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Veröffentlicht: 03.02.2017, 10:09 Uhr

Publikationsdruck Von Tatsachen und Nichttatsachen

Immer wieder müssen wissenschaftliche Sensationsmeldungen zurückgenommen werden. Der Forschungsbetrieb ist da nicht unschuldig - wissenschaftstheoretisch ist das klar.

von Sibylle Anderl
© Dias, Silvera Durch kräftiges Zusammenpressen von zwei konischen Diamanten wollen zwei Harvard-Forscher atomaren metallischen Wasserstoff erzeugt haben.

Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache: So lautet der Titel der ersten, 1935 veröffentlichten wissenschaftstheoretischen Monographie, in der explizit den sozialen und historischen Einflüssen auf wissenschaftliche Faktenbildung nachgegangen wird. Ludwik Fleck, ein polnischer Immunologe, brach darin mit der Anfang des letzten Jahrhunderts herrschenden wissenschaftstheoretischen Vorstellung, Wissenschaft würde als überzeitliche Tatsachenfabrik weit entfernt von menschlichen Kontingenzen in nächster Nähe zur so erstrebenswerten Wahrheit operieren.

Heute sind Flecks Überlegungen aktueller denn je, auch wenn man beinahe versucht ist, den Titel seines Werkes etwas umzuformulieren auf „Entwicklung einer wissenschaftlichen Nichttatsache“. Damit ist gar nicht mal die postfaktische Wahrheitskrise gemeint, in die wir jüngst global hineingeschlittert sind. Wenn man sich wie Fleck für den Einfluss bestehender Forschungsstrukturen auf die Ergebnisse von Wissenschaft interessiert, kommt man kaum umhin, die aktuelle wissenschaftsinterne Tendenz zur Produktion von Falschmeldungen in den Fokus zu nehmen. Publikationsdruck und erbitterter Wettkampf um Drittmittel auf der einen Seite, vorschnelle, sensationsheischende Veröffentlichungen und kleinlaute Errata auf der anderen. Überlichtschnelle Neutrinos - das verflixte Kabel, Durchbruch in der Stammzellforschung - nicht reproduzierbar, Nachweis der kosmischen Inflation - nachlässige Vordergrundmessung. Die Liste der fehlerhaften Studien ist lang. Im Netz füllen sie seit 2010 zu Hunderten die Seiten des extra dafür eingerichteten Blogs „Retraction Watch“.

Harmonie der Täuschungen beim Wasserstoff?

Nun also liefert womöglich der metallische Wasserstoff einen weiteren Fall, dessen langersehnte Herstellung in der letzten Woche als endlich geglückt vermeldet wurde, ohne mit einer Reproduktion des Verfahrens und einer gründlichen Vermessung der Probe unnötig Zeit zu verlieren. Ludwik Fleck liefert für das zugrundeliegende allgemeinere Problem einen schönen Namen: „die Beharrungstendenz der Meinungssysteme und die Harmonie der Täuschungen“. Die gute Nachricht: Anders als beim Problem der Fake News ist die Einigelung in selbstgepflegte Wahrheitsblasen in der Forschung sehr viel schwieriger zu realisieren. Der vorschnellen Veröffentlichung folgt die kritische und oft schonungslose Diskussion unter Kollegen auf dem Fuße. Optimistisch veranlagte Beobachter mögen daher jede einzelne zurückgezogene Tatsachenbehauptung als Erfolgsmeldung gesunder wissenschaftlicher Debattenkultur sehen. Irren ist menschlich und Fehleraufdeckung Paradedisziplin der Wissenschaft.

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Gefährlich wird es allerdings, wenn die Wahrheitswächter außerhalb des Elfenbeinturms Fährte aufnehmen und in populistischer Haudrauf-Manier Diskussionskultur mit Fake-Kultur verwechseln. Da mag es auch nicht viel helfen, die Kritiker darauf hinzuweisen, dass, wie schon Fleck betonte, es keinesfalls wissenschaftliche Fakten sind, die hier präsentiert und diskutiert werden. Eine Neuentdeckung werde schließlich erst zur Tatsache, sobald sie den Sprung ins Lehrbuch geschafft habe, „vorher im Stadium der Zeitschriftenwissenschaft ist sie eigentlich Anlage zur Tatsache.“ Der metallische Wasserstoff ist sozusagen noch ein Fakten-Embryo. Und inwiefern er sein Tatsachenpotential wirklich ausreizen kann, werden wir mit Sicherheit bald sehen.

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