http://www.faz.net/-gwz-8xyg6

Start des Synchrotrons Sesame : Brillantes Licht für den Frieden

Die Haupthalle der Synchrotronanlage Sesame nördlich von Amman Bild: Sesame, Cern

In Jordanien ist der Elektronenspeicherring „Sesame“ eingeweiht worden. Die Anlage soll die Wissenschaft und den Friedensprozess im Mittleren Osten fördern.

          Ungeachtet des Bürgerkriegs in Syrien und der im Nahen Osten herrschenden politischen und religiösen Spannungen hat in Jordanien ein einzigartiges wissenschaftliches Gemeinschaftsprojekt seinen offiziellen Betrieb aufgenommen: die Synchrotronanlage „Sesame“. Die Anlage, die 35 Kilometer nördlich von Amman errichtet wurde, ist ein Prestigeobjekt und soll die technische und wissenschaftliche Entwicklung in der strukturschwachen Region voranbringen. Sie liefert energiereiche und brillante Strahlung unterschiedlicher Wellenlängen. Damit können Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen – Physiker, Chemiker, Biologen und Mediziner, aber auch Archäologen und Umweltwissenschaftler – ihre Materialproben detailliert untersuchen. Die feierliche Inauguration von Sesame (das Akronym steht für „Synchrotron-light for Experimental Science and Application in Middle-East“) erfolgte am vergangenen Dienstag im Beisein des jordanischen Königs Abdallah, der Unesco Generaldirektorin Irina Bokowa und von zahlreichen Ministern aus muslimischen Ländern.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Rund 60 Anlagen dieser Art gibt es weltweit. Sie stehen vorwiegend in Industrienationen. Sesame – es gehört zu den Synchrotrons der 3. Generation – ist das erste Synchrontron im Nahen Osten. Es besteht aus einem Speicherring mit einem Umfang von 133 Metern, in dem Elektronen auf eine Energie von bis zu 2,5 Milliarden Elektronenvolt (GeV) beschleunigt werden. An mehreren Stellen kann der Elektronenstrahl ausgekoppelt werden. Die Elektronen durchlaufen dort Parcours starker Ablenkmagneten. Darin werden die Elektronen auf eine wellenförmige Bahn geschickt, auf der sie intensive Strahlung vom Infraroten bis in Röntgenbereich aussenden.

          Ein Start mit Hindernissen

          Weil an der Anlage auch Israelis, Palästinenser, Araber und Iraner gemeinsam forschen werden, könnte sie auch einen wichtigen Beitrag für den Friedensprozess im Mittleren Osten liefern, so die Hoffnung. 24 Länder sind an Sesame beteiligt, darunter Ägypten, Bahrain, Israel, Iran, Jordanien, Kuweit, Pakistan, Palästina, die Türkei und Zypern. Aber auch Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, Spanien, Schweden, die Schweiz sowie Brasilien, China, Japan, Russland und die Vereinigten Staaten sind Partnerländer.

          Feierliche Inauguration von Sesame: König Abdullah II (2. von rechts) und  Sesame-Ratspräsident  Chris Llewellyn Smith (rechts) Bilderstrecke
          Feierliche Inauguration von Sesame: König Abdullah II (2. von rechts) und Sesame-Ratspräsident Chris Llewellyn Smith (rechts) :

          Erste Ideen für Sesame wurden Anfang der neunziger Jahre geboren, mit dem Ziel, damit die friedliche Zusammenarbeit israelischer und arabischer Wissenschaftler zu fördern. Als 1997 das Berliner Synchrotron Bessy I durch die leistungsstärkere Anlage, Bessy II ersetzt wurde, entschied man sich, Teile davon als Geschenk in den Nahen Osten zu exportieren. Im Jahr 2002 übernahm die Unesco die Schirmherrschaft für das Projekt. Jordanien erhielt den Zuschlag für den Bau von Sesame, und Bessy I wurde Richtung Amman verschifft.

          Völkerverbindende Wissenschaft

          Viele europäische Länder haben das Projekt durch die Spende weiterer Bauteile unterstützt. Es erwies sich aber als schwierig, das Projekt zu finanzieren. Hinzu kamen diplomatische Hindernisse und Dauerkonflikte. So erkennen Iran und Pakistan beispielsweise den Staat Israel nicht an. Die Wende kam im Jahr 2012 als Israel, Iran, Jordanien, Ägypten und die Türkei sich bereit erklärten, das Projekt mit jeweils fünf Millionen Dollar zu fördern. Das lockerte den Geldbeutel anderer Länder und der EU. Das europäische Forschungszentrum Cern bei Genf bekam grünes Licht, Magnete für den Sesame-Ringbeschleuniger zu bauen. Denn eine Anlage auf Basis von Bessy I allein wäre im internationalen Vergleich zu schwach und zu unattraktiv als Forschungsstandort gewesen. Der Berliner Beschleunigerring dient bei Sesame als Vorstufe.

          Von da an liefen die eigentlichen Bauarbeiten an – mit einigen Rückschlägen, als etwa im Winter 2013 das Dach der Experimentierhalle unter der Last einer ungewöhnlich großen Schneemenge einbrach. Lange musste man auch auf die Mittel aus Iran warten. Das Land durfte aufgrund des Wirtschaftsembargos lange kein Geld transferieren. Anfang 2016 wurden die letzten Komponenten vom Cern geliefert. Nun konnte man Sesame fertig installieren. Und Anfang dieses Jahres war es dann endlich soweit: Erstmals wurden Elektronen eingespeist, die man anschließend im Speicherring zirkulieren ließ. Im Laufe dieses Jahres sollen auch die ersten Lichtstrahlen erzeugt werden und die ersten Experimente anlaufen. Experimentierplätze hierfür werden derzeit eingerichtet. Schon jetzt sei das weltweite Interesse an Sesame groß.

          Ob die friedliche Forschung bei Sesame angesichts der politischen Turbulenzen in der krisengeschüttelten Region auf Dauer bestand hat, muss sich nun zeigen. Am Dienstag zumindest gab es einen Eklat: Der israelische Wissenschaftsminister blieb der feierlichen Eröffnungszeremonie fern. Grund war eine Messerattacke eines Jordaniers am Wochenende zuvor in Jerusalem, bei der ein israelischer Polizist schwer verletzt wurde. Auch die palästinensische Delegation kam nicht, aus Solidarität mit in Israel inhaftierten Landsleuten, so die Begründung.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          „Ein bedauerlicher Schritt“ Video-Seite öffnen

          Unesco-Austritt : „Ein bedauerlicher Schritt“

          Die Generaldirektorin der Unesco, Irina Bokowa, beklagt die Austritte Amerikas und Israels aus der Unesco. Washington wirft der UN-Organisation unter anderem eine israelfeindliche Haltung vor.

          Topmeldungen

          Telekom-Aktien verkaufen, um den Breitbandausbau zu finanzieren? Das fordern zumindest FDP und Grüne.

          Jamaika sucht Geldquellen : Verkauft der Bund die Telekom-Aktien?

          Um neue Ausgaben und Steuersenkungen zu finanzieren, suchen Politiker einer künftigen Jamaika-Koalition nach Geldquellen. Alleine mit Telekom- und Post-Anteilen ließen sich Milliarden generieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.