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Regionale Identitäten : Der Schwabe in uns

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Das Alpengebirge als natürliche Grenze: Doch welchen Einfluss haben Staatsgrenzen auf regionale Kulturen? Bild: dpa

Auch wenn es der Bayer nicht einsehen will: Der Württemberger ist ihm näher als der Tiroler. Und was hat der Ost- vom Nordfriesen? Was die Forschung über die besten „Paarungen“ und den Verlust kultureller Eigenarten weiß.

          Wer von Kulturen spricht, meint damit in Sozialisationsprozessen erworbene Überzeugungen und Wertorientierungen. Kultur hat immer eine Geschichte, ein sie verkörperndes Kollektiv und in der Regel auch einen geographischen Raum, in dem sie sich entfaltet. Aber können Kulturräume aufeinander wirken? Wäre ein solcher Austausch zwischen benachbarten Regionen ein Fall kultureller Ansteckung?

          Die an der Fernuni Hagen lehrende Kultursoziologin Tuuli-Marja Kleiner ist mit diesem Begriff selbst nicht ganz glücklich. Bedenkt man aber die Hingabe, mit der manche Regionen ihre Phobien vor dem Nachbarn pflegen, gewinnt das Konzept an Plausibilität.

          Leistung des deutschen Föderalismus

          Ob Schwaben und Badener, Unterfranken und Oberfranken, Nord- und Ostfriesen: von außen betrachtet, dominieren Ähnlichkeiten, von innen dagegen könnten die Unterschiede nicht größer sein. Und wüsste etwa der Badener nicht ganz genau, wie anders der Schwabe ist, er wüsste kaum, wer er selbst ist. Fest steht nur: Er ist keinesfalls so wie die Schwaben - und umgekehrt. Dass es hier zu interkulturellen Lernprozessen kommen könnte, muss darum in Stuttgart, Freiburg oder Böblingen als ausgeschlossen gelten.

          Es gehört zu den Leistungen des deutschen Föderalismus, dass solche Distinktionsgewinne hierzulande im Bereich der Regionalkultur bleiben - eine politische Bedeutung haben sie nicht mehr. Separatistische Bewegungen wie etwa in Katalonien beharren hingegen darauf, dass der Schutz ihrer kulturellen Eigenstellung die politische Autonomie nachgerade zwingend mache. Dem ließe sich entgegnen, es könne mit der Besonderheit dieser Kultur ja nicht so weit her sein, wenn sie ohne eine politische Abgrenzung von ihrer Umwelt in Gefahr wäre, diese Besonderheit zu verlieren.

          Ausgeprägter Stolz

          Aber lassen sich solche Fragen auch anders als durch ländervergleichende Studien beantworten? Kleiner schlägt einen interessanten quantitativen Zugang vor. Sie möchte zeigen, dass räumliche Nähe kulturell homogenisierend wirkt - Nachbarregionen müssten sich also immer ähnlicher sein als entferntere Räume. Und das sollte auch gelten, wenn sie Nachbarn mit verschiedenen Staatsbürgerschaften wären. Kleiner betont dabei durchaus das Schwerfällige an Kulturen, ihr Beharrungsvermögen und ihren Widerstand gegenüber Veränderungserwartungen, insbesondere wenn sie von außen kommen. Das spräche für ihre Stärke gegenüber etwa nationalen oder gar supranationalen Kräften der Vereinheitlichung.

          Kleiner greift dafür auf Daten aus Österreich zurück, einem Land also mit ausgeprägtem Stolz auf seine kulturellen Besonderheiten und davon geprägten Regionen, aber auch mit sieben Nachbarstaaten. Unter Heranziehung von Daten des European Social Survey (ESS) fragt Kleiner, ob sich die kulturelle Distanz zweier Regionen verändert, wenn diese geographische Nähe oder gar eine Landesgrenze teilen. Der ESS ist eine Befragung, die seit 2001 alle zwei Jahre in über 30 europäischen Ländern durchgeführt wird.

          Drei Typen von Paarungen

          Gefragt wird darin insbesondere nach religiösen Einstellungen, moralischen Überzeugungen und politischen Wertvorstellungen. Die Antworten lassen sich regional aggregieren, man erhält auf diese Weise einen Wert für das kulturell Besondere der Regionen, anhand dessen man wiederum deren kulturelle Distanz messen kann. Es geht dabei also nicht um die Frage, wie sich Regionen im Einzelnen unterscheiden, sondern nur um den Effekt von Nähe und Distanz zueinander.

          Kleiner verglich dafür drei Typen von Paarungen: Regionen mit großer räumlicher Distanz, benachbarte Regionen innerhalb des eigenen Landes und schließlich Nachbarregionen, die eine Staatsgrenze trennt. Sind also etwa die Vorarlberger ihren Landsleuten in der Steiermark ähnlicher als etwa den Tirolern oder gar den Bayern? Nein - der Österreicher ist sich selbst immer noch am ähnlichsten. Am geringsten sind die regionalen Unterschiede innerhalb der Landesgrenzen, und zwar insbesondere zwischen direkten Nachbarn.

          Kulturelle Eigenart in Gefahr

          Mit der räumlichen Distanz wachsen die Unterschiede, aber - und das ist besonders bemerkenswert - nirgends seien sie so groß wie zu Nachbarn jenseits der Staatsgrenze. Kulturgrenzen und Staatsgrenzen, so Kleiners Fazit, seien also zumindest in Österreich nahezu deckungsgleich. Das bedeutet aber umgekehrt auch für Austrias Nachbarn: Die politische Grenze hat auf die kulturelle Distanz einen deutlich größeren Effekt als die interregionale Nachbarschaft.

          Gewiss, es geht nur um ein Land innerhalb des europäischen Kulturraumes und um ein kleines dazu. Dennoch: Kleiners Schlussfolgerung, die Ergebnisse rechtfertigten die Verwendung von Ländern als kulturelle Analysekategorien, hat eine bemerkenswerte politische Tragweite für die Frage der Zukunft der europäischen Integration. Man könnte sie auch dahin gehend lesen, dass Kultur im Staat einen mächtigen Garanten hat. Wer in Europa seine kulturelle Eigenart in Gefahr sieht, wird diese Studie daher für sein Argument einsetzen können, diese Kultur auch in einem nationalstaatlichen Rahmen geschützt zu sehen.

          Tuuli-Marja Kleiner: „Geographische Nähe, Landesgrenze und kulturelle Distanz“, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie (2015) 40: 281-297.

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