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Russland Mehr Prüfungen, mehr Korruption

01.12.2009 ·  Warum Studenten in Moskau nicht protestieren? Der Bologna-Prozess stutzt in Russland ein verschultes Ausbildungssystem zurück, noch bevor sich ein liberales Studium überhaupt entwickeln konnte.

Von Kerstin Holm
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Der Bologna-Prozess stutzt in Russland ein verschultes Ausbildungssystem zurück, noch bevor sich ein liberales Studium überhaupt entwickeln konnte. Das ist einer der Gründe dafür, warum die Studenten hier nicht gegen die Reform protestieren, die nach und nach an den Hochschulen durchgesetzt wird. Arbeiter und Rentner engagierten sich viel stärker für ihre Rechte als Hochschüler, erklärt selbstkritisch einer von ihnen, Artjom Saizew, der im zweiten Jahr an der Moskauer Staatsuniversität Philosophie studiert. Selbst die Studentenorganisationen betreiben vor allem die Karriereinteressen ihrer Mitglieder, verrät er.

An der Moskauer Universität sind freilich erst die in diesem Jahr Neuimmatrikulierten von der Neuregelung betroffen, die das Hauptstudium von bisher fünf auf drei Jahre komprimiert. Der Absolvent hat dann nicht den Titel eines „Kandidaten“ der Wissenschaft, sondern den Bachelor, der, so Saizew, eigentlich nichts wert ist. Statt der Aspirantenausbildung, die etwa dem Doktorandenstatus entspricht, wird danach der Magisterlehrgang angeboten, der obendrein kostenpflichtig sein soll. Dadurch leide nicht nur die Qualität, es mehren sich auch die Prüfungsschleusen und damit die Möglichkeiten für Korruption, sagt Saizew.

Eine Niederlage der Kultur

Sein Kommilitone Dmitri Panormow, der dem studentischen Rat vorsitzt, prophezeit sogar, die gut gemeinte Reform werde scheitern und eines Tages rückgängig gemacht werden müssen. Freilich meldet die Russische Geisteswissenschaftliche Universität, dass dank Bologna neuerdings Studenten zum Postgraduiertenprogramm aus anderen Städten, etwa Petersburg oder Kaliningrad, kommen. Traditionell blieb man in Russland seiner Alma Mater treu. Allerdings ist ein Wechsel nach Moskau, mit seinen astronomischen Wohnungspreisen, nur dann praktisch machbar, wenn die Universität dem Gast auch einen Platz im Studentenwohnheim anbieten kann. Der Moskauer Philosophie-Doktorand Jegor Michailow findet unterdessen, eigentlich töte Bologna die ganze Universitätsidee. Denn gerade geisteswissenschaftliche Studiengänge wie Philosophie oder Klassische Philologie sollten ja, so Michailow, auch die Persönlichkeit formen und entwickeln. Das aber werde durch die künftig obligatorische frühe Spezialisierung unmöglich gemacht.

Die Studierenden und die Wissenschaftler haben sich einhellig gegen die Reform ausgesprochen, die in Politikerkabinetten ausgebrütet wurde, ohne dass die Betroffenen zu Rate gezogen wurden. Bologna sei möglicherweise ein Sieg für die Wirtschaft, meint der angehende Gelehrte. Doch es sei entschieden eine Niederlage der Kultur.

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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