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Gastbeitrag : Die Klima-Revolution beginnt hier

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Zum größten Klimamarsch in New York am 21. September 2014 kamen mehr als 300.000 Demonstranten. Bild: AFP

Eine Bilanz und eine Ankündigung: Der Organisator der größten Öko-Kundegebung aller Zeiten, Ricken Patel, will nochmal Hunderttausende auf die Straße bringen: genau einen Tag vor dem Pariser Klimagipfel.

          Eine Welt zu erschaffen, die von sauberer Energie angetrieben wird und uns vor der Klimakatastrophe rettet, ist die zentrale Herausforderung unserer Zeit. Dafür brauchen wir einen revolutionären Wandel unserer Wirtschaft. Wir können bei der Lösung des Problems nicht auf unsere Staats- und Regierungschefs warten. Nur wenn sie starken öffentlichen Druck spüren, werden sie schnell genug und weit genug gehen. Revolutionen beginnen mit Menschen, nicht mit Politikern. Um das 21. Jahrhundert zu überleben, müssen wir uns auf ein gemeinsames Ziel besinnen, weil das in unserer Geschichte immer wieder große Transformationen ermöglicht hat. Wir müssen eine Massenbewegung aufbauen, die radikal verändert, was unsere Politiker für möglich und machbar halten. Wir folgen nicht, wir müssen voran gehen und die Entscheidungsträger mitziehen.

          Ricken Patel
          Ricken Patel : Bild: Avaaz

          In den Jahren vor 2014 ist die Lücke zwischen dem, was die Wissenschaft fordert und was unsere Politiker geliefert haben, immer größer geworden. Fatalismus machte sich selbst in Teilen der Klimabewegung breit. Und dann wettete eine Handvoll von Organisatoren auf die Macht der Menschen und rief zur größten Klimademonstration in der Geschichte auf, um der Politik den Weg zu weisen.

          Und wow, hat das funktioniert! Der „People’s Climate March“ im September letzten Jahres war ohne Zweifel ein Wendepunkt. Fast 700.000 von uns gingen rund um die Welt auf die Straße – bei weitem die bisher größte Klimamobilisierung, die es je gegeben hat. Die Demonstrationen waren hoffnungsvoll, positiv, und schlossen alle Menschen mit ein. Weltweit wurde dabei nicht eine einzige Person verhaftet. Tausende Organisationen, von Umweltaktivisten über Kirchen bis zu Gewerkschaften kamen zusammen und zeigten: Klimawandel ist kein „grünes“ Anliegen mehr, sondern geht alle an.

          Die Wirkung auf Politiker war spürbar. Dutzende hoher Minister liefen selbst mit, auch der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon war dabei. Als sie das Getöse der Menge hörten, konnte ich in ihren Gesichtern sehen, wie sie merkten, gerade Zeuge von Geschichte zu werden. Beim UN-Gipfel am nächsten Tag bezog sich ein hochrangiger Politiker nach dem anderen auf den „People’s Climate March“ und die eigene Absicht, beim Klimaschutz ehrgeiziger zu sein.

          In den folgenden Monaten sagten uns viele Experten, dass Europa auf keinen Fall ein Klimaziel von „mindestens 40 Prozent“ weniger Emissionen bis 2030 verabschieden würde. Aber unter dem Druck ständiger Kampagnen und unter der Führung einiger jener Minister, die beim People’s Climate March dabei waren, handelte Europa dann doch. Als Nächstes verkündeten die USA und China überraschend starke Emissionsziele. China vereinbarte sogar, dass seine Emissionen schon ab 2030 sinken sollen – ein riesiger Schritt. Doch die Bewegung ist nicht zu stoppen: Divestment-Aktivisten prangern die fossile Industrie an, Weltkonzerne steigen auf erneuerbare Energie um und der Papst bringt seine große moralische Glaubwürdigkeit in die Diskussion ein. Die Klimabewegung treibt tausende neue Blüten, wachsender ziviler Ungehorsam erhöht die moralische Dringlichkeit der Klimafrage.

          Viel Prominenz in New York: Neben Leonardo di Caprio zogen auch Schauspielerin Emma Thomson und Tochter Gaia durch die Straßen.
          Viel Prominenz in New York: Neben Leonardo di Caprio zogen auch Schauspielerin Emma Thomson und Tochter Gaia durch die Straßen. : Bild: Reuters

          Der Pariser UN-Klimagipfel im Dezember diesen Jahres ist der größte weltweite Klimagipfel dieses Jahrzehnts. Was auf nationaler und globaler Ebene passiert, ist untrennbar miteinander verbunden– entweder ziehen sich beide Arenen gegenseitig mit Ehrgeiz nach oben oder sie stürzen ab. Wir müssen Paris zu einem Moment machen, den wir ergreifen und bei dem wir eine weltweite Bewegung zu konkreten Erfolgen führen. Ein wirkungsvoller Weg, um genau das zu tun, ist, wenn die Welt sich zum ersten Mal auf das Ziel einigt, eine dekarbonisierte Weltwirtschaft mit erneuerbarer Energie anzutreiben. Das würde sofort ein unmissverständliches Signal an Investoren schicken und die weltweite Energiewende beschleunigen, die längst im Gang ist.

          Die Hoffnung wächst, das Momentum ist auf unserer Seite – aber wir waren schon einmal hier. Vom Erdgipfel 1992 in Rio bis zum Kyoto-Protokoll 1997 ging die Welt voran, nur um dann wieder von der giftigen Politik der fossilen Lobby mit ihren verfälschten Studien und gut bezahlten Klimaleugnern zurückgestoßen zu werden. Bei jedem Rückschlag vergrößert sich die Kluft zwischen dem, was wir tun und dem, was für unser Überleben notwendig ist. Wir brauchen eine Bewegung, die dauerhaft ist, die dafür gemacht ist, Erfolge zu erringen – und über Jahrzehnte gewinnen kann.

          Deswegen werden am 29. November – am Tag bevor die Staatschefs der Welt in Paris ankommen – die Menschen wieder für den „Global Climate March“ auf die Straße gehen. Wir wollen dem Rekord aus dem letzten Jahr für die größte Klimamobilisierung noch einen oben drauf setzen. Rund um den Globus werden wir in tausenden Städten zusammen kommen: Für unsere Gemeinden, für die, die heute schon unter dem Klimawandel leiden, für die Zukunft unserer Kinder und Enkel, und für eine sicherere Welt mit erneuerbarer Energie. Wir werden Politikern zeigen, dass die Klimabewegung nicht einfach wieder verschwindet sondern weiter wächst. Wir werden andere inspirieren, sich dieser „Open source“-Bewegung anzuschließen. Es gibt keine Türsteher, man braucht keine Erlaubnis dafür – jeder ist eingeladen. Nicht nur mitzumachen, sondern selbst zu organisieren und voran zu gehen. Denn um mit der Klima-Revolution alles zu verändern, braucht es uns alle.

          Zum Autor

          Ricken Patel ist Kanadier, Jahrgang 1977. Er studierte Ökonomie, Politik und Philosophie in Oxford und Harvard. Er ist Gründungspräsident und Direktor von Avaaz, der weltgrößten Bürgerbewegung mit 42 Millionen Mitgliedern online.

          Quelle: FAZ.net

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