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Veröffentlicht: 26.11.2015, 12:00 Uhr

Rätselhafter Einstein-Brief „Danke für dieses Stückchen Mittelalter“

Ein Brief Einsteins ist aufgetaucht: Anders als behauptet, hat der Vater der Relativitätstheorie seine alte Heimat 1952 noch einmal besucht. Warum aber ausgerechnet Büdingen?

von Konrad Kleinknecht
© Picture-Alliance In den USA: Einstein wollte nach seiner Emigration, nie wieder deutschen Boden betreten.

Albert Einstein erklärte nach seiner Vertreibung aus Deutschland 1933, er werde nie mehr deutschen Boden betreten. Offenbar hat er aber doch nach dem Krieg Deutschland inkognito besucht. Im Mai 1952 schrieb ihm einer seiner Schweizer Jugendfreunde, Jakob Ehrat, einen Brief nach Princeton, in dem er seine Lebenssituation beschreibt und seine Beschäftigung mit philosophischen Fragen, mit Dilthey, mit Jacob Burckhardts historischer Arbeit über die Zeit des Kaisers Constantin, über Windelband und Schopenhauer darstellt.

Einstein antwortet am 12. Mai 1952, er habe sich gefreut, von Ehrat zu hören, dass er an einem überaus hübschen Fleckchen ein beschauliches Leben führe und dass er eigentlich genau derselbe Kerl sei, der er damals während „unserer geistigen Rekrutenschule seligen Gedenkens“ war. Einstein geht auf die in Ehrats Brief angesprochenen philosophischen Themen ein, schreibt über gesundheitliche Probleme und erwähnt auch seine beiden Söhne, von denen einer Professor in Berkeley, der jüngere aber „geisteskrank“ sei und in Zürich lebe.

Ein Stadtführer und zwei Professoren

Im folgenden Monat entschloss sich Einstein offenbar, nach Zürich zu reisen. Dort hatte er Freunde. Von Zürich aus fuhr er Ende Juni oder Anfang Juli 1952 mit Chauffeur nach Büdingen in Mittelhessen, um einen anderen engen Freund, Dr. Josef Neupärtl, zu besuchen. Dr. Neupärtl war von 1947 bis Ende 1949 Studienrat für Deutsch und Englisch am Wolfgang-Ernst-Gymnasium in Büdingen, wie Unterlagen der Schule belegen. Er stammte aus Schlappenz, Kreis Iglau im damaligen Mähren und war sechs Jahre jünger als Einstein.

Couvert des Briefes von Einstein an Dr. Dielmann © Schlossmuseum Büdingen Vergrößern Briefumschlag von Albert Einstein an Dr. Dielmann in Büdingen

Ein Zeitzeuge ist der damals 22 Jahre alte Physikstudent Rainer Lott, mit dem ich im September 2015 in Murnau gesprochen habe. Er studierte damals im ersten Semester an der Universität Gießen und kam abends heim nach Büdingen. Dabei traf er seinen zwei Jahre jüngeren engen Freund Erhart Karrer (geb. 1932), der noch ins Gymnasium ging. Der erzählte ihm, er habe heute seinen Deutschlehrer Neupärtl und Einstein als Fremdenführer durch das mittelalterliche Büdingen geführt.

Rückseite des Couverts © Schlossmuseum Büdingen Vergrößern Rückseite des Couverts

Natürlich war Rainer Lott beeindruckt, denn für ihn als Physikstudenten hatte der Name Einstein eine Bedeutung. Als dann sein Vater Friedrich Karl Lott nach Hause kam, erzählte dieser seinem Sohn, er habe heute, als er auf dem Weg zu seinem Hochstand im Wald war, auf dem Platz zwischen dem Jerusalem-Tor und dem Restaurant „Stern“ zwei Herren getroffen, einer sei sein Lehrer Dr. Josef Neupärtl gewesen, der andere auch ein Professor. Herr Neupärtl habe ihm den namentlich vorgestellt. Der Gast habe ihn nach seinem Beruf gefragt. Auf die Auskunft, er sei Geometer beim Vermessungsamt, sagte Einstein: „Da haben wir ja fast denselben Beruf.“

Hochachtungsvoll Albert Einstein

Die beiden Herren haben auch das Fürstliche Schlossmuseum in Büdingen besucht, unter der Führung der Leiterin der Schlossbibliothek, Frau Dr. Reimers. Darüber hat der Direktor des Museums, Dr. Dielmann, am 5. Juli 1952 nach einem Gespräch mit Frau Dr. Reimers eine Aktennotiz angefertigt, die im Schlossarchiv aufbewahrt wird. Nach dieser Notiz wurde sie an einem verregneten Sonntagvormittag von der Schlosswache angerufen, zwei englischsprechende Herren wünschten eine Führung. Einstein interessierte sich bei der Museumsführung nicht sonderlich für die Gegenstände in der sogenannten Alchemistenküche, wurde aber lebhaft bei der ausgestellten amerikanischen Schreibmaschine, so eine benutze er auch in Amerika.

Der Chauffeur des auswärtigen Gastes erzählte auf der Schlosswache, wo er während der Führung wartete, es handele sich um Einstein, der aber auf Inkognito Wert lege. Frau Reimers empfahl den Herren zum Essen den „Stern“. Als der Fürst erfuhr, wer da sein Schloss besucht hatte, schickte er seinen Fahrer zum „Stern“, der die beiden aber nicht mehr erreichte.

Am 5. Juli schrieb der Direktor des Schlossmuseums, der an dem Besuchstag nicht anwesend war, an Einstein in Princeton, er bedaure, bei dessen Besuch nicht dabei gewesen zu sein, sei aber überzeugt, dass Frau Dr. Reimers ihm nachhaltige Eindrücke von dem Schloss und seinen Kunstschätzen vermitteln konnte. Er sende ihm zur Vertiefung seiner Eindrücke hiermit einen Schlossführer (Cicerone). Einstein bedankte sich in einem Brief an Dr. Dielmann am 20. Juli 1952 für den Brief und den Führer. „Ihr freundlicher Brief und die geschmackvolle Schrift haben mich an den Besuch in Ihrem Idyll erinnert. Ein Stückchen Mittelalter gezeigt von seiner attraktivsten Seite. Meinen freundlichen Dank für diese Liebenswürdigkeit. Mit ausgezeichneter Hochachtung Albert Einstein.“

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Dieser Brief wurde von dem Archivar des Schlossmuseums, Dr. Klaus Peter Decker, und dem Physiker Gernot Gruber im Schlossarchiv Büdingen wiederentdeckt, seine Authentizität ist unbestritten. Aus urheberrechtlichen Gründen drucken wir hier nicht den Brief ab, sondern nur den Umschlag mit Poststempel und der Absenderadresse 112 Mercer Street in Princeton N.J., der Wohnung Einsteins.

Merkwürdigerweise ist kein Durchschlag des mit Schreibmaschine geschriebenen Briefes im Einstein-Archiv erhalten. Aber vielleicht sollte der Inkognito-Besuch nicht dokumentiert und bekannt werden. Aus welchem Lebensabschnitt die enge Freundschaft zwischen Einstein und Neupärtl stammt, ist nicht bekannt. Jedenfalls illustriert der Inkognito-Besuch in Deutschland eine bisher nur in Büdingen bekannte Facette in Einsteins Leben.

Konrad Kleinknecht ist Professor für Physik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Leibnizpreisträger der DFG und Präsident der Heisenberg-Gesellschaft.

Einsteins Brief von 1952 gibt Rätsel auf

Es ist ein besonderes Fundstück, das pünktlich zum hundertjährigen „Geburtstag“ der Allgemeinen Relativitätstheorie im Schlossarchiv in Büdingen entdeckt worden ist. Entgegen seiner früheren Absichtserklärung war Albert Einstein nach dem Zweiten Weltkrieg offenkundig doch noch einmal in Deutschland gewesen. Der Kurzbesuch in Büdingen, der sich auf den Sommer 1952 datieren lässt, ist bei einschlägigen Historikern weitgehend unbekannt. Bislang herrscht immer noch die einhellige Meinung vor, Einstein habe nach seiner endgültigen Emigration in die Vereinigten Staaten deutschen Boden nicht mehr betreten. Über einen Besuch Einsteins in seiner alten Heimat hatten weder die großen Tageszeitungen berichtet, noch weiß man von Notizen darüber in der Familienkorrespondenz. Auch dem Einstein-Archiv liegt offenbar keine Abschrift des Dankesschreibens von Einstein an den Direktor des Schlossmuseums Büdingen, Dr. Dielmann, vor. Die Lokalpresse in Büdingen hatte 1952 zwar über Einsteins Visite berichtet, aber Dielmann wurde daraufhin vorgeworfen, Märchen erzählt zu haben. Einstein hatte Nazideutschland nach der Machtübernahme Hitlers Anfang 1933 den Rücken gekehrt. Er war damals auf einer Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten. Im Frühjahr 1933 gab er in der deutschen Botschaft in Brüssel seinen Pass zurück. 1940 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Manfred Lindinger

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