Home
http://www.faz.net/-gwz-72vus
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Schilddrüse Die Schaltzentrale im Hals

Die Schilddrüse ist nur so groß wie eine Walnuss. Doch wenn ihre Hormonproduktion nicht funktioniert, kann der ganze Körper durcheinander kommen. Oft werden Schilddrüsenerkrankungen erst spät entdeckt.

© plainpicture/STOCK4B-RF Viele Schilddrüsenerkrankungen beginnen schleichend.

Erst merkten es die Kollegen, dann wurde es Barbara Schulte selbst bewusst: Langweilig und träge sei sie geworden, sagt sie, vergesslich und unkonzentriert. Quälend langsam schleppte sich die 43-Jährige durch den Tag. Nach Feierabend war sie erschöpft und ging schlafen. Als endlich klarwurde, dass hinter ihrer Antriebslosigkeit eine Erkrankung der Schilddrüse vom Typ Hashimoto-Thyreoiditis steckt, hatte Barbara Schulte schon zahlreiche Arztbesuche hinter sich gebracht.

Das ist durchaus typisch: Das Leiden, das zum ersten Mal 1912 von dem japanischen Arzt Hakaru Hashimoto beschrieben wurde und in mehreren Verlaufsformen vorkommt, tritt zwar familiär gehäuft auf - es bleibt aber auch in vielen Fällen lange unentdeckt.

Das ist deshalb problematisch, weil bei der Krankheit, die am häufigsten bei Frauen mittleren Alters beobachtet wird, eine Reaktion des Immunsystems zur allmählichen Zerstörung der Schilddrüsenzellen führt. Im Anfangsstadium kann es dabei sogar zu einer Überfunktion kommen, langfristig aber ist eine Unterfunktion die Folge.

Die Symptome sind vielfältig

Das Organ produziert dann zu wenig Hormone. Übergewicht, Müdigkeit und Erschöpfung, Haarausfall, Veränderungen der Haut, Ausbleiben der Menstruation oder grundlose Traurigkeit sind nur einige der individuell sehr unterschiedlichen Symptome.

Die Hauptaufgabe der schmetterlingsförmigen Schilddrüse (siehe Grafik) besteht in der Speicherung von Jod und - mit dessen Hilfe - der Produktion der Hormone Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3). Beide treten in den Blutkreislauf ein und gelangen mit Hilfe von Transportmolekülen in die Zellen. Dort werden sie für verschiedene Prozesse benötigt: Sie regulieren den Sauerstoffverbrauch und den Energiestoffwechsel, sie sorgen dafür, dass das zentrale Nervensystem, die Reflexe und die Muskulatur richtig funktionieren, sie stimulieren das Herz und wirken sich letztlich auch auf die Psyche aus.

Infografik / Die Lage der Schilddrüse © F.A.Z. Vergrößern Unter dem größten Knorpel des Kehlkopfes, dem Schildknorpel, sitzt die Schilddrüse. Ihre beiden Lappen sind durch den Isthmus verbunden.

Weil die Hormone aber in derartig vielen Bereichen wirken, ist das Krankheitsbild bei der Schilddrüsenunterfunktion auch so diffus. „Es gibt wenig spezifische Symptome“, sagt Roland Gärtner, Endokrinologe an der Universitätsklinik München. Und es gibt bei weitem nicht nur eine einzige Krankheit, die zu einer Fehlfunktion der Schilddrüse führt (siehe „Ein anfälliges Organ“).

Bei einer Hashimoto-Thyreoiditis dringen bestimmte Zellen des Immunsystems, die Lymphozyten, in die Schilddrüse ein. „Man kann sich das bildlich so vorstellen, dass das Organ vom Immunsystem als etwas Fremdes erkannt wird“, sagt Roland Gärtner. Die Lymphozyten sorgen dann dafür, dass Antikörper gegen bestimmte Proteine gebildet werden, die bei der Hormonbildung helfen. Die Rolle dieser Antikörper im Krankheitsverlauf ist kompliziert.

Hashimoto muss früh erkannt werden

Bei vielen diagnostizierten Hashimoto-Fällen sind sie zwar nachweisbar. Umgekehrt leiden aber nicht alle, die diese Antikörper aufweisen, auch an der Krankheit. Trotzdem gilt es als wahrscheinlich, dass die Antikörper die Entzündung der Schilddrüse verstärken. Ein zweites Problem für Hashimoto-Patienten ist, dass es bei ihnen zur Ausschüttung von Zytokinen kommt. Diese Botenstoffe können dazu führen, dass die Schilddrüsenzellen buchstäblich Selbstmord begehen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Untersuchung Tod von Eisbär Knut ist aufgeklärt

Nach vier Jahren haben Forscher herausgefunden, woran der Berliner Eisbär Knut starb. Er litt an einer seltenen Krankheit, die auch den Menschen befallen kann. Mehr

27.08.2015, 16:25 Uhr | Gesellschaft
Peru Ärzte locken Wurm mit Basilikum aus Patienten-Auge

Mit einer ungewöhnlichen Methode haben Ärzte ihren Patienten von einem Parasiten befreit. Mehr

05.06.2015, 14:43 Uhr | Gesellschaft
Gesundheitssystem Macht der Krebs uns arm?

Manches Krebsmedikament ist in Gramm gerechnet 4000 mal so teuer wie Gold. Die Krebsmedizin erzielt Fortschritte, von denen Ärzte und Patienten lange träumten. Doch jetzt gibt es ein neues Problem: Die Therapien sind teuer - teilweise viel zu teuer. Mehr Von Sebastian Balzter

23.08.2015, 10:42 Uhr | Wirtschaft
Finanzkrise Eine Frage von Leben und Tod

In vielen griechischen Krankenhäusern spitzt sich die Lage wegen der Schuldenkrise zu. Medikamente werden knapp, der Druck auf das Budget der Kliniken wächst weiter. Schwer kranke Patienten fürchten, sie werden nicht mehr ausreichend medizinisch versorgt. Mehr

09.07.2015, 15:25 Uhr | Politik
Paul Ehrlich Auf der Suche nach den Zauberkugeln

Vor 100 Jahren starb Paul Ehrlich. In Frankfurt hatte der Medizin-Nobelpreisträger Therapien und Theorien entwickelt, an denen bis heute intensiv weitergeforscht wird. Mehr

19.08.2015, 16:15 Uhr | Rhein-Main

Veröffentlicht: 18.09.2012, 09:30 Uhr