Home
http://www.faz.net/-gwz-6jya4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Pro Für das Leben, nicht dagegen

11.07.2010 ·  Paare, die sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden, wollen nicht in erster Linie ihre Embryonen sortieren, sondern Nachwuchs. Gut oder schlecht, schön oder hässlich, das sind keine Kriterien, wohl aber die Lebensfähigkeit des wenige Tage alten Zellhäufchens.

Von Sonja Kastilan
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Paare, die sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden, um ein Kind zu bekommen, wählen keinen einfachen Weg. Die In-Vitro-Fertilisation (IVF) bedeutet trotz aller Fortschritte der Medizin Gesundheitsrisiken für die Frau und enorme psychische Belastung - für sie ebenso wie für ihn. Es sind Strapazen, und die Hoffnung, dass sich der meist lang gehegte Wunsch, wenn nicht auf natürliche, dann auf diese Weise erfüllt, kann jederzeit platzen. Wie schwer die Enttäuschung nach einem erfolglosen IVF-Zyklus wiegt, vermag sich eine unbeteiligte Person, die vielleicht selbst Kinder hat oder keine will - wir sind frei, darüber individuell zu entscheiden -, nicht vorzustellen.

Sie wünschen sich Familie und die bestmögliche Behandlung. Von Erfolgsgarantie kann keine Rede sein, nicht von einem Designerbaby oder vom Recht auf ein Kind. Von medizinischer Sorgfalt allerdings schon. Der Berliner Arzt, dessen Selbstanzeige nun im Freispruch mündete, sah in der Präimplantationsdiagnostik (PID) eine Chance für seine Patienten. Dass diese in vielen EU-Ländern praktizierte Methode nicht im Widerspruch zum deutschen Embryonenschutzgesetz steht, davon sind einige Mediziner, Ethikexperten sowie Juristen seit Jahren überzeugt. Das erklärte Ziel sei schließlich eine Schwangerschaft, nicht der Test oder gar das Verwerfen von Zellmaterial, das nur gedeihen kann, wenn man es in den Mutterleib verpflanzt.

Nach bestem Wissen und Gewissen

Die betroffenen Paare wollen nicht in erster Linie ihre per IVF gezeugten Embryonen sortieren, sondern Nachwuchs. Dessen späteres Selbstverständnis als Mensch und Person stellt die PID keineswegs in Frage: Gut oder schlecht, schön oder hässlich, das sind keine Kriterien, wohl aber die Lebensfähigkeit des wenige Tage alten Zellhäufchens. Oder soll eine Frau, die bereits Fehlgeburten erlitt, nochmals Wochen einer Schwangerschaft durchstehen, die ebenso schmerzvoll wie tragisch enden wird? Unweigerlich, weil die Entwicklung durch eine Chromosomenveränderung gestört ist, die mittels PID zuvor erkennbar wäre? Zählt nun das Argument der Menschenwürde mehr als ihre Persönlichkeitsrechte und der Schutz ihres Lebens?

Wer will Frauen zwingen, sich einen Embryo einsetzen zu lassen, dessen Schicksal mit einer schweren, nicht therapierbaren Krankheit - nichts anderes steht jetzt zur Diskussion - besiegelt ist? Jene etwa, die mitansehen musste, wie Brüder und Cousins als junge Männer einer erblichen Muskelschwäche erlagen und regelrecht dahinsiechten. Um das ihrem Kind zu ersparen, nimmt sie invasive Eingriffe in Kauf, stellt sich der Verantwortung, nach bestem Wissen und Gewissen. Die Entscheidung könnte sie dank PID im sehr frühen Stadium treffen, mit der Pränataldiagnostik erst Monate später.

Krankheit und Behinderung werden keineswegs verschwinden

Haben wir uns so sehr an die Castingsituation gewöhnt, dass wir fern aller Realität glauben, in der Reproduktionsmedizin ginge es zu wie bei Dieter Bohlen oder Heidi Klum? Wenn Einzelne phantasieren, man dürfe mit den Genen ruhig das Talent verbessern, muss das ja nicht umgesetzt werden. Abgesehen davon, dass keiner wüsste, wie ein derartiges Styling im Moment gelingen soll, so bestehen zwischen Theorie und Praxis immer erhebliche Unterschiede.

Wir leben nicht in der Welt, die der Film „Gattaca“ in Szene setzt und über die es durchaus nachzudenken lohnt, ohne die Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren, denn die kennt Leid, Schmerz und die Freudlosigkeit eines komplizierten Verfahrens namens PID. Wer es für die eng begrenzte Anwendung zulässt, muss nicht mit einem Ansturm der Massen rechnen, sondern mit wenigen hundert Fällen im Jahr. Und ein Gesetz, das diese Diagnostik im Einzelfall mit Einschränkungen erlaubt, ist ebenso wirksam wie ein Verbot. Das sollte bedenken, wer nun Dammbruch oder Missbrauch fürchtet. Oder Diskriminierung: Krankheit und Behinderung werden keineswegs verschwinden, unsere Gesellschaft muss das humane Miteinander weiterhin fördern. Aber sie sollte mit der PID auch zulassen, dass Paare sich in Ausnahmefällen, wohl überlegt und beraten, entscheiden können.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1970, Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Das Gespenst Gentechnik geht

Von Joachim Müller-Jung

Während fast überall auf der Welt neue Nutzpflanzen gezüchtet werden, sinkt das Interesse für die grüne Gentechnik in Deutschland und Europa ständig. Auf dem Acker fahren wir im Rückwärtsgang. Die EU-Kommission versucht das zu ändern. Mehr 9 7