoren wird das Leben und Schlafen in den Würzburger Bienenstöcken rund um die Uhr überwacht und teilweise sogar online im Internet gezeigt.

          Im Wärmebild festgehalten: die neu entdeckte Schlafhaltung der Bienen im Stock.
          Im Wärmebild festgehalten: die neu entdeckte Schlafhaltung der Bienen im Stock. : Bild: HOBOS-Team


          In zwei Untersuchungsreihen mit jeweils 49 markierten, frisch geschlüpften Tieren  ist es den Bienenforschern um Tautz tatsächlich gelungen, ein neues Bild vom Staat der Arbeiter und Schläfer zu zeichnen. Wochenlang haben Barrett Klein, Martin Stiegler und Arno Klein, die drei Mitarbeiter von Tautz  im Würzburger Biozentrum, die Tiere in ihren Entwicklungsphasen verfolgt. Ihre Beobachtungen haben sie jetzt in der Zeitschrift „PlosOne“ veröffentlicht.

          Eine Biene wechselt im Laufe vielfach ihre Tätigkeit, bis zu zwölf verschiedene Arbeiterkasten werden unterschieden. In den ersten Tagen verrichten die jungen Bienen ausschließlich Arbeiten im Innendienst.  Sie reinigen die Brut und müssen sich um die Brut im Inneren des Stocks kümmern. In dieser Zeit schlafen die Arbeiterbienen fast ausschließlich in leeren Wabenzellen direkt neben der Brut. Es ist ein aufreibender „Job“ und ein unruhiger Schlaf. Bei Tag und auch in der Nacht ziehen sich die Insekten immer wieder für kurze Schlafphasen in die leeren Waben zurück. Wenn sie vom Innendienst in den Außendienst wechseln, verschieben sich die Schlafmuster und auch die Ruheorte. Grundsätzlich gilt: Je älter die Bienen werden, desto weniger Zeit verbringen sie mit schlafen.

          Sammlerinnen haben den besseren Schlaf

          Nicht nur in dieser Hinsicht gibt es Ähnlichkeiten zum Schlaf beim Menschen. Wie bei uns, so hat man in früheren Experimenten festgestellt, sorgt Schlafentzug auch bei Honigbienen dafür, dass ihre Fähigkeit zu lernen und miteinander zu kommunizieren, gedämpft bis stark eingeschränkt ist. Ob der Schlaf  tatsächlich auch zur Festsetzung von Gedächtnisinhalten dient, wie man das beim Menschen schon halbwegs nachweisen konnte, ist freilich noch alles andere als belegt. Sicher ist nur: Auch Bienen haben Phasen mit leichtem Schlaf und auch Tiefschlafzeiten. Wenn sie bewegungslos werden und in den Schlaf fallen, wird das vor allem an den Antennen sichtbar, die entspannt niedersinken. 

          Bild: dpa

          Werden also die jungen Bienen erwachsener und zu Nektar- und Pollensammlerinnen, wenn sie für die Futterbeschaffung ganz allgemein sorgen und deshalb viel zwischen Nest und Futterquellen pendeln, verändert sich das Schlafverhalten grundsätzlich. Mit jeder neuen Arbeiterkaste, die sie einnehmen, verlegt sich das Schlafen weg vom Brutraum an den Rand des Stocks. Jetzt wird tatsächlich auch vor allem in der Nacht geschlafen. Und zwar nicht mehr im Zentrum des Stocks oder in leeren Zellen, sondern am Rand der Waben. Auch das ist erholungstechnisch  sehr sinnvoll. „In der Nacht sind sie dort weitgehend ungestört“, so Tautz. Die Sammlerinnen haben offenbar  auch tatsächlich den besseren Schlaf. Sie schlafen tiefer und länger,  ihre Leiber kühlen sich während des Tiefschlafes auch deutlich stärker ab, je stärker sie im Außendienst mit einem klaren Tag-Nacht-Rhythmus beschäftigt sind. Die jungen dauerbeschäftigen Brutpflegerinnen und Wabenreinigerinnen hingegen können in ihrem kurzen Schlafrhythmus neben den ohnehin aufgeheizten Brutwaben kaum zur inneren Ruhe kommen.  Schon aus diesem Grund, ist es für die jungen Bienen ratsam, sich in die leeren Waben zu flüchten. Wirklich behaglich wird der Schlaf allerdings erst, das haben die Würzburger Forschungsarbeiten deutlich gemacht, wenn die Bienen älter werden und in der Kastenfolge aufsteigen.


          Mit ihren thermographischen Aufzeichnungen haben die Würzburger Forscher nicht nur einen ersten intimeren Blick in die Schlafstuben der Honigbienen ermöglicht und damit quasi zum ersten Mal eine Art Kartierung der Schlaforganisation in einem Insektenstaat vorgenommen. Sie haben mit ihren Aufnahmen mit der Wärmebildkamera  auch eine besondere Schlafposition entdeckt. In der sinken die Tiere nicht in sich zusammen, sondern sie klemmen sich mit Kopf  und Hinterleib zwischen zwei Waben und lassen die Füße ebenso wie die Antennen regelrecht baumeln. In dieser entspannten Schlafhaltung können sie bis zu einer halben Stunde regungslos verharren. An dieser Stelle trennen sich nun unvermeidlich die Schlafkulturen von Mensch und Insekt.  Hängematte und Matratze jedenfalls gehören zu den Errungenschaften des Menschen, die Schlafdauer und –komfort gewiss nachhaltig beeinflusst haben dürften.

          Quelle: FAZ.net

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