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Spätwerke : Das letzte Paper als wissenschaftliches Vermächtnis?

Kann uns Stephen Hawking letztes Paper erklären, wie unser Universum wirklich beschaffen ist? Bild: AFP

Bei Einstein war es ein weiterer Versuch in Richtung „Weltformel“, bei Heisenberg die Philosophie der Teilchenphysik – Posthume Veröffentlichungen liefern selten Bahnbrechendes. Gilt das auch für Hawking? Eine Glosse.

          Albert Einstein gab bis zum Ende seines Lebens die Hoffnung nicht auf, doch noch den entscheidenden Schritt in Richtung einer vereinheitlichten Theorie, einer gemeinsamen Beschreibung aller vier physikalischen Grundkräfte, unternehmen zu können. Rund drei Monate nachdem er am 18. April 1955 in Princeton gestorben war, erschien in den „Annals of Mathematics“ sein Paper „A New Form of the General Relativistic Field Equations“. Dort präsentierte er, zusammen mit der israelischen Physikerin Bruria Kaufman, eine Herleitung der Feldgleichungen seiner allgemeinen Relativitätstheorie aus einem Variationsprinzip – um sie als makroskopische Theorie formal den Feldtheorien des Mikrokosmos nähe zubringen.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Auch Werner Heisenberg widmete sich zum Ende seines Lebens noch einmal den ganz großen Fragen. Er starb am ersten Februar 1976, als sein Artikel „What is an elementary particle?“ für „Physics Today“ gerade in den Druck gegangen war. Die Frage nach der Natur der Elementarteilchen brachte ihn dort schließlich zur Diskussion philosophischer Probleme: „Ich denke, dass bestimmte irrige Entwicklungen in der Teilchenphysik ihren Ursprung im Missverständnis einiger Physiker haben, dass es möglich sei, philosophische Diskussionen zu vermeiden.“

          Besonderer Erfolg war beiden mit ihren postum veröffentlichten Spätwerken nicht vergönnt. Einsteins Suche nach der „Weltformel“ gilt heute als gescheitert. Heisenbergs philosophische Bemühungen haben wenig Einfluss auf aktuelle Debatten. Überraschend ist das nicht. 2016 zeigte eine Studie in „Science“ auf der Grundlage der Publikationen von knapp 3000 Physikern, dass der Zeitpunkt der erfolgreichsten Arbeit eines Wissenschaftlers im Laufe seiner Karriere vollkommen zufällig ist. Wenn die Daten um den Einfluss der höheren Produktivität junger Wissenschaftler bereinigt werden, ist es genauso wahrscheinlich, dass der entscheidende Geniestreich in jungen Jahren erfolgt wie dass der große Wurf vor dem Hintergrund zunehmender Altersweisheit gelingt.

          Der Erwartung, Stephen Hawkings „letzte Arbeit“ – erschienen vergangene Woche im „Journal of High Energy Physics“ – könne uns, sozusagen als genialer Abschiedsgruß des großen Physikers, abschließend die großen kosmologischen Fragen beantworten, ist daher schon rein statistisch mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen. Vielen Hawking-Fans war das allerdings egal. Hawkings angeblich „größtes Vermächtnis“ wurde schon im März gefeiert, nachdem ein aktualisierter Preprint der Arbeit erschienen war. Nichts Geringeres als der Schlüssel zum Nachweis anderer Universen wurde der Öffentlichkeit als Resultat des Artikels versprochen. Keine Frage – das wäre sensationell.

          Wer einen Blick in das Paper wirft, das Hawking mit dem belgischen Physiker Thomas Hertog verfasst hat, wird aber enttäuscht. Ausgehend von durchaus diskutablen theoretischen Annahmen kommen die Autoren anhand einer Untersuchung der Inflation im frühen Universum zu der Vermutung, dass unser Universum kein irregulärer Flickenteppich verschiedener blasenartiger Multiversen sei, sondern sehr viel gleichförmiger und einfacher, als man bislang annehme. Die entscheidende Idee für den empirischen Nachweis dieser These sucht man indes vergeblich. Ob uns Hawking damit die finale Welterklärung geliefert hat, wird also schwer herauszufinden sein. Eigentlich schade. Aber warum sollte es ihm mit seinem letzten Paper besser ergehen als seinen berühmten Vorgängern.

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