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Mysteriöses Ruthenium-106 : Was geschah im Ural?

Luftstaubsammler an der BfS-Messstation Schauinsland Bild: BfS

Aus welcher Quelle stammt die Wolke radioaktiven Rutheniums, die Ende September Europa erreicht hat? Und wie bedenklich sind die hier gemessenen Konzentrationen? Hier sind einige Antworten.

          Nachdem nun klar zu sein scheint, dass das radioaktive Ruthenium-106, das in Europa von mehreren Spurenmessstellen Ende September registriert wurde, aus der Region Tscheljabinsk im südlichen Ural stammt, stellt sich nun die Frage, von welcher möglichen Quelle das Material freigesetzt wurde und in welcher Konzentration. Erste Antworten lieferte Anfang Oktober das Bundesamt für Strahlenschutz, das die ersten Befunde zusammentrug und veröffentlichte.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Konzentration des radioaktiven Materials, das an zahlreichen Stationen in 14 europäischen Ländern (allein an sieben Stationen in Deutschland) gemessen wurde, sei nur gering gewesen, so dass keine Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung bestanden habe und bestehe, so die Behörde. Die gemessenen radioaktiven Werte lagen zwischen wenigen Mikrobecquerel und wenigen Millibecquerel pro Kubikmeter Luft. Becquerel ist die Einheit für die Aktivität einer radioaktiven Substanz und gibt die mittlere Zahl der Atomkerne an, die pro Sekunde radioaktiv zerfallen. Eine vom Deutschen Wetterdienst betriebene Messstelle in Görlitz hat bei einer Probe, die zwischen dem 25. September und dem 2. Oktober gesammelt wurde, eine Aktivität von fünf Millibecquerel gemessen. Zum Vergleich: Tage nach der Explosion des Kernkraftwerkes Tschernobyl am 26. April 1986 wurden bei Strahlungsmessungen mehrere tausend Becquerel festgestellt. Auf einer Wiese in Baden Württemberg waren es damals sogar 50.000 Becquerel.

          Keine Gesundheitsgefährdung in Europa

          Die radioaktive Strahlendosis, die man im Fall des jüngst detektierten Ruthenium-106 über die Lunge aufnehmen würde, beziffert das BfS mit weniger als 100 Nanosievert. Diese Dosis sei, so die Strahlenschützer, geringer als jene, die man üblicherweise durch die natürliche Umgebungsstrahlung in einer Stunde inhaliert. Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung werden bei Dosiswerten von zehn Millisievert an ergriffen. Die in Görlitz gemessene Dosis beträgt nur ein Hunderttausendstel dieses Grenzwertes.

          Doch aus welcher Quelle stammt das radioaktive Ruthenium-Isotop? Ruthenium ist ein Edelmetall, das chemisch mit Platin und Palladium verwandt ist und deshalb auch als Katalysator verwendet wird. Es kommt in sieben stabilen Varianten vor. Unter den zahlreichen radioaktiven Isotopen des Edelmetalls ist Ruthenium-106 eines der langlebigsten. Seine Halbwertszeit beträgt 374 Tage. Nach dieser Zeit ist von einer bestimmten Stoffmenge an Ruthenium-106 noch die Hälfte vorhanden, die andere Hälfte ist zerfallen.

          Das langlebige Isotop, das radioaktiv über die Aussendung von Betastrahlung in das Element Rhenium zerfällt, wird bevorzugt in der Strahlentherapie verwendet, etwa zur Behandlung von bösartigen Augentumoren. Ruthenium-106 fällt als Produkt bei der Spaltung von Uran in geringen Mengen an und ist deshalb in abgebrannten Brennelementen vorhanden. Das könnte ein Hinweis auf den Ursprung der jüngst nachgewiesenen Konzentrationen sein. 30 Kilometer südlich von der Messstation Argajasch, wo man eine Konzentration registriert hat, die das Tausendfache des erlaubten Grenzwert übersteigt, liegt das ehemalige Atomkraftwerk Majak. Dort hat sich 1957 einer der schlimmsten Reaktorunfälle der Geschichte ereignet. Heute dient die Anlage zur Wiederaufbereitung abgebrannter Brennelemente. Die Vermutung liegt nun nahe, dass es in Majak möglicherweise zu einem Unfall gekommen ist, bei dem unter anderem eine größere Menge an Ruthenium-106 freigesetzt wurde. Über die Winde verteilt hat nur noch ein Bruchteil davon Europa erreicht.

          Atomkonzern bestreitet Unfall

          Dafür, dass es keinen Reaktorunfall gegeben hat, spricht aber der Umstand, dass man Ende September außer Ruthenium-106 keine weiteren radioaktiven Isotope nachgewiesen hat. Ende der neunziger Jahre kamen übrigens die Wiederaufbereitungsanlagen im britischen Sellafield und in La Hague in die Schlagzeilen. Die Anlagen hatten mehr radioaktive Abwasser ins Meer geleitet, als erlaubt. Unter den nachgewiesenen Stoffen war auch Ruthenium-106.

          Dass es trotz der erhöhten radioaktiven Werte im Ural einen Zwischenfall oder eine Panne in einer Atomanlage gegeben habe, bestreitet dagegen der staatliche russische Atomkonzern „Rosatom“. Die Atomanlage in Majak teilte in einer Erklärung mit, dass die von der Wetterbehörde festgestellte radioaktive Belastung mit Ruthenium-106 nicht mit ihren Aktivitäten in Zusammenhang stehe. Majak habe auch seit mehreren Jahren kein Ruthenium-106 produziert.

          Indes wird über eine weitere Quelle von Ruthenium-106 spekuliert. Das Isotop wird auch in Radionuklid-Batterien verwendet, die zur Stromversorgung in manchen Satelliten und Raumsonden dienen. Kam es im Ural zu einem Absturz eines solchen Flugkörpers, bei dem größere Mengen an Ruthenium-106 freigesetzt wurden? Die Ursachenforschung ist noch nicht abgeschlossen.

          Quelle: F.A.Z.

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