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Politisierte Wissenschaft Ehrliche Makler

05.12.2009 ·  Die Versuchung, eigene Werte und Ansichten als wissenschaftlich zwingend darzustellen, ist für Forscher groß - erst recht, wenn es um Fragen des öffentlichen Interesses wie den Klimaschutz geht. Doch Entscheidungen sollten der Politik überlassen bleiben.

Von Ulf von Rauchhaupt
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Was hat der Artikel Rettet erst das Klima, dann die Welt auf FAZ.NET zu suchen? Sicher, Klima ist das große Thema dieser Tage, und es schreibt ein Klimaforscher, Myles Allen von der Universität Oxford. Doch er schreibt nicht nur über Klimaforschung. Allen wird politisch. Er kritisiert die Agenda der Kopenhagener Konferenz und stellt dar, was die Politiker stattdessen tun sollten. Darf er das? Darf er als Wissenschaftler seine Wertvorstellungen zur Grundlage seines Rates an die Politiker machen?

Warum nicht? Andere tun es ja auch. Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderung etwa, dem der Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber vorsitzt, hat es getan, als er im Juni den „Budget-Ansatz“ zur Bekämpfung der globalen Erwärmung vorstellte. Auch das ist ein Rat vor Forschern, der nicht einfach nur Fakten präsentiert, sondern eine politische Handlungsempfehlung gibt. Daran ist nichts verkehrt, solange klar ist, dass das eine nicht notwendig aus dem anderen folgt, sondern hier Werturteile einfließen, die man nicht teilen muss. Riskant wird es, wenn diese Trennung verwischt und der Eindruck entsteht, die harte wissenschaftliche Evidenz erzwinge ein bestimmtes politisches Handlungsmuster.

Zwischen Wissenschaftlichkeit und eigenen Werten

Nun haben auch Wissenschaftler in der Regel Wertvorstellungen und politische Meinungen. Aber je höher ihr Ansehen als Forscher und je wichtiger die Ergebnisse ihrer Disziplin für Fragen von öffentlichem Interesse, desto größer wird für sie die Versuchung, eigene Werte und Ansichten als wissenschaftlich zwingend darzustellen.

Forscher, die dieser Versuchung erliegen, nennt der amerikanische Politikwissenschaftler Roger Pielke jr. „stealth issue advocats“, heimliche Verfechter eines Standpunktes, und kritisiert sie, da sie durch ihr Einschmuggeln politischer Ansichten oder materieller Interessen in wissenschaftlichen Rat die ratspendende Funktion der Wissenschaft ruinieren. Auch für Pielke spricht nichts gegen eine offene „issue advocacy“ von Wissenschaftlern - außer, dass sie nicht so gut funktioniert wie ihre heimliche Variante, es sei denn in Situationen, in denen alle dieselben Werte vertreten. Genau das aber ist in der Klimapolitik offensichtlich nicht der Fall.

Entscheidungen sind Sache der Politik

Die Wissenschaft kann die handlungstheoretisch vorteilhafte weltanschauliche Einmütigkeit aber schlechterdings nicht herstellen. Trotzdem können und sollen sich die Wissenschaftler nicht aus der Politik heraushalten. Schließlich reicht es nicht, Politikern und Bürgern einfach nur zu sagen, was Fakt ist. Auch die Frage, was für Handlungsoptionen aus den Fakten folgen, ist oft nur wissenschaftlich zu klären. Es sind aber in der Regel mehrere alternative Optionen, die verschiedenen Wertvorstellungen unterschiedlich gerecht werden. Das Ideal wäre nun, wenn politikberatende Forscher ihre Aufgabe darin sähen, diese verschiedenen Alternativen aufzuzeigen. Sie dürften dazu nicht als Verfechter von Standpunkten auftreten, sondern als „ehrliche Makler“, wie Pielke das etwas pathetisch nennt, die das Spektrum der möglichen Maßnahmen ausweiten, statt es einzuschränken.

Allerdings sind dazu auch die Öffentlichkeit und die Politik gefordert. Sie dürfen von ihrem Makler dann tatsächlich auch nur Alternativen erwarten. Es ist Aufgabe der Politik, bei widerstreitenden Interessen Entscheidungen für das Gemeinwesen zu treffen. Wer diesen Kern der Politik gerne verwissenschaftlicht haben möchte, der bekommt nur eine politisierte Wissenschaft.

Literatur: Roger A. Pielke jr. „The Honest Broker. Making Sense of Science in Policy and Politics“, Cambridge Univ. Press 2007.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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