Home
http://www.faz.net/-gwz-zgs2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

R. J. Evans über "Das Amt" Handwerk

07.06.2011 ·  "Das Schicksal der deutschen Juden wurde am 17. September 1941 besiegelt: An diesem Tag fand ein Treffen Hitlers mit Ribbentrop statt." So steht es auf Seite 185 von "Das Amt", dem als Buch publizierten Bericht der von Außenminister Fischer berufenen Historikerkommission.

Artikel Lesermeinungen (0)

"Das Schicksal der deutschen Juden wurde am 17. September 1941 besiegelt: An diesem Tag fand ein Treffen Hitlers mit Ribbentrop statt." So steht es auf Seite 185 von "Das Amt", dem als Buch publizierten Bericht der von Außenminister Fischer berufenen Historikerkommission. Der englische Historiker Richard J. Evans hat diese These jetzt in einem Besprechungsaufsatz in der Zeitschrift "Neue Politische Literatur" (Jahrgang 56, Heft 1, 2011 / Verlag Peter Lang) als "außerordentliche Behauptung" eingestuft. Die Frage, wann, wo und von wem die Entscheidung zur Vernichtung der Juden getroffen wurde, bezeichnet den archimedischen Punkt der Kontroversen über den Nationalsozialismus. Die Ansätze des "Intentionalismus" und des "Funktionalismus", an denen moralische Weltbilder hängen, wurden zur Beantwortung dieser Frage entwickelt - bei beispiellos schwieriger Quellenlage. Nun sagt "Das Amt", das Auswärtige Amt habe "die Initiative zur Lösung der ,Judenfrage' auf europäischer Ebene ergriffen".

Wie vor ihm Johannes Hürter (F.A.Z. vom 6. April) weist Evans darauf hin, dass die "kühne Behauptung" ohne Fußnote daherkommt. In den Standardwerken - Evans zitiert Christopher Browning - werde Ribbentrop nur eine kleine Rolle im Entscheidungsprozess zugewiesen. Evans sieht hier einen Systemfehler von "Das Amt". Für viele Kapitel sei die einschlägige Literatur offenkundig nicht herangezogen worden. Die Bearbeiter hätten es unterlassen, ihre Archivfunde vor dem Hintergrund des Forschungsstandes zu gewichten. Ergebnis: Eine "Neigung zur Überinterpretation der Quellen" brach sich unkontrolliert Bahn. "So wird das Buch in einem entscheidenden Aspekt den wissenschaftlichen Standards nicht gerecht, deren Einhaltung man von einem Kommissionsbericht dieser Wichtigkeit erwarten sollte." Evans stellt fest, "Das Amt" sei die in der Einleitung in Aussicht gestellte "aus den Quellen und der verstreuten Forschungsliteratur gearbeitete systematische und integrierende Gesamtdarstellung" nicht.

Der Rezensent, der sich als Sozialhistoriker seinen Namen gemacht hat, erklärt das Versagen der Kommission vor dem eigenen Anspruch sozusagen materialistisch, aus den Herstellungsbedingungen des Werkes. Die vier Mitglieder der Kommission, die als Autoren auf dem Buchumschlag firmieren, seien "extrem vielbeschäftigte Leute". So hätten sie "zwölf jüngere Kollegen damit beauftragt, die Arbeit zu erledigen, und einen dreizehnten damit, den Text zu lektorieren". Die Rolle der vier ranghöheren Historiker scheine "in der Praxis ziemlich minimal gewesen zu sein".

Besonders instruktiv ist, dass Evans die tatsächlichen Verfasser einzeln würdigt, mit Angaben sowohl zur akademischen Position wie zur Expertise des jeweiligen Mitarbeiters. Einige waren Doktoranden - die nominellen Autoren, die Evans Herausgeber nennt, hätten ihre Pflicht versäumt, die Textlieferungen dieser Anfänger auf Nachweise der Forschungsliteratur und Ausgewogenheit des Urteils zu prüfen. Mit großem Lob bedenkt Evans die von Astrid Eckert und Annette Weinke verfassten Partien zur Fabrikation des Mythos vom Amt als Hort des Widerstandes aus den Federn. Doch er nennt es erstaunlich, dass dem Leser die Tatsachen vorenthalten werden, die Astrid Eckerts Kritik an den milden Urteilen des Wilhelmstraßenprozesses untermauern würden. Die Anklage lautete auf Vorbereitung eines Angriffskrieges, aber ausgerechnet zum Beitrag der Wilhelmstraße zu Kriegsvorbereitung oder Friedenswahrung, also zum Hauptgeschäft der Diplomatie, erfährt man in "Das Amt" buchstäblich nichts.

In der Schärfe des von Evans über das Buch gesprochenen Urteils kommt ein Unterschied der akademischen Kulturen Deutschlands und Englands zum Ausdruck. Evans hat als Königlicher Professor in Cambridge gleichsam den Thron seiner Disziplin erklommen. Aber ein Professor in Cambridge ist es nicht gewohnt, sich auf Assistenten zu verlassen. Für eine größere literarische Unternehmung mag er Hilfsarbeiter beschäftigen, dann aber auf eigene Rechnung. Evans hat zwischen 2003 und 2008 eine dreibändige Gesamtdarstellung des Hitlerreiches aus seiner Feder vorgelegt. Die handwerklichen Fehler, die er an "Das Amt" rügt, betreffen sowohl die Sache der Wissenschaft als auch die Form der Erzählung: Beides gehört eben zusammen. So hat die "laxe Aufsicht bei der Textherstellung" dazu geführt, dass Schlüsselfiguren des zweiten Teils nicht schon im ersten Teil als Mithandelnde eingeführt werden.

Den Vorwurf der Kommission gegen Hürter, Differenzierung führe zwangsläufig zur Relativierung, weist Evans mit einem Zitat von Tim Mason zurück: "Komplexe historische Argumente sind nicht moralisch indifferent, nur weil sie komplex sind." Ein schwereres Geschütz hätte Evans nicht in Stellung bringen können. Mason, ein Marxist, der sich 1990 das Leben nahm, wird von seinen Kollegen wie ein Heiliger verehrt. Der Verfasser der Biographie im "Oxford Dictionary of National Biography" bringt den Freitod mit Masons Thema zusammen. Er hatte es einmal abgelehnt, eine Gesamtgeschichte Hitlerdeutschlands zu schreiben: Sie müsste "in Auschwitz enden", und so weit sei er noch nicht.

patrick bahners

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Das Gespenst Gentechnik geht

Von Joachim Müller-Jung

Während fast überall auf der Welt neue Nutzpflanzen gezüchtet werden, sinkt das Interesse für die grüne Gentechnik in Deutschland und Europa ständig. Auf dem Acker fahren wir im Rückwärtsgang. Die EU-Kommission versucht das zu ändern. Mehr 11 8